Der Mord an Regina Herkt schien geklärt. Doch am Mittwoch sprach das Landgericht den Angeklagten Lars W., 33, frei. Nun bleibt offen, wer der Täter ist - wie bei vielen anderen Morden. Die Berliner Kriminalstatistik führt für das vergangene Jahr 193 Fälle von Mord und Totschlag auf - in knapp 20 Fällen sucht die Polizei noch immer den Täter. Manche wird sie nach Jahren finden, manche nie. Mehrere dutzend gewaltsame Tode sind in den vergangenen zehn Jahren ungeklärt geblieben.Auch der der 52-jährigen Prostituierten Regina Herkt. Sie wurde am 9. August 2002 in ihrer Wohnung in Treptow mit Messerstichen getötet. An der Leiche fand die Polizei ein Barthaar. Daraufhin mussten sich alle Freier der Prostituierten Gentests unterziehen. Die DNA des Haares stimmte mit der von Lars W. überein. Der Kunde und Ex-Liebhaber stand zur Tatzeit unter Drogeneinfluss und gab an, sich nicht erinnern zu können, wo er zur Tatzeit war. In dem Prozess hatte der Staatsanwalt wegen Totschlags neun Jahre Haft gefordert. Das Gericht sah es zwar als wahrscheinlich an, dass Lars W. der Täter ist, handelte jedoch nach der Maxime "im Zweifel für den Angeklagten". Dagegen legte die Staatsanwaltschaft nach Angaben ihres Sprechers Björn Retzlaff am Donnerstag Revision ein. Der Bundesgerichtshof wird das Urteil überprüfen. Die Kriminalisten sind enttäuscht. "Wir haben den Richtigen festgenommen", sagte der Leiter der Mordkommissionen, André Rauhut, am Donnerstag.Die Akten bleiben offenZu den Verbrechen, die rätselhaft bleiben, zählt auch ein Mord vom Dezember 2001. Ohne ersichtlichen Grund wurde morgens um sechs Uhr im Volkspark Wilmersdorf ein Jogger erstochen. Es ist eine von den schwer zu klärenden Taten, bei denen kein Zeuge gefunden wurde und wo Opfer und Täter offenbar nichts miteinander zu tun hatten. In diese Kategorie gehört auch der so genannte Friedhofsmord, der sich am Montag zum ersten Mal jährt. Am 21. Juli 2002 wurde die Wilmersdorferin Dagmar Piechowski auf einem Friedhof nahe der Hasenheide mit Messerstichen getötet. Sie hatte Grabsteine fotografiert. Etwa zur selben Zeit fiel Besuchern ein Mann auf, der zwischen den Gräbern entlangirrte und seine Jacke ständig an- und auszog. Er war zwischen 25 und 35 Jahre alt, etwa 1,85 Meter groß und hatte schütteres blondes Haar. Bis heute ist der offenbar Geistesgestörte nicht gefunden. Der Mord sorgte für Unruhe. Aus allen Bezirken bekam die Polizei Anrufe von Leuten, die auf Friedhöfen merkwürdige Leute beobachtet haben wollen. "Bis heute gingen 360 Hinweise ein", sagt Uwe Isenberg von der 7. Mordkommission. Die Polizei überprüfte alle psychiatrischen Einrichtungen in Neukölln und Kreuzberg - vergeblich.Allerdings schließen die Ermittler ihre Akten auch nach Jahren nicht, denn der kleinste Hinweis kann die Lösung bringen. Vor kurzem wurde ein Spandauer überführt, der 1994 in Kreuzberg einen Mann umgebracht hatte. Er wurde wegen Rauschgiftbesitzes geschnappt, seine Fingerabdrücke stimmten mit den damals gefundenen überein.Auf Glück sind die Kriminalisten offenbar auch beim Babyklappenmord angewiesen. Am 8. Juli 2002 wurde in der Babyklappe des Zehlendorfer Krankenhauses Waldfriede ein toter Säugling gefunden. Die Staatsanwaltschaft veranlasste, dass hunderte Mitarbeiter des Hauses Speichelproben für einen DNA-Test abgeben mussten. Das war nicht einfach: Mehrere Mitarbeiter weigerten sich und mussten per Gerichtsbeschluss geholt werden. Einige sind inzwischen in die USA übergesiedelt, wo der Speichel in Amtshilfe von amerikanischen Behörden entnommen wurde. Dennoch sieht Justizsprecher Retzlaff die Gefahr, dass der Fall vorerst ungelöst bleibt. "Allerdings sind Zufallstreffer möglich. Und Mord verjährt nicht."BERLINER ZEITUNG/PABLO CASTAGNOLA Zahlreiche Mordfälle in Berlin sind nicht aufgeklärt. Es sind jene, bei denen die Zeugen fehlen oder bei denen die Opfer zufällig ausgesucht wurden.