ROM, 11. Januar. Die Enthüllungen in Zusammenhang mit dem betrügerischen Zusammenbruch des italienischen Lebensmittelkonzerns Parmalat fördern immer mehr Details über die engen Verbindungen zu Tage, die Ex-Firmenchef Calisto Tanzi zur Politik pflegte. Wie die italienische Tageszeitung La Stampa herausfand, stellte Tanzi dem christdemokratischen Ex-Ministerpräsidenten Ciriaco De Mita regelmäßig seinen Privatjet zur Verfügung zu stellen. Kaum gelandet, wartete auf den Kurzzeit-Ministerpräsidenten der achtziger Jahre der Privatchauffeur Tanzis, um ihn zu seinen Wahlterminen zu bringen.Besuch bei GaddafiÜber Transportdienste freuten sich aber auch die Repräsentanten anderer Staaten. So umfasste Tanzis Flotte auch "Gottes Hubschrauber", der so genannt wurde, weil er regelmäßig Angehörige des Vatikans beförderte. 1986 flog der US-Botschafter beim Vatikan, William Wilson, mit einer Parmalat-Maschine zu einem geheimen Treffen mit dem libyschen Staatschef Muammar el Gaddafi, wie Italiens damaliger Außenminister Giulio Andreotti jetzt bestätigte.Nach der Bankrotterklärung des Parmalat-Konzerns, in dessen Bilanzen ein Loch von bis zu zehn Milliarden Euro klafft, steht die Flotte nun zum Verkauf. Außer Tanzis eigenem Luxusjet im Wert von rund 35 Millionen Euro und mehreren weiteren Flugzeugen umfasst sie auch eine 30 Meter lange Segelyacht und ein weiteres historisches Schiff, die beide im Hafen La Spezia vor Anker liegen.Tanzi half befreundeten Politikern aber auch auf anderen Wegen. So übernahm er den maroden Fußballclub von Avellino, der Heimatprovinz des Ex-Ministerpräsidenten De Mita. Außerdem versuchte er, mit Eurotv und Odeon tv ins Fernsehgeschäft einzusteigen. Nach dem Untergang von Italiens Christdemokraten in den Korruptionsskandalen der neunziger Jahre stieg der wendige Tanzi erst auf Berlusconi um. 1996 finanzierte er die Wahl-Kampagne des heutigen EU-Kommissionspräsidenten Romano Prodi, 2001 setzte er erneut auf Berlusconi.Indes geht die Suche nach den verschwundenen zehn Milliarden Euro bei Parmalat weiter. Von den Cayman-Inseln wurde die Existenz von acht Tanzi-Konten gemeldet. In Italien schwirrt die hypothetische Zahl von 500 Geheimkonten herum, auf denen die Familie ihre Gelder verteilt haben soll. Ein Weg, Geld aus der Firma abzuzweigen, kam inzwischen ans Licht. Tanzi, der jahrzehntelang seine Milch- und Fruchtsaftverpackungen beim schwedischen Hersteller TetraPak einkaufte, ließ sich überhöhte Anbote legen. Parmalat bezahlte den vollen Preis. Den "Rabatt" überwiesen die Schweden nicht der Firma, sondern Tanzi persönlich. 2001 sollen so 30 Millionen Euro zur Seite geschafft worden sein, sagte jetzt Parmalats Ex-Finanzchef Fausto Tonna vor Gericht. Insgesamt habe die Familie so in fünf Jahren 70 Millionen Euro umgeleitet. Nächste Woche planen die Ermittler ein Verhör des ehemaligen Bank of America-Managers Luca Sala. Von ihm hoffen sie, mehr über die Beziehungen zwischen Parmalat und dem amerikanischen Geldinstitut zu erfahren. Es besteht der Verdacht, dass die Bank schon lange vom wahren Zustand der Parmalat-Finanzen gewusst hat. Sala wies in der Zeitung La Repubblica das zurück. Er sei ebenso an der Nase herumgeführt worden wie seine Bank. Zur Erklärung dafür, dass ein großes Bankhaus plumpe Bilanzfälschungen nicht bemerkt haben soll, sagt er: "Wenn du einen Kunden wie Parmalat hast, der in der ganzen Welt Industriebetriebe besitzt, fragst du ihn doch nicht, ob er dir seine Kontoauszüge zeigt."Parmalat - Chronik eines europäischen Finanzskandals // Februar 2003: An der Mailänder Börse schrillen erste Alarmglocken: Parmalat gibt eine Serie von Anleihen im Wert von 300 Millionen Euro aus. Anleger werten dies als Eingeständnis von Finanznöten.März 2003: Finanzvorstand Fausto Tonna tritt von seinem Posten zurück.November 2003: Die Buchprüfer von Deloitte & Touche äußern Bedenken zu Finanzgeschäften auf den Cayman-Inseln.8. Dezember: Parmalat kann ein fälliges Darlehen in Höhe von 150 Millionen Euro nicht zurückzahlen. Der Aufsichtsrat beruft den italienischen Star-Manager Enrico Bondi als Berater.10. Dezember: Die Ratingagentur Standard & Poor s warnt vor einer möglichen Zahlungsunfähigkeit.15. Dezember: Parmalat-Gründer und -Chef Calisto Tanzi tritt ab. Bondi übernimmt das Ruder.19. Dezember: Parmalat gibt bekannt, dass ein Finanzloch von rund vier Milliarden Euro in den Konten der Finanztochter Bonlat auf den Cayman-Inseln entdeckt wurde. Die Bank of America hatte zuvor Dokumente über Guthaben in dieser Höhe bei sich als Fälschung bezeichnet.20. Dezember: Die Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen wegen Bilanzfälschung und Betrug auf. Das Finanzloch Parmalats soll bis zu zehn Milliarden Euro betragen.26. Dezember: Parmalat beantragt Gläubigerschutz.28. Dezember: Firmengründer Tanzi wird in Mailand auf offener Straße von der Polizei festgenommen. Die Ermittler werfen ihm betrügerischen Bankrott vor.31. Dezember: Die Polizei nimmt weitere Verdächtige fest, unter anderem den Ex-Finanzchef Fausto Tonna. Die Staatsanwaltschaft schätzt die unterschlagenen Gelder auf 800 Millionen Euro und beziffert den Schuldenberg auf bis zu 13 Milliarden Euro. Tanzi gesteht ein Bilanzloch von rund acht Milliarden Euro unter anderem als Folge vorgetäuschter Vermögenswerte.9. Januar 2004: Erstmals werden Büros der Bank of America durchsucht. Es besteht Verdacht, die Bank habe die Bilanzfälschung begünstigt. Stefano Tanzi, Sohn des Firmengründers und Präsident des AC Parma, tritt zurück.Abgetreten // Im Zuge der Parmalat-Affäre ist der Präsident des Fußball-Erstligisten AC Parma, Stefano Tanzi, zurückgetreten. Der Sohn von Parmalat-Gründer Calisto Tanzi verkündete Freitagabend seinen Rücktritt. Zugleich schied Paolo Tanzi, der Cousin von Stefano Tanzi, aus dem Verwaltungsrat aus. Nach der Parmalat-Pleite steckt auch der AC Parma, der zu 98,7 Prozent der Skandalfirma gehört, in Finanzschwierigkeiten.Foto (2): 100 Fuß lang und zehn Millionen Dollar wert: Privatsegelyacht Te Vega von Parmalat-Gründer Calisto Tanzi.Stefano Tanzi, Sohn des Parmalat-Gründers Calisto Tanzi