Mehr nicht. Nicht mehr reden. Er ist geizig mit seiner Zeit. Er will keine Fragen über Vergangenheit oder Privates beantworten. Seine Hand schlägt auf eine graue Klemm-Mappe. Da sind 130 Seiten drin, der Anfang eines Buchs über Christiane Vulpius und Goethe. Seinem Film "Die Braut" wird Literatur folgen. Dieser Text ist jetzt wichtig. "Ich sehe euch lieber gehen als kommen", sagt Egon Günther. Journalisten sind Zeiträuber. Er wehrt sich gegen alle, die ihn aus dem Gespinst der Konzentration herausziehen könnten. Höflichkeit kämpft mit Entschlossenheit, die Arbeit zu schützen. Am 17. Juni wird Egon Günther den Bundesfilmpreis in Gold für sein Lebenswerk bekommen. Die Ehrung klingt nach einem würdigen Abschluß auf einer Zielgeraden mit weißem Strich, hinter dem der Sieger gewöhnlich abbremst und ausläuft. Aber dieser Geehrte von 72 Jahren wischt solche Vorstellungen vom Tisch: durch die Kette seiner Projekte, durch Ausstrahlung, Körpersprache und unveränderliche Kleidung. Wie eingenäht in die Insignien von Jugend trägt er ein Jeanshemd, das er bei Kühle mit einer Jeansjacke, bei Kälte mit einer braunen Lederjacke absichert. Immer Jeans, auf allen Fotos, bei allen Premieren, ein Arbeitsleben lang dieser Touch des Unerwachsenen, des Beginners. Egon Günther hat eine junge schöne Frau und eine fast zweijährige Tochter. Im Garten hängt eine bunte Kinderschaukel. Alles auf Anfang. Seine Mutter, eine zierliche Frau, schleppte vor vielen Jahren eine Schreibmaschine über die Dorfstraße in Schneeberg im Erzgebirge. Eine Leihgabe des Wäschereibesitzers Pfüller. Egon Günther hat einen Roman angefangen, und die Mutter dachte, daß fremde Leute seinen Text in einer schönen Form lesen sollten. Der Vater ist Motorenschlosser. Bis er 70 Jahre ist, steht er früh um fünf auf und geht zur Arbeit. "Liest aber Tolstoi." Der Sohn lernt auch Motorenschlosser und kommt mit 17 Jahren als Fallschirmjäger in den Krieg. Von den 43 Mann seiner Kompanie bleiben fünf am Leben. Mit 18 Jahren flieht er aus holländischer Kriegsgefangenschaft, springt von einem Lkw und läuft nach Hause. Er kommt in ein Land, das sich vorgenommen hat, das Bildungsmonopol zu brechen. Das Arbeiterkind Egon Günther wird Neulehrer und dann, "in der unendlich weit entfernten Stadt Leipzig", Student der Germanistik, Pädagogik und Philosophie. Student bei Ernst Bloch und Hans Mayer. "Wir sind die glückhafte Generation der DDR, wir, die wir am Anfang jung waren." Günther wird Lektor. 1958 geht er als Dramaturg und Drehbuchautor zur Defa nach Potsdam-Babelsberg. Drei Jahre später schreibt er den Film "Das Kleid", nach dem Märchen von Andersen, in dem ein Kind dem mächtigsten Mann die Wahrheit sagt. Der Film wird verboten. Zum erstenmal eckt das Arbeiterkind im Arbeiter-und-Bauern-Staat an. Da hat Egon Günther gerade ein Haus in Groß Glienicke gemietet. Ein Wassergrundstück, aber ab August 1961 kann auf dieser Seite der Welt niemand mehr im See baden. Die Häuser am anderen Ufer gehören schon zu Westberlin. Erst liegt Stacheldraht im Garten, dann werden am Wasser zwei Mauern gebaut. Dazwischen laufen Hunde an Stahldrähten, die Schleifringe pfeifen. Alles immer hell erleuchtet. "Ihr verdammten Hunde!" schreit Egon Günther einmal in die Nacht und schließt schnell das Fenster. Er meint mehr als die bellende Meute. 1978 verläßt er die DDR. Aber dieses Haus läßt er nicht los. Er behält seinen Paß und zahlt die Miete zwölf Jahre weiter. So bewahrt er sich lange ein Gefühl für das Provisorium seines Lebens im Westen. Die ersten zwei Jahre wohnt er in einem Münchner Hotel. Danach zieht er in eine Ein-Zimmer-Wohnung. Übergangslösungen, absichtlich. Das Haus in Glienicke bleibt ein magischer Ort. Kaum einer der alten Kollegen nebenan bei der Defa weiß, daß Egon Günther immer wieder hierherkommt. Sein Refugium, um Bücher und Filme zu schreiben. Vor dem Winter läßt er das Wasser ab und legt das Haus still. "Alle Türen zugemacht. Tschüß, liebes Haus, ich komme wieder. Im Frühjahr ließ ich das Wasser wieder ein, heizte an und schrieb. Mutterseelenallein. Hinreißend." Hier entsteht auch sein Roman "Der Pirat", ein Buch über Störtebeker und die Likedeeler. In der Legendenform erzählt der hellsichtige Autor, warum ihm die sozialistische Utopie teuer war und warum sie unhaltbar ist. Im Mai 1989 schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung: "Durch das Buch hallt, gewissermaßen, ein Kinderweinen um die Hoffnung." Die Brüderschaft der Piraten scheiterte, weil sie als Spiegelbild ihrer Gegner lebte und dieselben Mittel anwendete. In einem wilden, großen, sprachlich meisterlichen Wurf und ohne eine Spur von simpler Analogie seziert der Autor das Programm der Kommune und sagt ihren Untergang voraus. Schreibt, warum es so nicht gehen wird. Und was kommt danach? "Alles Streben nach Glück lief letzten Endes darauf hinaus, daß die Erde in eine Falle verwandelt wurde. Nie wuchsen stolzere und eigensüchtigere Männer heran, wißbegierigere Kinder, schönere Frauen im Lauf der Dinge, und nie war Gott so weit." So endet der Roman. Er erscheint 1988 im Aufbau-Verlag. In Ostberlin. Ein Jahr später fällt die Mauer. Im Dezember 1989 fährt Egon Günther zur Defa nach Babelsberg, parkt sein Auto mit der Heckklappe zum Filmbunker und lädt die Büchsen seines 1965 verbotenen Films ein: "Wenn du groß bist, lieber Adam". Die Märchenkomödie erzählt von einem Jungen in Dresden, dem ein Schwan eine Lampe schenkt. Wenn Lügner damit angeleuchtet werden, beginnen sie zu schweben. Im Film gehen auch mächtige Männer in die Luft. Die Studioleitung verlangt groteske Umkehrungen der Aussage. Das Team versucht, mit List und Taktik dagegenzuhalten. "Bis eines Tages der Film ganz konfus und kaputt war", erinnert sich die Mitautorin Helga Schütz. "Nach der Vorführung einer verstümmelten Fassung gab es keine Diskussion mehr. Die Filmbüchsen wurden aus dem Schneideraum abtransportiert. Verbot. Ende." Die halbe Jahresproduktion der Defa war 1965 im Umfeld des 11. Plenums der SED verboten worden. Walter Ulbricht hatte in seinem Schlußwort gedroht: "Wir wollen doch mal sehen, wer wen zwingen wird." Er denunzierte die Filmemacher: "Wir haben weitergehende Freiheiten als die bürgerliche Gesellschaft, wir haben nur keine Freiheit für Verrückte." Die Schmähungen hinterließen eine dauerhaft beschädigte Filmkultur. Die Erinnerungen an die "Regalfilme", die kaum jemand gesehen hatte, gingen die ganze DDR-Zeit wie Geister um, ein halblaut gehandelter Mythos. Die meisten Filme galten als vernichtet. Aber es stellte sich heraus, daß Schnittmeisterinnen und Archivleute sie aufbewahrt hatten. Manche Filme waren mitten in der Arbeit verboten worden, während der Mischung und der Synchronarbeiten. Die Modrow-Regierung stellte 1989 Geld für die Rekonstruktion bereit. Als Egon Günther seine alten Filmrollen prüft, fehlen die kritischsten Dialoge. Die Bilder sind alle da, aber jemand hat Tonbänder verschwinden lassen. Günther stellt seinen Film mit einem originellen Verfahren wieder her: Er filmt die vergilbten Drehbuchseiten ab und setzt sie zwischen die stummen Szenen, damit die Leute wenigstens lesen können, was seinerzeit da gesagt werden sollte. Seinerzeit gab es viel Wachsamkeit. Sie wird Egon Günthers Arbeit in der DDR begleiten. "Abschied" (1968) nach Johannes R. Becher fliegt eine Woche nach dem Start aus dem Kino und liegt ein Jahr auf Eis. Der brillante, dem jungen expressionistischen Dichter Becher adäquate Film folgt bei seiner Premiere einem Vorprogramm. Nach Festrede, Soldatenchor und einer Viertelstunde Film verläßt das Ehepaar Ulbricht den Saal und sagt noch zu Bechers Witwe: "Das ist nicht unser Hans!" Den Filmemachern wird im Dunkeln zugeraunt, daß sie sich nicht auf der Bühne verbeugen dürfen. Sie müssen, während ihr Film läuft, die Einladung für den Empfang abgeben. Später wird jedes Standfoto getilgt und der gesamte Briefverkehr mit dem Studio als ob es den Film nie gegeben hätte. "Der Dritte" (1972), ein großer Publikumserfolg, kommt erst nach langen Diskussionen vor die Leute. "Erziehung vor Verdun" (1973) gilt als pazifistisch, womit, in Zeiten der Werbung für längeres Dienen in der Nationalen Volksarmee, jegliche Auszeichnung entfällt. Gegen "Die Schlüssel" (1974) wird ein polnischer Protest vorgeschoben, der Film bekommt Auslandsverbot. Bei "Lotte in Weimar" (1975) dirigiert Vaclav Neumann die Schallplatte der Orchestereinspielung. Der Tscheche hatte 1968 gegen den Einmarsch in Prag protestiert. Deshalb muß sein Name im Abspann getilgt werden. Für "Ursula" (1978) gilt Rezensionsverbot. So geht es Günthers Filmen, und seinen Büchern geht es nicht besser. "Einmal Karthago und zurück" (1974) ist schon im Handel, als, angeblich, Tunesien dagegen protestiert. Buchhändler sind verpflichtet, die erste Seite herauszureißen, damit der Roman unbrauchbar wird. Diese Seite ist dem Ministerium zuzusenden wie ein Skalp.Egon Günther rettet sich, indem er bei sich bleibt. Er wird der stilistisch auffälligste DDR-Regisseur. Radikal, formal innovativ, eine polyphone Filmsprache aus optischen Metaphern, surrealen Szenen und dokumentaren Teilen. Er schätzt Improvisation. Das geht bis zu dem abgewiesenen Versuch, einen Spielfilm ohne Drehbuch zu drehen, nur mit 15 Seiten Script. Seine Filme dürfen Fehler haben. Er hält sich an Hegel: "Dicht neben den Fehlern liegen die Wirkungen." Die Schauspieler wissen, daß er sie liebt. Jutta Hoffmann wird sein Star, eine graziöse Lichtgestalt, die mit einem Wimpernschlag oder einem Laut den unsichtbaren Text zwischen den Dialogen findet. Um Egon Günther versammeln sich Virtuosen wie Rolf Ludwig, Jaecki Schwarz, Katharina Thalbach, Klaus Piontek, Christine Schorn, Armin Mueller-Stahl. Die berühmte Lilli Palmer bewirbt sich für die Hauptrolle in "Lotte in Weimar" und schwärmt von Günthers Humor bei der Arbeit. Den wird er gebraucht haben, denn der Star aus dem Westen hat gelegentlich Krisen. Die Journalistin Jutta Voigt beobachtet bei einer Drehreportage, wie Günther seiner verstimmten Diva zu Füßen liegt wie eine männliche Circe, die sie beflüstert und alles wieder gutmacht. Diese integrative Kraft lädt Günther auf durch Zurückgezogenheit. Es ist unmöglich, sich ihn in einer fröhlichen Männerrunde vorzustellen. Er bleibt Partys wie Kongressen fern und lebt als Grübler in Klausur. Er hält zwei Pferde. Wenn er entspannen will, reitet er. "Eine Konzentrationsübung. Sie fallen vom Pferd, wenn Sie nicht die innere Balance haben." Immer ist etwas Einsames um ihn, durch seine Distanz weht eine Prise Arroganz. Ein Selbstverbesserer, der mit Bildung einschüchtert und imponiert. "So überklug, daß es dich umhaut", sagt seine Schnittmeisterin, mit der er für "Die Braut" gearbeitet hat. Alles andere als "der alte Defa-Haudegen". So hat ihn gerade der "Spiegel" genannt.1978 geht Egon Günther in den Westen. Dort kennen sie ihn nicht. Er muß Versuche abwehren, als Anfänger behandelt zu werden, nicht nur in Honorarfragen. Aber das Stillstandssyndrom ist weg. "Exil" (1979), "Morenga" (1984), "Heimatmuseum"(1987) oder "Lenz" (1991) jetzt gehen seine Arbeiten kurze Wege, kein Zensor liest sie mit. Er unterrichtet an Filmhochschulen und taucht so unter der "Zeit der Spaßfilme" weg. 1990 dreht er bei der Defa "Stein". Die Leute nehmen den Film kaum wahr. Sie sind beschäftigt mit dem Übergang in eine andere Gesellschaft. Die Geschichte des alten Schauspielers, der mitten in der DDR in die Emigration gegangen ist, geht an ihnen vorbei. Zum Gedenken an den verstorbenen Hauptdarsteller Rolf Ludwig lief dieser Film neulich vor vollem Haus. Egon Günther sah in diesem glücklichen Moment in seiner Arbeit die "nachtwandlerische Sicherheit eines Heimkehrers, der sich an seine Möglichkeiten erinnert".Diese Möglichkeiten will er ausreizen. In einer Szene seines neuen Films "Die Braut" hält er sogar die Weltgesetze an: Mit dem Kind auf dem Arm stößt Christiane Vulpius eine kostbare Vase in Goethes Haus am Frauenplan um. Sie würde unrettbar fallen und zerspringen. Aber Egon Günther oder der liebe Gott oder beide dehnen die Zeit. Christiane, Goethes Frau, kann das Kind absetzen, zurückeilen und die Vase im Flug auffangen. Ein Wunder und ein Spiel: Ich sehe was, was du nicht siehst. Das ist der Sinn von Kunst. Das hat Egon Günther durchgehalten, egal, ob es den Leuten gefiel. "Wenn es zu vielen gefällt, dann kann es nicht gut sein. Und das wird ewig bestritten. Und es ist so. Es ist so."

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