In der fünften Etage des Flughafen-Terminals Scheremetjewo-E, am Rande von Moskau, gibt es seit 2009 ein ungewöhnliches Hotel. Es ist vergleichbar mit den japanischen Kapselhotels der 1970er Jahre. Die Zimmer sind kompakt und wirken eher wie Schiffskajüten. 66 gibt es davon, von 7,5 Quadratmetern bis 22 Quadratmeter Fläche in der Luxusvariante, alle mit Toilette, Dusche, Waschbecken, Telefon und Internet ausgestattet. Das Hotel ist konzipiert für Leute, die ein paar Stunden oder eine Nacht auf dem Flughafen überbrücken müssen, ehe es weiter geht irgendwohin auf der Welt. Für Transitreisende.

Als der Amerikaner Edward Snowden vor ein paar Tagen aus Hongkong kommend in Scheremetjewo landet, weiß er noch nicht genau, wohin ihn die Reise führen wird. Er ist auf der Flucht, mit ecuadorianischen Reisedokumenten ausgestattet. Es gibt einen Haftbefehl gegen ihn wegen Spionage und Diebstahl, zu Hause droht ihm eine lebenslange Haftstrafe. Russland könnte der rettende Hafen sein, in dem er politisches Asyl findet, vielleicht aber auch nur ein Zwischenstopp auf dem Weg in ein anderes Land.

Seit gut einer Woche sitzt Snowden nun auf dem Moskauer Flughafens fest, eine Kajüte im Kapselhotel kommt für ihn nicht in Betracht, er ist kein gewöhnlicher Transitreisender. Streng abgeschirmt wartet er irgendwo, wie sich die Dinge weiter entwickeln. Er hat sie nicht in der Hand. Mit seinen Enthüllungen hat er eine diplomatische Krise ersten Ranges auslöst und ist zum Spielball der Großmächte geworden. Asyl in Russland hat Snowden inzwischen abgelehnt, weil er auf Präsident Putins Bedingung, er solle aufhören, den USA mit seinen Enthüllungen Schaden zuzufügen, nicht eingehen will.

Mit dem Internet groß geworden

Snowdens Geschichte handelt von einem, der die Welt retten will und den meisten seiner Landsleute als Hochverräter gilt. Andere, vor allem in Europa, sehen in ihm so etwas wie eine zweiten Mahatma Gandhi, einen, der mit einem beispiellosen Akt zivilen Ungehorsams das Zeug zum modernen Superhelden hat.

Edward Snowden ist einer der vielen Amerikaner der ersten Generation, die vollständig mit dem Internet groß geworden ist. Geboren wird er 1983, in jenem Jahr, in dem auch das Zeitalter des Internets beginnt. Er wächst in einer Mittelstandsfamilie auf, zuerst in North Carolina, dann in Maryland. Sein Vater ist Beamter, seine Mutter eine Gerichtsangestellte. Sie trennen sich, als Snowden fast 20 ist. Ein ruhiges Kind soll er gewesen sein, berichten amerikanische Zeitungen, einer, der fast seine gesamte Zeit vor dem Bildschirm verbringt.

Snowden ist kein sonderlich guter Schüler, in seiner Freizeit bastelt er an Computern herum, spielt leidenschaftlich Fantasy-Spiele und liebt japanische Animationsfilme. Die Schule bricht er ab, auch im Studium langweilt er sich nur und beendet es nicht. Lieber entwirft er eine eigene Website. Helden sehen anders aus.

Um seine berufliche Zukunft sorgt sich Snowden nie. Ein Computerzauberer findet überall einen Job, glaubt er, und braucht keinen Hochschulabschluss. Er soll damit Recht behalten. Die US-Sicherheitsbehörden sind ständig auf der Suche nach digitalen „freaks“ wie ihn, erst recht nach dem 11. September 2001, nachdem George W. Bush das Programm zum Ausspähen der Internetaktivitäten der Bürger anregt und den Geheimdienst NSA mit der Vollmacht ausstattet, Daten in bisher nicht dagewesenem Ausmaß zu sammeln.

Erst einmal aber meldet sich Snowden freiwillig zur Armee, um im Irak-Krieg zu kämpfen. Heute sagt er, er habe die Menschen dort befreien wollen. Er kommt nicht weit mit seiner Mission, bricht sich beide Beine während der Ausbildung und wird ausgemustert.

Über Umwege kommt er schließlich zur CIA. Edward Snowden ist jetzt 24 Jahre alt, er arbeitet als Computerfachmann mit höchster Sicherheitsstufe und wird nach Genf geschickt. Dort, vor der schönen Kulisse von See und hohen Bergen, sitzen wichtige Teile der Uno, dazu Botschaften und internationale Organisationen aus aller Welt. Auf dem neutralen Schweizer Boden finden wichtige Konferenzen zwischen verfeindeten Kriegsparteien statt, ein interessantes Terrain für Geheimdienstler.

Doch Snowden hält es dort nicht lange, nach zwei Jahren wechselt er zur National Security Agency (NSA), jener legendenumwobenen Superbehörde in Fort Meade in der amerikanischen Wüste. Sie ist so geheim, dass Kritiker sie auch als „No Such Agency“ verspotten. Sie sammelt, das weiß die Welt seit Snowdens Enthüllungen, geradezu besessen Daten, zeichnet Billionen E-Mails, Telefongespräche und Chats auf, getreu dem Motto, alles kann irgendwann einmal nützlich werden.

Für den NSA geht Snowden erst nach Japan, dann nach Hawaii. Dort lebt er mit seiner Freundin, einer Tänzerin, in einem großen Haus und bekommt zuletzt nach eigenen Angaben 200 000 Dollar im Jahr für sein Expertenwissen. Mittlerweile arbeitet er für die Firma Booz Hamilton, eine Beraterfirma, die spezialisiert ist auf technologische Dienstleistungen für Regierungen – auch für die NSA.

Seiner Freundin sagt er nur vage, dass er eine Zeit lang weg sein werde, dann begibt er sich Ende Mai auf seine spektakuläre Flucht, die er offenbar von langer Hand vorbereitet hat, mit dem Vorsatz, sein Wissen öffentlich zu machen. Von Hongkong aus lässt Snowden die Welt wissen, dass er sich gezielt bei der Firma hat anwerben lassen. Damit wird er für die USA endgültig zum Hochverräter.

Richtung Hongkong flüchtet der 30-jährige Computerspezialist aus den USA mit vier Laptops im Gepäck. Nachdem er Medien mit seinen spektakulären Enthüllungen gefüttert hat, outet er sich selbst als Quelle. Snowden wird zu einem neuen Typ des Whistleblowers – und zu einem der meistgesuchten Männer der Welt. Edward Snowden hat jetzt viele neue Freunde, aber sie können ihm nicht helfen. Und vor allem hat er jetzt mächtige Feinde.

Sich selbst nennt Snowden in einem Interview, das er dem Guardian-Journalisten Glenn Greenwald in Hongkong gibt, einen „Infrastrukturanalysten“. Hinter der scheinbar harmlosen Bezeichnung verbirgt sich ein neuer Typus Mitarbeiter, der dank seiner Computerkenntnisse Zugang zu einem ebenso exklusiven wie explosiven Wissensschatz hat. Ein Infrastrukturanalyst wird beim Geheimdienst dafür bezahlt, nach neuen Wegen zu suchen, um in interne Datensysteme und Server einzudringen.

Die zwölfeinhalb Minuten lange Aufzeichnung wird im Netz schnell zum Kult, fast zwei Millionen Menschen haben den Film bereits angeklickt. Zu sehen ist dort ein blasser junger Mann mit dunkler Brille, Mehrtagebart und blaugrauem Hemd, der sehr genau weiß, was er sagt. Snowden hat offenbar gründlich nachgedacht über die Folgen seines Tuns. Im Laufe seiner Tätigkeit, so beschreibt er seine Motive, sei ihm immer klarer geworden, dass vieles von dem, was die US-Geheimdienste tun, Missbrauch sei und die US-Regierung jedes Maß und Ziel überschritten habe.

Snowdens Credo klingt simpel. „Irgendwann stellt man fest, dass man Rechtsbrüche gesehen hat, und will darüber reden. Aber je mehr man darüber redet, desto häufiger wird einem gesagt, dass es doch nicht so schlimm sei. Bis man an den Punkt kommt zu sagen, es gibt Dinge, die in der Öffentlichkeit entschieden werden müssen, nicht einfach von irgendjemandem, der für die Regierung arbeitet.“ Das ist seine Mission, die Welt aufzuklären über diesen ungeheuren und ungeheuerlichen Datenmissbrauch, der da im Namen von Sicherheit und Menschenrechten von einem Staat begangen wird, der für sich in Anspruch nimmt, einer der freiesten und demokratischsten der Welt zu sein. Unter einem Präsidenten, der im Wahlkampf Transparenz und Aufklärung versprochen hat. Über Barack Obama ist Snowden zutiefst enttäuscht, da könne es einfach nicht zulassen, dass gerade die USA ihren Bürgern jede Privatsphäre nähmen.

Dass er mit seiner Flucht vogelfrei wird, ist Snowden bewusst. „Wenn sie dich kriegen wollen, dann kriegen sie dich irgendwann“, sagt er über die US-Geheimdienste. Es gibt genügend Beispiele in der Geschichte der Spionage dafür. Snowden aber ist kein Agent im herkömmlichen Sinn, für sein Wissen bekommt er, soweit bisher bekannt, kein Geld von einem gegnerischen Geheimdienst. Als Verräter sieht er sich ohnehin nicht, da er keine militärischen Daten preisgegeben habe.

Für den Ernstfall abgesichert

„Ich bin nur ein ganz normaler Typ ohne besondere Fähigkeiten, der jeden Tag in seinem Büro sitzt und sieht, was passiert“, sagt Snowden nicht ohne Koketterie im Gespräch mit Glenn Greenwald. In einem Live-Chat, den die Leser des Guardian über Greenwald mit dem Gejagten führen können, legt er noch einmal nach. „Die US-Regierung wird das nicht vertuschen können, indem sie mich einsperrt oder ermordet. Die Wahrheit ist nicht aufzuhalten.“ Für den Fall, dass ihm etwas „zustößt“, hat er sich abgesichert, offenbar gibt es Kopien der Daten, die er bei Vertrauten deponiert hat.

Die US-Behörden haben Snowdens US-Pass für ungültig erklärt und fordern seine Überstellung in die USA. Snowden soll der Prozess gemacht werden. Sollte es zu einem Gerichtsverfahren kommen, dann dürfte Snowden ähnlich behandelt werden wie Bradley Manning, allerdings vor einem Zivilgericht. Der Obergefreite muss sich derzeit vor einem Militärgericht verantworten, weil er der Enthüllungsplattform Wikileaks Hunderttausende von Dokumenten aus Datenbeständen der US-Armee gegeben hat. Ihm droht eine Verurteilung zu lebenslanger Haft.

Dazu will es Snowden für sich nicht kommen lassen, auch wenn er weiß, dass es nicht viele Länder gibt auf der Welt, in denen er vor dem Zugriff der amerikanischen Geheimdienste sicher wäre. In einer Reihe von Ländern hat Snowden inzwischen Antrag auf Asyl gestellt, darunter in Deutschland und China. Aber die weigern sich bis jetzt, ihn aufzunehmen; teils aus formellen Gründen, teils aus der Sorge, es sich mit der Supermacht zu verderben. Auch Ecuadors Interesse ist inwischen abgekühlt.

Theoretisch könnte Snowden versuchen, zum Beispiel nach Deutschland zu kommen, um Asyl zu beantragen. Praktisch ist das schwierig ohne gültigen Pass. Vorschläge wie die der Washington Post dürften für ihn nicht infrage kommen. Die meint, er solle sich den US-Behörden stellen und mit ihnen eine Strafmilderung aushandeln. Das wäre für ihn besser als ein „dauerhaftes Exil in einem unfreien Land“. So muss Snowden wohl noch in Scheremetjewo bleiben. Ein unbequemer Zeitgenosse im Transit, den niemand aufnehmen will.