FRANKFURT A. M., 26. April. Für Spekulanten ist Palladium derzeit der Rohstoff des Jahres. Das Edelmetall, das für Zahnfüllungen, Autokatalysatoren und für elektronische Bauteile (zum Beispiel in Handys) gebraucht wird, kostet plötzlich mehr als Gold. Regelrechte Panikkäufe haben die Preise für Palladium emporkatapultiert. An den Terminbörsen herrscht seit Tagen helle Aufregung. Die Gerüchte über einen undurchsichtigen Lieferengpaß überschlagen sich. Die Händler greifen zu, als gäbe es zum letzten Mal auf dieser Welt noch etwas von den seltenen Edelmetallen. Kostete die Unze Palladium zu Weihnachten noch gut 180 Dollar, muß man jetzt schon deutlich mehr als 300 Dollar zahlen. Damit ist Palladium so teuer wie seit zwei Jahrzehnten nicht mehr.Der Schlüssel zum Palladium-Geheimnis liegt in Moskau. Rußland ist der weltgrößte Palladiumproduzent und beherrscht zusammen mit Südafrika den Weltmarkt. Über die Moskauer Zentralagentur Almaz wurden bis vor wenigen Monaten die allermeisten Lieferungen von Palladium abgewickelt. Nur seit Jahresbeginn verkauft Almaz nichts mehr. Was anfangs mit "bürokratischen Problemen" kaschiert und später dann mit einem Streik in dem Bergbaugebiet Norilsk entschuldigt wurde, entpuppte sich im Laufe des Frühjahrs als etwas ganz anderes: Die fortschreitende Finanzkrise in Moskau hat Almaz zum Spielball Moskauer Intrigenpolitik werden lassen. Entgegen der Gepflogenheiten durfte Almaz keine Lieferverträge mit den westlichen vor allem japanischen Abnehmern mehr schließen. Statt dessen haben andere Staatsinstitutionen die Verfügungsgewalt über den Edelmetallhandel an sich gerissen und bauen jetzt eigene Reserven auf. Zugleich reifte in Moskau der Spekulationsgedanke, man könne durch eine künstliche Lieferverknappung den Weltmarktpreis rasch hochtreiben. Aus Moskau hieß es, Almaz habe noch keine Exportgenehmigung, und müsse erst einmal auf die Einsetzung einer neuen Regierung warten. Über die Hintergründe des Palladium-Spektakels gibt es zahlreiche Vermutungen. Einige Analysten wollen wissen, daß Rußland auf die Forderungen von Bankkrediten Platin und Palladium als Sicherheit zurückbehalten müsse. Andere Experten berichten, daß Rußland in den vergangenen Jahren seine gesamten Reserven verkauft habe und nun Ware aus der laufenden Produktion zurückhalte, um wieder Vorräte zu bilden. Wieder andere sprechen von einer gezielten Manipulation des Marktes durch Rußland. Genaue Nachrichten sind aus Moskau nicht zu bekommen. Statt dessen brodelt die Gerüchteküche. An den Warenbörsen jedenfalls hat man lange keine neue Ware aus Rußland mehr gesehen. Da die Märkte für Platin und Palladium sehr eng und preisempfindlich sind, haben sofort Spekulanten ihr Geschäft gewittert, zumal die industrielle Nachfrage nach den beiden Edelmetallen lebhaft ist. Skeptische Marktkenner warnen freilich vor einer Spekulationsblase. Bereits im vergangenen Sommer habe man ähnliche Preissprünge wegen russischer Lieferprobleme gesehen. Im Herbst hatte sich der Markt dann wieder beruhigt.

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