Der alte Offizier ist verbittert. "Ich werde bestraft", sagt er.,, Bestraft dafür, daß ich in der Nationalen Volksarmee gedient habe." Klar, er habe im Sozialismus "freudig mitgemacht". Aber sei das ein Grund, ihn jetzt zu diskriminieren? Nicht mal seinen Dienstgrad, versehen mit dem Zusatz a. D., dürfe er führen.,, Aber die Wehrmachts-Offiziere, die durften das." Da habe Bonn nichts dagegen gehabt.Der Oberstleutnant außer Diensten, einstmals zuständig für Zivilverteidigung und Katastrophenschutz, braucht kein Mikrophon. Seine kräftige, befehisgewohnte Stimme dringt auch ohne technische hilfe durch den Raum. "Damit keine Mißverständnisse aufkommen. Ich will die DDR nicht wiederhaben. Aber so, wie die Bundesrepublik jetzt ist, will ich sie auch nicht." Einen Staat, der ihn als Bürger zweiter Klasse behandelt. So habe er sich die Vereinigung nicht vorgestellt. "Ich fühle mich wie ein ausgegrenzter Deutscher."Beifall für einen MitbetroffenenAls sich der Redner setzt, brandet im überfüllten Plenarsaal des Neubrandenburger Rathauses Beifall auf. Was der Mann vorgetragen hat, empfinden die rund 200 ehemaligen NVA-Angehorigen wie "aus dem Herzen gesprochen". Sozial abgestiegen und gesellschaftlich weitgehend geächtet, tut es ihnen sichtlich wohl, daß sich ein Mitbetroffener öffentlich wehrt. "Bisher standen wir immer nur am Pranger" , sagt einer von ihnen. "Aber damit können und wollen wir uns nicht länger abfinden."Die Gelegenheit, ihren Frust außerhalb der gewohnten Kameradschaftstreffen abzulassen, bietet den versammelten Ehemaligen die SPDnahe Friedrich-Ebert-Stiftung. "Altes Eisen -- für Pflugscharen nicht geeignet? lautet das Motto der Versammlung. Für die Veranstalter politisches Neuland. Zwar haben frühere DDR-Soldaten auch schon bisher Kontakt zu Politikern gesucht. Doch fanden solche Gespräche zumeist nur in kleinen Zirkeln, nicht aber auf öffentlichen Foren statt. "Muttersöhnchen" ruft ihm einer zu"Die haben ein starkes Bedürfnis, sich zu rechtfertigen", sagt Gesprächsleiter Rainer Wiese. Es gehe um die "Mißachtung von Menschen und ihrer Würde. Sein Parteifreund, der SPD-Bundestagsabgeordnete Ihinrich Kuessner, hält es im vierten Jahr nach der Vereinigung an der Zeit, ohne Vorbehalte auf einander zuzugehen ",Wenn wir weiterkommen wollen, müssen wir das Gespräch offen führen."Gegenüber den NVA-Veteranen hat der Theologe aus Greifwald einen schweren Stand.,, Mein Mißtrauen gegen die Armee war sehr groß", räumt der ehemalige Wehrdienstverweigerer ein. Geist und Drill hätten ihn abgestoßen. Als Kuessner die frühere Musterungspraxis in der DDR kritisiert, ruft ein Ex-Offizier mit kantigem Schädel ,Muttersöhnchen". Ein anderer gibt feindselig zu Protokoll, er fühle sich durch die Bundestagsabgeordneten aus dem Osten nicht vertreten.Dabei gibt sich der SPD-Politker durchaus Mühe, Brücken der Verständigungzu bauen. "Auch ich habe die Hand gehoben", sagt er. Damals, als der Bundestag mit dem Rentenüberleitungsgesetz die Ruhebezüge der NVA-Offiziere wegen ihrer "Staatsnähe" gekürzt und die Zusatzversorgung gestrichen hat. "Heute weiß ich, daß dies eine falsche Entscheidung war." Nun suche er im Parlament Mitstreiter, um diese ungerechten Regelungen zu komgieren.Oh er sich darüber im klaren sei. was er mit seinem Votum angerichtet habe, will jemand wissen. Die Antwort gibt der Fragesteller gleich selbst.,, Wir werden für unseren Dienst in der Armee lebenslang bestraft." Die ungleiche Behandlung gegenüber den Bundeswehrangehörigen wird von den betroffenen NVAOffizieren nicht nur als verfassungswidrig und demütigend empfunden. Die Folgen des "Rentenstrafrechts" haben viele von ihnen auch an den Rand des Existenzminimums gebracht.Während jüngere Offiziere mit ihrer guten Ausbildung und ihrer geistigen Beweglichkeit zumeist in der Wirtschaft eine angemessene Beschäftigung gefunden haben, geht es den über süjährigen in der Regel schlecht. "Ich kenne Kameraden, die tragen Zeitungen aus, verteilen Prospekte oder fristen ihr Leben als Wachmänner", sagt ein früherer Stabsoffizier.Rudolf Fickert, 62 Jahre, ehedem Oberstleutnant, im September 1990 aus dem aktiven Dienst entlassen, ist so einer. 140 Mark hat er zu DDRZeiten zusätzich in die Sozialversicherung eingezahlt.,, Das war eigenthch meine Altersversorgung." Bonn hat sie gestrichen. Jetzt steht er nachts um halb vier auf, um Zeitungen zuzustellen. So was hat er schon mal gemacht, als I4jähriger. "Ich bin wieder da, wo ich angefangen habe."Ex-Korvettenkapitän Hans Hansen 26 NVA-Dienstjahre, hat nicht mal einen solchen Teilzeitjob gefunden. "Seit drei Jahren kämpfe ich um einen Arbeitsplatz", sagt der 57jährige studierte Maschinenbauingenieur. Jetzt lebt er von 970 Mark Arbeitslosengeld.,, Ich habe die Schnauze voll bis hier.""Ja, wir haben verloren, wir sollten endlich aufhören zu lamentieren , hat ein Oberstleutnant aus Strausberg vor einiger Zeit seinen Schicksalsgefährten ins Gewissen geredet. Doch solch nüchterner Realismus ist unter den politisch ausgemusterten und in ihrem Selbstwertgefühl beschädigten Militärs selten. Stärker noch als unter der sozialen Degradierung leiden sie unter der Weigerung der Bonner Regierenden, die ehemaligen Gegner in Uniform als Landsleute mit gleichen Rechten zu akzeptieren.Ohne Widerspruch gedient und Karriere gemacht"Unsere Loyalität und unsere Mitwirkung an der Vereinigung sind grob mißbraucht worden", klagt Ex-Generalleutnant Horst Sylla. Die anfänglichen Zusicherungen, jeder NVA-Angehörige bekomme eine faire Chance auf Übemahme, seien nur Augenwischerei gewesen. Heute wisse man, daß eine Integration oder gar eine Vereinigung beider Streitkräfte nie beabsichtigt gewesen sei. "Die Politik hat uns fallengelassen."Tatsächlich haben bis auf einige tausend von der Bundeswehr übernommene Offiziere und Unteroffiziere die Berufssoldaten der DDRArmee ihren Waffenrock ausziehen müssen. "Sie alle hatten jahrzehntelang einem totalitären System ohne Widerspruch gedient und unter der SED-Herrschaft Karriere gemacht", schreibt Peter Joachim Lapp in einer Broschüre der Friedrich-Ebert-Stiftung. Worte, die viele der anwesenden Ex-Offiziere tief schmerzen und zum Widerspruch provozieren."Natürlich war die die NVA eine politische Armee. Wir hatten ein Feindbild", sagt ein Ex-Oberst. "Aber das hatte die andere Seite doch auch." Die NVA als Teil der sowjetischen Offensiv-Strategie? Nein, sagen die Offiziere. Mles nur eine böswillige Unterstellung. Stabilisierung des Friedens, das sei ihr Beitrag gewesen. Und Prag 1968? "Für uns war ein Freund in Gefahr. Der hatte um Hilfe gebeten." Während die entwurzelten Berufssoldaten ihrem Groll über die Politiker am Rhein freien Lauf lassen, fällt über die West-Soldaten kein böses Wort. "Mir hat noch keiner vorgeworfen, daß ich in der SED war", sagt Hauptfeldwebel Gerhard Meyer, früher Zugführer und Stabsfähnrich der NVA. "Die West-Kameraden sind für unsere Forderungen sehr aufgeschlossen", lobt Ex-Oberstleutnant Bernhard Klose. Und ein anderer Ehemaliger ergänzt, am anständigsten seien die NVAler vom Deutschen Bundeswehr-Verband behandelt worden.Nach der Devise "Ein Staat, eine Armee, ein Recht" hatte die Standesvertretung aktiver und ehemaliger Soldaten ihre Reihen bereits nach der Vereinigung geöffnet. Im Landesverband-Ost mit seinen rund 24 000 Mitgliedern sind mittlerweile mehr als 10 000 frühere DDR-Soldaten organisiert. Für viele sind die regelmäßigen Kameradschaftstreffen zum Rückhalt ihres Lebens geworden.Als der Bundesverteidigungsminister verfügte, die NVA-Soldaten seien als "Gediente in fremden Streitkräften" zu führen, erhob der Bundesverband Protest. Angesichts bundesdeutscher Rechtsauffassung, wonach auch für DDR-Bürger immer die deutsche Staatsangehörigkeit galt, verrate diese "diskriminierende" Bezeichnung "einen bedauerlichen Mangel an Taktgefühl". Die Hardthöhe lenkte ein.Verbunds-Obere hoffen, daß Bonn nachgibtNun hoffen die Verbands-Oberen, daß Bonn auch bei der Versorgungslücke für Ost-Soldaten, im Rentenrecht und beim Verbot der a. Dienstgrade nachgibt. Es gehe nicht um eine Aufwertung der NVA, begründen die militärischen Standesvertreter ihre Forderung.,, Es geht um die Menschen, die dieser Armee gedient haben und für die es nur der Zufall der Geburt war, daß sie auf der anderen Seite Soldaten geworden sind."Paradoschritt gehörte bei Aufmärschen der NVA in DDR-Zeiten zum Zeremoniell.