Selbst gestern versuchte es Heinz Eggert zunächst noch mal mit einem lockeren Spruch. Doch vor der seit langem bestbesuchten Dresdner Pressekonferenz kam der sonst so medienbewußte Politiker nicht an.Schnell fiel die bewährt legere Maske herunter, zum Vorschein kam ein sichtlich angeschlagener Mann, nervös, fahrig, kurz angebunden. Ist das der endgültige Knick in seiner steilen Karriere vom Provinz-Landrat zum Innenminister und CDU-Bundesvize? Selbst Regierungsprecher Michael Sagurna meint: "Das erste Porzellan ist längst zerschlagen, ganz egal wie die Sache ausgeht."Verbissen versuchte Eggert gestern zu dementieren: Niemals habe er einen Mitarbeiter oder - und das betont er besonders - eine Mitarbeiterin sexuell belästigt. "Seit einem Jahr weiß ich, daß über mich Gerüchte gestreut werden. Aber es ist mir nicht gelungen, die Gerüchtestreuer auszumachen." Solange nun die Vorwürfe untersucht würden, wolle er sein Amt nicht ausüben. Dann machte Eggert dicht. "Kein Wort mehr, bis alles geklärt ist." Schotten dicht Die sächsische Gerüchteküche kocht. Von einer Intrige eines strafversetzten ehemaligen engen Mitarbeiters ist die Rede. Die Ankündigung der Dresdner Boulevardzeitung, Eggert werde sich als bisexuell outen, stellte sich als Ente heraus. Die Sache ist allen irgendwie peinlich. Auch Ministerpräsident Kurt Biedenkopf hat die Schotten dicht gemacht. Er lasse die Vorwürfe überprüfen und habe den Minister vorläufig beurlaubt. Das war's, keine Einzelheiten, kein Kommentar. So bleibt es bei der Version, daß sich Mitte April mehrere junge Herren, die zum Teil noch im Innenministerium arbeiten, mit Vorwürfen an die Staatskanzlei wandten, Eggert habe sie im Amt, in der Dienstwohnung und auf Reisen sexuell belästigt. Eidesstaatliche Versicherungen, wie sie der "Spiegel" zu haben behauptet, liegen in der Staatskanzlei nicht vor. Dort, so heißt es, sei den Beschuldigten absolute Vertraulichkeit zugesichert worden. Deshalb sei man nicht auf Eggerts Wunsch nach einer Gegenüberstellung eingegangen. In den letzten neun Wochen geschah offenbar nichts. Erst nachdem die Angelegenheit öffentlich ist, gibt es eine Überprüfung.Die Dresdner Politszene fragt sich natürlich, warum die Anschuldigungen erst jetzt publik werden, pünktlich zu Beginn der politischen Sommerpause in Sachsen. Daß sich Eggert zu beiden Geschlechtern hingezogen fühle, kursierte schon lange als Treppenwitz. Auch in seiner Lausitzer Heimat rund um den Kurort Oybin wird heftigst getuschelt. Bereits zu DDR-Zeiten war der Studentenpfarrer Gerüchten ausgesetzt, er habe öfter mal was mit jungen Männern. Eggert hat dies immer als üble Verleumdung der Stasi dargestellt. Etwas hängen geblieben ist im allgemeinen Tratsch aber doch. Trotz allem ist der Ex-Pfarrer, der nach der Wende als parteiloser Landrat in Zittau die früheren SED-Funktionäre das Fürchten lehrte, daheim beliebt. Bei der Landtagwahl fuhr er sachsenweit das beste Wahlergebnis ein.Der Hüne mit der Fast-Glatze ist "Minister für's Volk", hemdsärmelig, mit Charme und Schnauze. Nicht von ungefähr wird er als chancenreicher Nachfolger für Ministerpräsident Biedenkopf gehandelt. Doch sein Podest bröckelt seit geraumer Zeit. Selbst die eigene Fraktion mosert, der Minister kümmere sich zu wenig um die umstrittene Kommunal- oder Wohnungspolitik. Versorgungsansprüche In die Nesseln setzte sich Eggert schon vor Jahren, als er die Ärzte einer psychiatrischen Klinik beschuldigte, ihn auf Anweisung der Stasi mit Medikamenten vollgestopft zu haben. Nach einem Jahr stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen mangels Beweisen ein. Immer wieder sorgte der forsche Fastfünfziger für Skandälchen: Ärger um in Polizeireihen verbliebene Stasi-Mitarbeiter, dubiose Verkehrsunfälle mit dem Dienstwagen oder politische Eskapaden wie die Türkeireise Anfang des Jahres.Freche Beobachter wollten gestern schon Wetten abschließen, wie lange der Minister noch zu halten sei. Irgend jemand sprach von Oktober. Dann sei Eggert vier Jahre im Amt und habe Versorgungsansprüche.

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