Irgendwann habe ich dann zu Adorno gesagt, dass seine Texte über Jazz einfach nicht stimmen. Woraufhin er zugab, dass er von Jazz eigentlich nichts verstehen würde. Umgekehrt bat er mich, in meinen Texten Jazz nicht mit dem Begriff der Kunst in Verbindung zu bringen. Da hab ich geantwortet, dass wir den Kunstbegriff einfach vor der Tür lassen können." Draußen vor der Tür: Dort sollte der Kunstbegriff für den Philosophiestudenten und Jazzvibrafonisten Karl Berger auch erst einmal bleiben. Damals, 1962, hatte er gerade seine Doktorarbeit über die sowjetische Musikpolitik geschrieben und hätte sich, wäre es nach dem Willen seines Mentors Adorno gegangen, gleich dem nächsten Thema zugewandt. Doch Berger fand, dass es an der Zeit war, sich aus der dünnen Luft des akademischen Elfenbeinturms zu verabschieden, hinab in die dicke Luft der Jazzclubs und Proberäume. Von Deutschland wandte er sich westwärts. In Paris wurde er Mitglied im Quintett des Free-Jazz-Trompeters Don Cherry; schon ein Jahr später folgt er diesem nach New York, wo er Teil der dortigen Free-Jazz-Szene wurde und später, 1971, mit Ornette Coleman die Creative Music Foundation gründete. Obwohl Berger seit 1994 an der Frankfurter Musikhochschule Jazz und Popularmusik unterrichtet, verfiel er nicht in die Sphäre abgehobener Selbstbespiegelungen, er blieb interessiert an den musikalischen Aktivitäten folgender Generationen. So zögerte er nicht lange, als ihn David Moufang - Betreiber des renommierten Heidelberger Labels Source Records - zu einer gemeinsamen Session bat. Ein Experiment mit ungewissem Ausgang, denn Moufang ist nicht nur über 30 Jahre jünger, er gehört auch zu einer Generation von Musikern, die nicht mehr mit "echten" Instrumenten komponieren und improvisieren, sondern digitale Samples verketten und verfremden. "Von Techno habe ich keine Ahnung", sagt der 64-jährige Berger im Gespräch, "aber mit Drum n Bass und mit Ambient kann ich viel anfangen. Denn ich habe mich lange mit afrikanischer und indischer Musik beschäftigt, wo ähnliche Rhythmen Verwendung finden." Als verbindendes Element erwies sich besonders das Interesse an obertonreichen Klangfarben. Zwischen dem Improvisator und dem Programmierer entstand ein eigenes, manchmal dunkel anmutendes Spannungsverhältnis: "Ich bilde das Gegengewicht zu den recht statischen Rhythmusschleifen von David. Aber für ihn gibt es dann noch einen zweiten Arbeitsgang, wenn er die fertigen Tracks mit Hilfe seines Computers manipuliert. Mein Ansatz beim Spielen ist eigentlich ganz naiv: Ich spiele und schaue einfach was passt." Eine hart erarbeitete Naivität gleichwohl, ermöglicht durch die Zusammenarbeit mit dem Musiker und Theoretiker Ornette Coleman. Dessen System der Harmolodics , so Berger, "nahm eigentlich die Idee der Weltmusik vorweg. Es besagt, dass es in den unterschiedlichsten Kulturkreisen gleiche musikalische Grundelemente der Rhythmik oder Obertonharmonik gibt. Diese sind nicht angelernt, sondern im Ursprung schon vorhanden. Auf dieser Grundlage kann man dann zu einem Zusammenspiel finden." Die praktische Bestätigung für Colemans Theorie sucht Berger bevorzugt in der Zukunft: Aufnahmen zu einem Hörspiel sind ebenso geplant wie eine Drum n Bass-Platte für das Label Compost.Conjoint: Earprints (Source / EfA)