ROCAFUERTE. Wenn es die Kapuzinermönche mit ihrem Krankenhaus nicht gäbe, könnte man Rocafuerte ein gottverlassenes Nest nennen. Auf der Uferstraße entlang des lehmigen, trägen Rio Napo trottet ein Schaf zwischen spielenden Kindern, Hunde und Enten dösen im Schatten der Bäume, ab und zu fliegen knallbunte Papageien durch die Luft. Das Rathaus ist geschlossen, die Fahnenmasten davor stehen schief. Autos gibt es nicht. Parallel zur Uferstraße steht eine weitere Reihe schlichter Holzhäuser, dahinter beginnt der Wald, grün und still und dicht wie eine Wand.Wird das so bleiben - ein Macondo im Amazonasbecken, das 13 Stunden Bootsfahrt von Coca, der nächsten Stadt, entfernt ist? Hier in der Gegend gibt es Öl. Die Förderlizenzen sind noch nicht vergeben, aber die Firmen aus Chile, Brasilien, China stehen Schlange. Wenn es losgeht mit dem Öl, ist bald Schluss mit Rocafuertes Verträumtheit. Die Ecuadorianer kennen das aus Erfahrung. Seit 40 Jahren wird in ihrem Teil des Amazonasbeckens Öl gefördert.Bedenkzeit bis 2008Aber genauso gut könnte es sein, dass auf unabsehbare Zeit zwar kein Öl und trotzdem Geld flösse - viel Geld womöglich. Denn Ecuadors neuer, linker Präsident Rafael Correa hat einen geradezu revolutionären Vorschlag unterbreitet: Ecuador verzichtet darauf, die reichen Ölquellen hier anzuzapfen. Damit würde das Klima geschont, eines der artenreichsten Urwaldgebiete der Welt bliebe erhalten, und die dort lebenden Indianer-Clans könnten unbehelligt durch ihre Wälder schweifen. Im Gegenzug würde das Ausland die Hälfte des Einkommens bezahlen, das Ecuador aus dem Öl bezöge. Das könnte dem Land im Idealfall einen Ausweg aus der Massenarmut eröffnen.Das Klima ändert sich dramatisch, deshalb hat Correas Vorstoß die Experten weltweit elektrisiert. Der Präsident fordert 350 Millionen Dollar jährlich, und das über zehn Jahre, weil danach das Öl erschöpft wäre. Aber welche Garantien hätten die Geber, dass das Öl wirklich ewig ungefördert bleibt? Was geschieht mit dem Geld - fließt es einfach in den Staatshaushalt? Dürfen die Geber über die Verwendung mitbestimmen? Bekommen die Leute in Rocafuerte ihren fairen Anteil, und was machen sie damit? Correa hat den Gebern bis Mitte 2008 Zeit gegeben. Zu wenig vielleicht, um all die Details zu klären.Kurz hinter Rocafuerte geht es in einen Nebenfluss: Ein stilles, intaktes Urwald-Universum öffnet sich - ein winziger Zipfel des Gebietes, um das es in dem Vorschlag geht. Riesige von Lianen umwobene Bäume gleiten am Ufer vorüber, der Fluss weitet sich zu einer Lagune und verengt sich wieder. Sechs, acht Stunden Fahrt, dann komme die nächste Siedlung, schreit der Bootsführer in den Lärm des Außenbordmotors.Eigentlich steht der Yasuní-Nationalpark unter dem Schutz der Uno (siehe Kasten), und doch wird dort Öl gefördert. Aber im Osten des Parks liegt der bisher nicht vergebene Block 43, der nun unter dem Kürzel ITT - für die Flurnamen Ishpingo, Tambococha, Tiputini - weltbekannt geworden ist.ITT eignet sich besonders gut für den Vorschlag. Das Öl-Lager ist besonders groß - bis ein Fünftel aller Vorräte Ecuadors. Und die Natur ist spektakulär. Auf einem einzigen Hektar finden sich 644 Baum-Arten, fast so viele wie in ganz Nordamerika. Zwei Fünftel aller Säugetier-Arten des Amazonasbeckens sind im Yasuní zu Hause - unglaublich, weil der Park nur ein Klacks ist im 6,6 Millionen Quadratkilometer großen Amazonasgebiet.Der Ökonom Alberto Acosta argumentiert anders. "Wo ist das Geld geblieben?", fragt der 58-Jährige, der in Köln studiert hat und als geistiger Vater des ITT-Vorschlags gilt. Seit 1967 hat Ecuador über vier Milliarden Barrel im Wert von 82 Milliarden Dollar gefördert und ist unterentwickelt geblieben. Öl allein sei kein Weg zur Entwicklung. Im Gegenteil, der Reichtum der Natur ziehe die Armut der Menschen geradezu nach sich. Die Arbeit müsse Basis der Entwicklung sein, sagt Acosta, der bis vor kurzem Correas Energieminister war: "Wir können doch nicht ewig mit der Vorstellung leben, dass die Bodenschätze allein auf quasi magische Art unsere Probleme lösen."Die Öl-Branche hält natürlich nichts von alledem. Fernando Santos, der vor zwanzig Jahren Ölminister war, charakterisiert Acosta als romantischen Öko-Spinner. Die Öl-Firmen, die ja im Tropenwald eigentlich gar keinen Schaden anrichteten, fühlten sich "alleine gelassen" von Correas Regierung. "Früher hat das Militär die Firmen noch geschützt", klagt Santos, "aber heute verbietet die Regierung den Soldaten ja zu schießen!" In Orellana und Sucumbíos, den beiden Öl-Provinzen, ist die Lage seit Jahren gespannt. Streiks, Blockaden, Proteste, an deren Spitze die Lokalpolitiker stehen - die Ölförderung ist höchst umstritten, und die Regierung hat den Widerstand in der Tat mehrfach gebrochen, indem sie das Militär schickte.Die Straße von Coca, einem der Zentren des Öl-Business, nach Norden führt am Flughafen vorbei, wo die Spezialfirmen der Branche ihre Werkshöfe haben. Enrique Morales, der Umweltdezernent der Provinz Orellana, sprudelt während der Fahrt Daten hervor: 120 Altöl-Lachen und -Seen in der Gegend, 50 Prozent der Flüsse verseucht, 49 Prozent der Menschen in Orellana leben in absoluter Armut, während es im Landesdurchschnitt 32 Prozent sind.Irgendwann biegt er ab, nach zehn Minuten hält er an. Die Senke links der Straße, halb so groß wie ein Fußballfeld, ist schwarz vor Öl, die Vegetation tot. Hier ist vor ein paar Wochen die 35 Jahre alte Ölleitung geplatzt. Bis die Ventile geschlossen wurden, liefen 30 000 Barrel aus. Das Leck ist repariert. Aber das Öl ist noch da.Rocafuerte, sagt Morales, wäre am stärksten betroffen, wenn im ITT Öl gefördert würde. Aber die Leute dort haben höchstens nebelhafte Vorstellungen von dem Vorstoß Correas. Dona Emilia schüttelt nur den Kopf, andere meinen, der "Vorschlag der Regierung" sei der Beschluss, im ITT nach Öl zu bohren. "Wir wissen nichts Genaues", sagt der Schuldirektor Nelson Castillo, der seit 35 Jahren in Rocafuerte lebt, "eigentlich sind die Leute gegen das Öl, aber natürlich hoffen sie alle auf Arbeit." Eine umweltverträgliche Förderung schließt er aus: "Das Öl wird alle Schönheit zerstören, die wir hier haben".Jaime Cabrera baut an einem Flussarm Maniok, Mais und Gemüse an. "Das halten die nie", sagt er erbost auf die Frage, wie er den Vorschlag der Regierung findet. Wobei die Antwort eher seinen grundsätzlichen Zweifel an allen Versprechen der Regierung ausdrückt. Er ist dagegen, dass sich die Ölfirmen auch hier breit machen, er hätte auch nichts davon: "Die kaufen bei uns nicht mal das Essen für ihre Leute!"Indianertraum vom TourismusKämpferischer klingt es ein halbes Stündchen Bootsfahrt weiter, in Martinica, wo Clever Jumbo, 37, als Häuptling der Quichua-Indianer amtiert. "Wir sind alle einverstanden mit dem Vorschlag des Präsidenten, Hauptsache, wir kriegen etwas ab von dem Geld", sagt er. Sie träumen vom Tourismus; von Fremden, die sie in ihren Hütten beherbergen, durch ihre Wälder führen, über ihre Flüsse rudern könnten. Wenn die Ölfirmen doch kommen? "Dann leisten wir Widerstand", sagt Clever, "leben oder sterben, so heißt es doch, oder?"Fragt sich nur, ob der Widerstand nicht schnell gebrochen würde. Das Beispiel sind die Huaorani-Indianer, die ursprünglich als Jäger und Sammler durch die Gegend zogen und erst seit in den Siebzigern Kontakt zur Außenwelt haben. Heute sind sie gespalten und verfeindet. Einige Clans von ihnen ziehen immer noch die Isolation vor; sie wehren sich gelegentlich mit Lanzen und Pfeilen gegen illegale Holzfäller. Andere Huaorani sind mit der Holz-Mafia verbrüdert: Sie kassieren an jedem Baumstamm mit und bedrohen die Parkwächter.Wieder andere verstehen sich sehr gut mit den Ölfirmen. Als Herren des Landes stellen sie ihre Forderungen: Autos und Eisschränke, Jobs und feste Häuser. Die Firmen erfüllen die Wünsche; das sorgt für Frieden, macht die Indianer abhängig und spielt finanziell kaum eine Rolle. "Sie haben sich zivilisiert", sagt der Schuldirektor über die Huaorani. Ohne jede Ironie.------------------------------Park unter SchutzKarte: Der Yasuní-Nationalpark besteht seit 1979, 1989 wurde er in den Rang eines Biosphären-Reservats erhoben, womit er den Schutz der Vereinten Nationen genießt. 1999 wurde ein Teil von ihm zur "Zona Intangible", zum unberührbaren Bereich erklärt.Der internationale Schutzstatus hat nicht verhindert, dass im Park Öl gefördert wird. Sieben Förder-Blocks sind ausgewiesen, zwei Straßen führen durch die entsprechende Zone.Zur Überwachung der 9 800 Quadratkilometer Urwald hat die Parkverwaltung ganze neun Mann, denen oft der Diesel für die Boote fehlt, um Benzinschmugglern, Drogenhändlern, Wilderern und vor allem den Holzfällern nachzustellen.------------------------------Foto: Der Felsenhahn, einer der Vögel, im Urwald Ecuadors------------------------------Foto: Ölförderung hat einen Teil des Yasuní-Regenwaldes bereits zerstört.