Das ist jetzt die zweite Baustelle, mit der Berlin sich binnen kürzester Zeit weltweit lächerlich macht. Erst der Flughafen, nun die East Side Gallery – das größte erhaltene Mauerstück, weltberühmt, bemalt, historisch wertvoll. Fast möchte man sagen, dass der Kalifornier David Hasselhoff mehr für den Erhalt der Mauerstücke getan hat als Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit.

Immerhin kam der einstige Knight Rider kürzlich nach Berlin, um die Freiluftgalerie vor dem geplanten Abriss zu retten – und sorgte für den wahrscheinlich bizarrsten, den schönsten Event seit dem Mauerfall 1989. Die Berliner Politiker verhandelten derweil, wie die East Side Gallery zu retten ist. Aber ohne Ergebnis.

Am Mittwochmorgen nun schuf Investor Maik Uwe Hinkel Fakten. Er will hinter der Mauer ein Hochhaus errichten. Im Morgengrauen unter dem Schutz von 250 Polizisten rollten die Bagger an, um vier Teilstücke aus der Mauer zu reißen. Durch das etwa sechs Meter großes Loch, das mit einem Tor gesichert wurde, sollen Baufahrzeuge die dahinter liegende Baustelle erreichen können. Die Aktivisten, die sich zuletzt für den Erhalt der Freiluft-Galerie stark gemacht hatten, bekamen davon nichts mit; die meisten schliefen noch. Gegen 9 Uhr war der Großteil der Beamten schon wieder abgerückt und auch die Absperrungen waren abgebaut.

Der nächtliche Durchbruch ist der Höhepunkt eines peinlichen Schauspiels, das sich die Beteiligten, also Investor, Bezirk und Senat in den vergangenen Wochen um eines der letzten Relikte der geteilten Stadt geliefert haben. Die East Side Gallery ist das letzte Stück, an dem man ein Gefühl für die geteilte Stadt bekommen kann.

Politik blamiert

Zuletzt wurde der Eindruck erweckt, die Mauer könnte geschont, eine Bebauung womöglich verhindert werden. Investor Hinkel diskutierte öffentlich sogar über Ersatzgrundstücke. Nach den Ereignissen vom Mittwoch fragt man sich allerdings, wie ernst die Signale gemeint waren. „Let’s stop limiting our lives“, heißt der Slogan des Projekts. Übersetzt etwa: Hören wir auf, unserem Leben Grenzen zu setzen. Der Turm soll 63 Meter hoch werden, 15 Stockwerke. Die Zeit drängt, durch den Baustopp hat der Investor nach eigenen Angaben schon 90 000 Euro verloren. Der Rohbau des Wohnturms steht bald, 20 Wohnungen sollen schon verkauft sein, demnächst fahren Möbelwagen vor.

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Blamiert steht vor allem die Politik da. Zwar ist der weit verbreitete Eindruck falsch, dass die Bundeshauptstadt von Ignoranten regiert wird, die sich für die Vergangenheit der Stadt nicht interessieren und jede Freifläche an Investoren verhökern. Es stimmt aber, dass erst Tausende Menschen an der Mauer protestieren mussten, ehe sich der Regierende Bürgermeister Wowereit überhaupt einschaltete.

Anders als Hasselhoff hat man den Kultursenator Wowereit in den vergangenen Wochen nicht an der East Side Gallery gesehen. Von den führenden Landespolitikern wurden die nach der Wende bemalten Mauerreste immer ein wenig belächelt – sie waren vielleicht zu bunt, zu fröhlich, zu unernst, dem Schrecken der Mauer nicht angemessen. Dabei ist die Mauer beides: Symbol für den Schrecken,a ber auch für die Freude der friedlichen Revolution.

Wenn etwas Wowereits Politik in den vergangenen zehn Jahren geprägt hat, dann der Wunsch, Investoren in die arme Stadt zu holen. Das ist angesichts der Haushaltslage verständlich. Doch jetzt, da der Immobilienmarkt boomt, geht es darum, eine Balance zwischen Erhaltenswertem und Neuem zu finden.

Lange herrschte organisierte Verantwortungslosigkeit, wie man sie so oft in Berlin erlebt. Senat und Bezirk schoben sich gegenseitig die Verantwortung dafür zu, die Bebauung des historischen Fleckens nicht verhindert zu haben. Auffällig widersprüchlich dabei das Verhalten des Kreuzberger Bezirksbürgermeisters Franz Schulz (Grüne). Er hätte die Möglichkeit gehabt, das Baurecht auf der Fläche zu ändern, aber jahrelang passierte nichts. 2006 wurde für die Mehrzweckhalle O2-World ein großes Mauerstück entfernt, Partys am Ufer gefeiert.

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Deshalb wirkt es auch so unglaubwürdig, wenn grüne Politiker sich jetzt darüber aufregen, dass auf dem ehemaligen Todesstreifen Luxuswohnungen gebaut werden sollen. Im Februar gab der Bezirk dem Investor Hinkel den Auftrag zum Durchbruch. Bei der Demonstration an der Mauer protestierte Bezirksbürgermeister Schulz dann gegen die Maßnahme, die er selbst angeordnet hatte. Wowereit versprach vor vier Wochen, er wolle mit dem bezirklichen Planungschaos aufräumen. „Ich setze mich für den Erhalt der East Side Gallery ein“, sagte er. Er lud zu Gesprächen, die vom Senatssprecher verborgen wurden, als handele es sich um Nahost-Friedensverhandlungen. Auch die Grünen mischten mit, redeten von Ersatzgrundstücken. Man hatte den Eindruck, dass alle Beteiligten mit falschen Karten spielten.

Abfuhr noch vor dem Gespräch

Wowereit hatte den Bau nie grundsätzlich in Frage gestellt. Er betonte auch, dass man Investoren nicht verprellen dürfe. Als Kompromiss schlug er vor, den Zugang zum Hinkel-Hochhaus über das Nachbargrundstück zu legen, das einer israelischen Baugemeinschaft gehört. Am Mittwochnachmittag wollten sich die Beteiligten im Roten Rathaus noch mal treffen, um über eine Lösung zu beraten.

Doch der Investor erteilte Wowereit vorher eine Absage. Nach Prüfung durch Baufirmen und Architekten habe sich herausgestellt, dass die bisher vorhandene Lücke nicht ausreiche, um den Kran zu justieren, Materialtransporte zu organisieren. Er kritisierte die mangelnde Kooperation mit dem Bezirksamt, machte aber deutlich, dass er auf einem eigenen Eingang besteht. „Wenn ,Living Levels’ nicht direkt an die Mühlenstraße angeschlossen werden kann, fehlen auch die notwendigen Zufahrten für Krankenwagen und Feuerwehr“, argumentierte Hinkel.