Wir entscheiden über die Bedeutung Edward Snowdens, jenes Ex-Mitarbeiters der NSA, der aus den USA nach Russland fliehen musste. Wenn seine Enthüllungen nicht helfen, unseren Umgang mit den neuesten Ausforschungstechniken radikal zu ändern, wenn wir seine Einsichten beiseiteschieben und Geheimdienste und Unternehmen weiter machen lassen wie bisher, dann wird Snowden bald eine vergessene Episode sein, dann wird freilich auch die Freiheit, so wie wir sie eine Weile kannten, abgeschafft sein.

Wenn wir Snowdens Enthüllungen, die ja nichts anderes sind als Aufklärung über den prekären Zustand unserer bürgerlichen Freiheiten, ernst nehmen, dann markiert die Intervention Edward Snowdens einen epochalen Einschnitt. Wer nach der Aufklärungsarbeit Edward Snowdens weiter so tut, als habe die Regierung das Recht, alles über jeden ihrer Bürger oder gar über jeden Bürger der Welt zu erfahren, der hat sich in der ewigen Auseinandersetzung zwischen Bürgerrechten und Staatsgewalt auf die Seite der letzteren gestellt.

Jeder Bürger ist eine potenzielle Gefahr für jeden anderen Bürger. Das war schon immer so. Der Staat hatte schon immer den Anspruch, die Bürger vor sich selbst zu schützen. Die Bürger haben sich immer wieder gegen diesen Anspruch gewehrt, weil sie wussten: Die Stärkung der Bürgerrechte stärkt die Bürger auch gegeneinander. Das ist der demokratische Weg, der Weg, der in vielen Staaten zu mehr Sicherheit und Wohlstand geführt hat.

Die neuen Überwachungstechniken verlangen neue Definitionen der Bürgerrechte. Die Kampfzone ist gewaltig erweitert worden. Darauf müssen wir Antworten finden. Edward Snowden hat in einer nicht einmal zweiminütigen Weihnachtsbotschaft für den englischen Channel 4 auf die Dringlichkeit des Themas hingewiesen.

Die Dimension, um die es geht, hat er in wenigen, sehr eindrücklichen Sätzen festgehalten: „Ein heute geborenes Kind wird nicht mehr wissen, was Privatleben ist. Es wird nicht mehr wissen, was es bedeutet, einen privaten Moment, einen Gedanken zu haben, der weder aufgezeichnet wird, noch analysiert. Das ist ein Problem, denn das Privatleben ist wichtig, das Privatleben hilft uns zu bestimmen, wer wir sind und wer wir sein wollen.“

Edward Snowden hat Recht. Das ist der entscheidende Punkt. Es geht nicht darum, dass Europäer und Chinesen gleichziehen mit den USA. Dass die Massenüberwachung dezentralisiert wird. Es geht um ihre Abschaffung. Eltern wissen: Wenn die Kinder anfangen, darauf zu bestehen, dass man anklopft, bevor man ihr Zimmer betritt, dann werden sie erwachsen. Jedenfalls sind sie dabei, sich ihrer selbst bewusstzuwerden. Dazu gehört, dass sie für sich sein wollen. Jeder braucht diesen Raum, in dem er nicht nur er selbst sein, sondern auch er selbst werden kann. Durch ausprobieren, durch Fehler hindurch. Schlimm genug sind schon Eltern, die jeden Schritt der Kinder argwöhnisch beäugen und herauszufinden versuchen, wohin sie sich entwickeln. Aber vollends katastrophal wäre es, Staat und Gesellschaft insgesamt würden Kontrollorgane, die jeden unserer Schritte auf politische, ökonomische und gesellschaftliche Verträglichkeit hin untersuchten.

Wir könnten uns noch weniger als heute zu freien Menschen entwickeln. Ja, die Gesellschaft würde aufhören, sich zu entwickeln. Es würde nur darauf geachtet, den Status quo zu erhalten. Nichts ist verhängnisvoller. Veränderungen kommen immer von denen, die anders sind oder etwas anders machen. Ohne sie stagniert eine Gesellschaft. Wir brauchen die Freiräume, wir brauchen die Einzelnen, weil wir nur so mit den Veränderungen, die kommen, ob wir wollen oder nicht, mithalten können. Wenn nicht auf Edward Snowden hören, wenn wir seinen Mut nicht nutzen, dann verspielen wir mit unserer Privatheit, ein wesentliches Element dessen, was unser Menschsein ausmacht.

Meine Pubertät verbrachte ich in einem Internat. Ohne eigenes Zimmer. Ich ging mittags über die Felder, las und rezitierte, schrie hinaus, was ich dachte. So wie ich Leute kommen sah, wurde ich ruhig, setzte mich irgendwohin, wo sie mich nicht sahen. Leute sind heute immer dabei. Wir tragen sie mit uns. Sie hören uns zu, sie belauschen selbst unser Schweigen. Es gibt keinen unbeobachteten Raum mehr. Das heißt auch: Nichts kann einfach mal ausprobiert werden. Alles ist ein möglicher Ernstfall. Da alles auch aufbewahrt wird, kann alles auch noch Jahrzehnte später gegen mich verwendet werden. So wird Freiheit vernichtet. So wird sie, schon bevor sie entstehen kann, erstickt.