WESTERLAND - Gute Güte, jetzt fangen die beiden richtig an zu schimpfen. „Was für ein Gesabbel!“, brummelt ein älterer Mann mit Bart hinten im Publikum. „Was redet die denn da? Die hat doch keine Ahnung!“, ärgert sich eine elegante Frau mit vielen Ringen und schweren Armbändern rechts neben ihm. Sie regt sich erkennbar auf, kommt aus dem Stuhl hoch, lässt Dampf ab: „Phrasen sind das doch. Lauter Phrasen.“

Nicht nur diese beiden Herrschaften sind an diesem Abend wenig einverstanden mit dem, was die Dame im altrosafarbenen Blazer von sich gibt vorne im Kongresszentrum auf der Nordseeinsel Sylt. Über achthundert neugierige und völlig politikunverdrossene Insulaner sind gekommen. Bürgerversammlung, ganz großes Gedränge. Natürlich sind sie nicht nur erschienen, um die Dame zu sehen und zu hören, sondern auch die fünf Herren neben ihr, die ebenfalls Bürgermeister von Sylt werden wollen bei der Wahl am 14. Dezember. Die Kandidaten sind allesamt sehr aufgeregt. Sie sollen dem Inselvolk nämlich erklären, warum und wozu und, vor allem, weshalb ausgerechnet sie besser als jeder andere Bewerber für das Amt geeignet sind.

Verdruss im Paradies

Sylt sei unvergleichlich, hat Gabriele Pauli, die Frau in Altrosa, dem Sylter Publikum gerade eben vorgeschwärmt. Es sei eine ganz besondere Ehre, hier Bürgermeister zu werden. Und dann legte sie noch einen drauf: Der Horst Seehofer habe einmal gesagt, Bayern sei die Vorstufe zum Paradies, erklärte sie, machte eine kleine Pause, und dann kam der Satz, der für Verdruss sorgte und die mit Schmuck behängte Zuhörerin aus dem Stuhl drängte, weil er so kitschig und albern klang: „Das hier ist die Steigerungsstufe!“

Sylt, die Steigerung von Bayern. Viele Leute im Saal schütteln verständnislos die Köpfe. Was das denn solle? Eine merkwürdig gefühlige und unkonzentrierte Vorstellung bietet Gabriele Pauli an diesem Abend. Die 57-jährige Kandidatin aus Süddeutschland ist der Star, der Paradiesvogel der Sylter Bewerberrunde. Sie hat als einzige ein äußerst turbulentes Politikerleben hinter sich: 17 Jahre lang war sie CSU-Landrätin in Fürth und machte ihre Arbeit so gut, dass sie dafür das Bundesverdienstkreuz erhielt.

Dann verwandelte sie sich in die „Rote Rebellin“, die mit Vorwürfen gegen den Führungsstil von Edmund Stoiber maßgeblich dafür sorgte, dass der bayerische Ministerpräsident 2007 aus dem Amt schied. Ein Medien- und Talkshow-Berühmtheit wurde sie ebenfalls, weil die Medien nun einmal Leute lieben, die selber Medien lieben, dabei auch noch gut aussehen und auf dem knallroten Ducati-Motorrad vor den Landtag in München gebraust kommen.

Eine CSU-Frau in Latexhandschuhen

Im Magazin Park Avenue war sie abgebildet mit Latexhandschuhen, was natürlich innerhalb der CSU für eine Mordsgaudi und auch für Entsetzen sorgte. Dann wollte sie selbst CSU-Chefin werden, verblüffte die Union aber der mit dem Einfall, Ehen zukünftig auf sieben Jahren zu begrenzen. Wieder Mordsgaudi und Entsetzen: So etwas in Bayern?

Gabriele Pauli trat aus der CSU aus, bei den Freien Wählern ein und schaffte es mit ihnen in den Bayerischen Landtag. Aber es gab auch da wieder Krach, und sie wurde aus der Fraktion ausgeschlossen. Vor fünf Jahren dann gründete sie eine ganz neue Partei, die Freie Union, wollte mit ihr bei der Bundestagswahl antreten, woraus aber nichts wurde. Gabriele Pauli hatte es verpasst, sich auf der bayerischen Bewerberliste einzutragen. Der Bundeswahlleiter machte dem verunglückten Parteien-Spuk schließlich ein Ende.

Danach war Funkstille.

Nun ist sie auf Sylt. Sie steht vor den Bürgern, spricht von einem „politischen Sabbatjahr“, das hinter ihr liege, und davon, dass sie nach der Pause nun wieder Anlauf nehmen möchte. Natürlich hat ihre Kandidatur in der Gemeinde mit 14 000 Einwohner bundesweit für Schlagzeilen gesorgt.

Ein Knochenjob

Die jetzige Bürgermeisterin, Petra Reiber, ist seit 24 Jahren im Amt. Auch sie ist 57, hat sich abgearbeitet und abgekämpft; sie will nach eigener Aussage den „Knochenjob“ nicht mehr. Im Sommer erschienen dann Zeitungsartikel, in denen es hieß, Sylt suche händeringend Kandidaten für die Nachfolge. Daraufhin rief angeblich ein Wirt bei Gabriele Pauli an. Sie hat sich die Insel erst einmal angesehen, im Hotel übernachtet, sich entschieden und eine Wohnung genommen. Jetzt macht sie Wahlkampf für sich, steht vor Geschäften oder am Strand und verteilt Flyer mit dem Aufdruck: „Eine starke Frau für Sylt.“

Soweit die Vorgeschichte. Nun ist sie einer von sechs Bewerbern, die an einem trüben Abend von den Syltern im Kongresssaal unter die Lupe genommen werden, während ein charmanter Witzbold und Radiomoderator namens Carsten Kock mit humorvollen Fragen nach Visionen und Plänen durch die dreistündige Kandidatenvorstellung führt.

Ein Polizist aus Köln ist dabei, ein 40-jähriger Einzelbewerber. Seit Jahren ist er im Sommer Rettungsschwimmer auf Sylt, hat dort geheiratet, glüht fast vor Leidenschaft. „Liebe deine Insel!“, fordert er. Ein cooler 36-jähriger Beamter aus der Truppenverwaltung in Aachen hat sich ebenfalls aufstellen lassen, auch er als Einzelbewerber. Er hat sich erstaunlich tief in die Sylter Probleme eingearbeitet hat. Sein Motto: „Kein Fähnchen im Wind.“

Des weiteren tritt ein 44-jähriger Sylter an, ein fixer Kerl, der schon in vielen Parteien unterwegs war und verhindern will, dass aus der Insel ein Freizeitpark ohne echte Insulaner wird. Außerdem ein rasend schnell sprechender Bauamtsleiter aus Schleswig-Holstein, ein Sylter „aus Leib und Seele“, wie er immer wieder betont. Er wird von der SPD unterstützt. Zum Bewerberkreis gehört zudem der CDU-Mann, ein älterer Rechtsfachwirt und Eingeborener, der die Insel mit „Herz und Verstand“ regieren möchte.

Und eben Gabriele Pauli. War das eine gute Idee? „Ja, war es“, bestätigt Markus Gieppner, ein großer, lässiger Mann, von Beruf Programmierer, der auf Sylt aufwuchs, und dann über Rio, New York und Paris irgendwann zurück auf die Insel kam. Dort lebt er mit Frau und Familie und spielt nebenbei als Bassist der Band „Joker Katze King“ psychedelische Funkmusik. Wenn er nicht gerade am Bass zupft, ist er Lokalpolitiker, Vorsitzender der Partei „Die Insulaner“, die sich aus Überresten einer anderen Kleinpartei bildete und nun zusammen mit der Piratenpartei die ehemalige „Rote Rebellin“ aus Bayern unterstützt. „Sie hat langjährige Erfahrung, sie ist Profi, sie ist integer und kann der Insel helfen“, sagt Markus Gieppner.

Neun Quadratmeter für 540 Euro

Wobei Pauli helfen kann, erklärt Gieppner in der Friedrichstraße von Westerland. Es ist ein sehr trüber Abend, man sieht kaum noch etwas, und Gieppner weist auf ein Haus in einer Nebenstraße. „Hier!“ In dem Haus werde eine Wohnung zur Miete angeboten: neun Quadratmeter für 540 Euro warm. „Das“, sagt er, „ist der Wahnsinn von Sylt.“

Die Geschichten, die er dann erzählt, gibt es in dieser und ähnlicher Form seit Jahren auf Sylt. Sie handeln von der atemraubend schönen wilden Nordseeinsel, die sich nebenbei in eine mörderische, kalte Geldmaschine verwandelte. Sie beschreiben den nicht endenden Immobilienirrsinn, die Millionenpreisen, die für ein halbes Reetdachhaus gezahlt werden oder die 442.000 Euro für die Zwei-Zimmerwohnung mit 44 Quadratmetern.

++ Wie Gabriele Pauli im Vergleich zu ihren Konkurrenten dasteht, lesen Sie im nächsten Abschnitt ++