Was für ein Luxus. In der olympischen Konkurrenz hatte sich Carl Lewis so sehr nach der Möglichkeit des alles entscheidenden finalen Sprungs gesehnt. Doch als die Zeit reif dafür war, ließ er den Versuch einfach aus. Er konnte sich das leisten, nachdem der letzte Kontrahent, sein Landsmann Joe Greene, auch nicht weiter als 8,50 m gesprungen war. Also raste Lewis wie ein Irrwisch über die Bahn, schwenkte das "Stars and Stripes"-Banner, winkte, lachte, hüpfte wie ein Kind und vergoß Tränen dabei. 85 000 Zuschauer huldigten Frederick Carlton Lewis aus Houston/Texas, einem der größten Leichtathleten aller Zeiten. "Es war einfach schön", freute sich der Drittplazierte Joe Greene. "Ich habe genau hingeschaut, Carl hatte den Sieg im Gesicht." Mit den Titeln "King Carl" und "Carl der Große" wird Lewis schon seit zwölf Jahren geschmückt, nachdem er in Los Angeles das olympische Kunststück von Jesse Owens wiederholte, der 1936 als erster beide Sprintstrecken, den Weitsprung sowie mit der Sprintstaffel gewann. In der Nacht zum Dienstag erweiterte Lewis nun das Kapitel seiner Rekorde. Zum vierten Mal in Folge gewann er den olympischen Weitsprungwettbewerb. Eine solche Siegesserie hatte vor ihm lediglich sein Landsmann Al Oerter vollbracht, der von 1956 bis 1968 das Diskuswerfen für sich entschied. Mit neun Goldmedaillen reiht sich Lewis ein in die Spitzengruppe der Medaillenhamster des Olymps. Er steht auf einer Stufe mit dem legendären Läufer Paavo Nurmi (Finnland), der Turnerin Larissa Latynina (UdSSR) und dem Schwimmer Mark Spitz (USA). Weiter als Lewis sind in den vergangenen Jahren zwar zwei andere gesprungen, aber wer fragt jetzt noch nach ihnen? Weltrekordler Mike Powell blieb in Atlanta lediglich ein verzweifelter Biß in den Sand. Nicht ganz geklärt ist, ob Powell eine Leistenzerrung nur vorgetäuscht hat, um sich nach einer katastrophalen Serie einen medienwirksamen Abgang zu verschaffen. Jedenfalls wälzte sich Powell nach seinem sechsten Versuch minutenlang in der Grube, die Teleobjektive so nah, daß jedes Sandkorn auf seiner Haut zu erkennen war. Aber auch mit diesem mißlungenen Laienspiel ließ sich der Triumph seines Erzrivalen nicht verhindern. Ebenfalls chancenlos blieb der Kubaner Ivan Pedroso, jener Mann, der vor einem Jahr im höhenluftigen italienischen Alpenort Sestriere unter einigermaßen mysteriösen Umständen 8,96 m gesprungen war. Pedroso schied nach dem Vorkampf aus. Als es darauf ankam, dominierte erneut Carl Lewis. Der Dauerbrenner, der in sechzehn Jahren nur gegen drei Springer verlor, gegen Larry Myricks, Mike Powell und Joe Greene. Natürlich hatte Lewis Angst, sein olympischer Traum würde nicht erfüllt. Nach dem vierten Versuch hat der 35jährige deshalb seine jungen Herausforderer James Beckford und Joe Greene angefleht, sie mögen den Wettkampf endlich beenden. "Ich verspreche euch: Dann seht ihr mich nie wieder." Die Sportkameraden mühten sich dennoch verzweifelt, die Weite des Champions zu übertreffen. Siegeshoffnungen hegten sie dabei nie. "Notfalls", war Greene überzeugt, "wäre Carl auch über den Grand Canyon gesprungen". Diese neunte olympische Goldmedaille sei ihm die liebste, hat Lewis gesagt. Sie habe am meisten geschmerzt, sie ging an die Substanz wie keine zuvor. Und noch nie habe er soviel Sympathie und Unterstützung verspürt. Einst galt Lewis als arrogant, geldgierig und exaltiert. Während seiner Medaillenhatz 1984 in Los Angeles wurde er ausgebuht, weil er - um Kraft zu sparen für die 200 m am darauffolgenden Tag - auf seinen letzten Weitsprung verzichtet hatte. Das habe er längst vergessen, sagt Lewis: "Das ist zwölf Jahre und mindestens sechzehn Frisuren her." Im Olympiastadion zu Atlanta war ihm die ungeteilte Zuneigung gewiß. In den Gesichtern der Zuschauer will Joe Greene sogar die Aufforderung gelesen haben: "Spring gut, aber bitte nicht so weit wie Carl." Unter diesen Umständen verbot sich allein der Gedanke an einen Königsmord.Carl Lewis hat in seinem Leben schon viele Rollen gespielt, er war Sänger, Schauspieler, Dressman, Großmaul und Journalist. Oder alles in einem. Selten jedoch füllte er eine Rolle so wunderbar aus wie die, die er im Olympiastadion von Atlanta gab. Dabei tat er gar nichts Besonderes. Er war einfach nur er selbst. Ein Mann mit Witz, Intellekt, Emotion, Erfahrung und Gespür für die Situation. Kein von einer Sportartikelfirma getunter Laufroboter, wie sein Landsmann, Olympiasieger Michael Johnson. Das Publikum hat die Wandlung des aus wohlhabendem Hause stammenden Lewis längst goutiert. Es sehnt sich nach Typen, die mehr bieten, als die von Marketingstrategen programmierte Jagd nach Erfolg. Und Lewis, unter überwältigender Anteilnahme seiner Verehrer soeben frisch gekrönt, steht für neue Taten bereit. Zwar hat er sich als Achter der US-Ausscheidungen über 100 m nicht für das Staffelquartett qualifiziert, doch die Lust darauf ist immer noch groß, die Form passabel dazu, wie sein Siegsprung bewies. Zudem haben sich die US-Sprinter im 100-m-Lauf nicht mit Ruhm bekleckert. "Über die Staffelbesetzung", sagt Lewis, "entscheiden allein die Trainer des amerikanischen Teams." Da hat er ein bißchen geflunkert, der gute Carl. Denn über den Staffeleinsatz in der Nacht zum Sonntag, das weiß er genau, entscheidet jetzt die amerikanische Öffentlichkeit, die Kolumnisten der großen Tageszeitungen, ein bißchen daran drehen wird auch der Olympia-Sender NBC. Deren Votum scheint eindeutig: Ein Mann mit zehn olympischen Goldmedaillen, der Athlet des Jahrhunderts, wird gesucht. Die "Centennial Games" sollen den Helden aller Helden gebären. Nur ein paar Meter trennen Carl Lewis von diesem letzten sportlichen Ziel. +++