MoskauIn nicht einmal zwei Monaten wird US-Präsident Barack Obama in Moskau Präsident Wladimir Putin besuchen, so ist es geplant. Aber je näher der Termin rückt, desto dringender stellt sich die Frage, wie der Fall Snowden die gegenseitigen Beziehungen belastet. Am Freitag hatte der flüchtige Ex-Geheimdienstmitarbeiter offiziell verkündet, er wolle Asyl in Russland beantragen. Zwar bleibe sein Ziel weiterhin Lateinamerika, aber so lange die Vereinigten Staaten durch ihren Druck seine Weiterreise verhinderten, benötige er Schutz in Russland. Snowden sprach vor einer kleinen Gruppe von Menschenrechtlern und Anwälten im Transitbereich des Flughafens Scheremetjewo, wo er seit drei Wochen festsitzt. Es war das erste Mal, seit er sich in Russland aufhält, dass er an die Öffentlichkeit trat.

Telefongespräch mit Putin

Die Antwort aus Washington blieb nicht aus: Man sei „enttäuscht“, dass russische Behörden dieses Treffen überhaupt ermöglicht und Snowden so „eine Propaganda-Plattform“ gegeben hätten, kritisierte die Sprecherin des US-Außenministeriums umgehend. Und Barack Obama machte den Fall zur Chefsache: In einem Telefongespräch mit Putin erörterte er Snowdens Status. Die USA fordern von Russland dessen Auslieferung.

Außer Zweifel steht laut Informationen der Zeitung Kommersant, dass Obama den G20-Gipfel besuchen wird, der am 5. und 6. September in St. Petersburg stattfindet. In Frage steht jedoch ein Besuch in Moskau unmittelbar zuvor. Sollte Snowden dann immer noch in Scheremetjewo festsitzen, befänden sich der US-Präsident und der meistgesuchte US-Bürger in derselben Stadt.

Russlands Parlamentssprecher Sergej Naryschkin sprach sich dafür aus, Snowden Asyl auf Zeit zu gewähren. „Ich halte Snowden für einen Menschenrechtler, der für die Rechte von Millionen und Abermillionen Menschen auf der ganzen Welt eintritt“, sagte Naryschkin am Freitag dem Sender Rossija 24. In den Vereinigten Staaten drohe ihm die Todesstrafe, das verbiete eine Auslieferung. Allerdings müsse Snowden sich an die von Putin geäußerte Bedingung halten, den „amerikanischen Partnern“ keinen Schaden zuzufügen.

Ob er dazu bereit ist, war Snowden auch auf dem Treffen im Flughafen gefragt worden. „Es ist sehr leicht für mich, dem zuzustimmen“, war Snowdens Antwort. „Was ich getan habe, geschah in der Vergangenheit.“ Doch habe er keine Gewalt über das, was Journalisten täten, sagte Snowden gemäß Tonaufzeichnungen.

Weiteres brisantes Material

Snowdens Enthüllungen über die Datensammelwut des US-Geheimdienstes NSA waren vom Journalisten Glenn Greenwald enthüllt worden. Dieser verfügt nach eigenen Worten über weiteres brisantes Material. Greenwald sagte am Freitag, auch eine Bitte Snowdens könne ihn von einer Veröffentlichung nicht abhalten. „Ich wäre schockiert, wenn er mich darum bitten würde“, sagte er der Washingtoner Onlinezeitung Politico.

In einem am Samstag erschienenen Interview mit der argentinischen Zeitung La Nación sagte Greenwald, dass Snowden offenbar Kenntnisse über weit mehr brisantes Material hat, als bislang preisgegeben. „Snowden besitzt genügend Informationen, um der US-Regierung innerhalb einer Minute mehr Schaden zuzufügen, als es jede andere Person in der Geschichte der USA jemals getan hat“, sagte er.