BAD SCHLEMA. "Gold." Günter Eckardt tippt mit dem Finger auf eine alte Militärkarte aus der Nazizeit, auf der kleine rote Punkte eingezeichnet sind. An einem der Punkte steht ein R, das soll Reaktor heißen. An einem anderen steht ein K, für Kunstgüter. "Und hier ist G", sagt er und tippt nochmal auf die Karte. "Das heißt Gold."Günter Eckardt steht am Rande eines kleinen Waldstücks, genau da, wo seine ominöse Karte einen geheimen Bergstollen samt Goldschatz verheißt. Das Feld vor ihm fällt sanft ab zur Landstraße, die von Bad Schlema nach Schneeberg führt. Fast tausend Jahre lang wurde im Erzgebirge gegraben, nach Eisenerz, Kobalt, Nickel, auch nach Uran. Unzählige Stollen sind in den Untergrund getrieben worden. Ein Eldorado für Schatzsucher wie Günter Eckardt, die auf der Suche nach Nazigold, geheimen Rüstungsanlagen aus der NS-Zeit oder dem Bernsteinzimmer alte Akten durchforsten und über Karten mit geheimnisvollen Einträgen brüten. "Der blanke Wahnsinn", sagt er.Der blanke Wahnsinn - das ist Eckardts Lieblingsspruch. Seit einiger Zeit richtet er sich häufig gegen ihn selbst. Als ahnungsloser Wichtigtuer wird er von Wissenschaftlern abgetan, für Kommunalpolitiker ist er ein Störenfried, der den Ruf der Region und deren Zukunft gefährdet. Eckardt dagegen sieht sich als Opfer einer Intrige. "Nur weil ich etwas herausgefunden habe, was nie bekanntwerden sollte", glaubt er.Ein paar Briefe und ein VerdachtDabei geht es bloß um ein paar Briefe. Eckardt hat sie in den ungeordneten Aktenbeständen eines früheren Forschungsinstituts in Bad Schlema gefunden. Ein Institut, das bis 1945 existierte und mit dessen wissenschaftlicher Arbeit sich der Kurort heute schmückt. Die Briefe aber wecken einen unerhörten Verdacht: Hat es an dem Institut während des Zweiten Weltkriegs tödliche Menschenversuche gegeben?"Da gibt's gar keinen Zweifel", sagt Eckardt mit derselben Unerschütterlichkeit, mit der er auch an seinen Goldschatz am Waldrand glaubt. Eckardt ist ein kleingewachsener, drahtiger Mann mit silbrigem Backenbart. Sechzig wird er im August. Früher war er Oberstleutnant der Nationalen Volksarmee, ein diplomierter Kulturwissenschaftler, der als Kulturoffizier in der Kaserne Schneeberg diente. Heute schlägt er sich als Malermeister durch, im Ein-Mann-Betrieb, wie er sagt.Um die Bedeutung des Streits zu ermessen, den Eckardt mit seinem Aktenfund losgetreten hat, ist ein kleiner historischer Exkurs nötig. In der Gegend um Schneeberg und Bad Schlema erkrankten über Jahrhunderte hinweg viele Bergleute schon in jungen Jahren an Lungenkrebs. Von der "Schneeberger Krankheit" wurde gesprochen. Der Strahlenforscher Boris Rajewski, seit 1936 Leiter des in Frankfurt am Main ansässigen Kaiser-Wilhelm-Instituts für Biophysik, entdeckte schließlich als erster den Zusammenhang zwischen dem beim Uranerzabbau freiwerdenden radioaktiven Radongas und dem Lungenkrebs. Gleichzeitig erkannte er auch die - bei der Anwendung in geringen Dosen - heilende Wirkung des Radons für Rheumakranke. Eine Entdeckung, die für das heutige Bad Schlema von wirtschaftlicher und touristischer Bedeutung ist. Seit Oktober 2004 ist es ein staatlich anerkanntes Radonheilbad, das Kuren mit dem Edelgas anbietet.Das ist wohl auch ein Grund dafür, dass man in der Ortschronik die dunklen Seiten der Arbeit Rajewskis diskret übergeht. In Bad Schlema redet man gern darüber, dass der 1974 verstorbene Wissenschaftler, der nach dem Krieg zunächst Rektor, dann Prorektor der Goethe-Universität in Frankfurt am Main war, vielfach geehrt wurde. Verschwiegen wird lieber, dass das NSDAP-Mitglied Rajewski im Zweiten Weltkrieg fast ausschließlich militärische Forschungsaufträge ausführte. Für das Oberkommando des Heeres sollten er und seine Mitarbeiter vor allem untersuchen, welche Wirkung Strahlenwaffen auf den menschlichen Körper haben. Entsprechende Forschungen wurden auch in einem Institut in Oberschlema durchgeführt, einem Ortsteil des heutigen Bad Schlema. Diese Einrichtung war eine Außenstelle von Rajewskis Frankfurter Institut.Wie weit die Wissenschaftler bei ihren Forschungen gingen und ob sie möglicherweise auch Menschenversuche vornahmen, bei denen der Tod der Probanden in Kauf genommen wurde, ist bis heute unklar. "Wir haben in den Archiven der Max-Planck-Gesellschaft zu solchen Versuchen keine Unterlagen gefunden", sagt Lorenz Beck. Er ist Chefarchivar dieser Wissenschaftsorganisation, der Nachfolgeeinrichtung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, zu der Rajewskis Institut gehörte. Er ist seit 2007 im Amt, ein junger Mann im Anzug, der kurze, vorsichtige Sätze formuliert. Wie etwa den, dass es Herrn Eckardt natürlich freistehe, Vermutungen über Rajewskis Arbeit zu äußern. "Denkbar ist schließlich alles, aber für uns zählen nur Beweise", sagt er. "Und die gibt es bislang nicht."Zwischen 1998 und 2005, erzählt der Archivar, habe die Max-Planck-Gesellschaft eine Historikerkommission damit beauftragt, die Rolle der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Dritten Reich aufzuarbeiten. Zwei Dutzend Publikationen seien dazu erschienen, in denen auch die Beteiligung deutscher Wissenschaftler an verbrecherischen Forschungen untersucht worden ist. "Zu Boris Rajewski und seinen Instituten in Frankfurt und Oberschlema sind keine solchen Hinweise gefunden worden", stellt Lorenz Beck fest.Was daran liegen könnte, dass den Historikern seinerzeit nicht der gesamte Rajewski-Nachlass vorlag. Die Forschungsunterlagen des Instituts in Oberschlema etwa wurden nach dem Krieg vollständig vernichtet. Und dann gab es noch zwölf Aktenordner, in denen Briefe des Wissenschaftlers, Bestellungen, Anweisungen und Rechnungen abgeheftet waren. Diese bis vor wenigen Jahren völlig unbekannten Ordner waren 1983 an einen westdeutschen Wissenschaftler und Rajewski-Schüler gelangt. Von wem er sie bekam, ist nicht bekannt. Er hielt die Ordner aber weiter unter Verschluss und gab sie erst 2001 weiter - aber nicht an die Max-Planck-Gesellschaft, wo sie von der Historikerkommission hätten ausgewertet werden können. Sondern an einen kleinen Traditionsverein in Bad Schlema - das Radon-Dokumentations- und Informationszentrum (Radiz), das vor allem die Erinnerung an die Verdienste Rajewskis pflegt. Dort verstaubten die Ordner sechs Jahre lang im Archivregal. Bis Günter Eckardt kam.Eckardt ist aufgeregt, als er davon erzählt. Eigentlich, sagt er, habe er vor drei Jahren im Radiz-Archiv, das im einstigen Rajewski-Institut in Oberschlema untergebracht ist, nach Hinweisen auf geheime Stollen suchen wollen. Aber dann seien ihm die zwölf Ordner aufgefallen. Tagelang habe er dort gesessen, die Seiten durchgeblättert und sich Notizen gemacht. "Kopien durfte ich keine anfertigen", sagt er. "Also habe ich das Wichtigste abgeschrieben." Eckardt springt auf, holt einen Aktenordner aus dem Schrank. Karteikarten sind darin abgeheftet, Hunderte, auf denen er in akkurater Handschrift den Inhalt der Rajewski-Ordner festgehalten hat. Völlig ungeordnet sei damals die Ablage gewesen, erinnert sich Eckardt, die Schreiben waren durcheinander abgeheftet. "Ein Chaos", sagt er. Aber Eckardt ist ein geduldiger Mensch. Blatt für Blatt ging er im Archiv die Akten durch. Und stieß dabei auf jene Schreiben, in denen es um Menschenversuche geht.Da ist etwa der Brief Rajewskis an den Reichsausschuss für Krebsbekämpfung vom 20. Mai 1943, in dem der Wissenschaftler den Inhalt seiner damaligen Forschung im Wehrmachtsauftrag zusammenfasst. Unter Punkt 1 heißt es: "Das Problem der Krebserzeugung durch Einführung radioaktiver (natürlicher u. künstlicher) Substanzen in den tierischen und menschlichen Körper. Diese Untersuchungen haben zu der bedeutungsvollen Feststellung geführt, dass es gelingt, durch Einatmung der Radium-Emanation (die damals übliche Bezeichnung für Radon - d. A.) und Einhaltung geeigneter Dosierungen Lungentumore zu erzeugen. Weitere Untersuchungen hierzu sind im Gange."Um Menschenversuche geht es auch in einem Schreiben Rajewskis an den Direktor der IG Farben in Frankfurt am Main. Darin bestellt der Strahlenforscher am 18. Mai 1944 Materialien, mit denen ein Raum in Oberschlema abgedichtet werden soll, "der für Versuche mit Radium-Emanation, vor allem mit Menschen, bestimmt ist". Die Versuche würden "die Gefahr der Emanationsverseuchung des ganzen Instituts mit sich" bringen, heißt es in dem Brief weiter. Am 22. April 1944 schreibt Rajewski seinem Statthalter in Oberschlema, Adolf Krebs, "dass es unbedingt notwendig ist, mit größeren Dosen, am besten im Trinkversuch, eine einwandfreie Reaktion zu erzwingen. (.) Die Angelegenheit ist sehr dringend." Schon zwei Wochen später meldete Krebs Vollzug. Am 5. Mai 1944 schrieb er an Rajewski: "Wir möchten im Trinkversuch möglichst hoch - auf viele Millionen Millistat - kommen." Millistat ist eine Maßeinheit für die Radon-Anwendung. Für die therapeutische Behandlung gilt allerdings ein Radon-Grenzwert von gerade mal 500 000 Millistat.Möglicherweise wurde in Oberschlema nicht nur mit Radon experimentiert, sondern auch mit Poloniumpräparaten. Zur Verfügung stand der Stoff jedenfalls: Rajewskis Statthalter Krebs berichtete seinem Chef am 24. April 1944, "dass jetzt die Chininfabrik Braunschweig mir ein sehr starkes Poloniumpräparat überlassen hat". Als Zerfallsprodukt des Radongases ist Polonium eine hochgiftige Substanz, wenn sie in den Körper gelangt, etwa durch Trinkversuche.Keine Hinweise geben die Unterlagen darauf, woher die Opfer der angeblichen Menschenversuche stammten. Eckardt vermutet, dass es sich um KZ-Häftlinge oder sowjetische Kriegsgefangene handelte. Kurz vor Kriegsende fanden Dorfbewohner am Eingang eines Stollen in Schlema die Leichen mehrerer russischer Soldaten. Eckardt glaubt, dass sie die letzten Opfer der angeblichen Strahlenversuche waren. Die Toten lagen nicht weit entfernt von einem damaligen Lazarett, das während des Krieges weitgehend leer stand und mit dem nahegelegenen Forschungsinstitut in Oberschlema zusammenarbeitete. In dem Lazarett, meint Eckardt, fanden die Menschenversuche statt.Das alte Lazarett-Gebäude ist noch recht gut erhalten. Es ist ein düsterer, vier Etagen hoher Klinkerbau, der auf einem Hang über dem Flüsschen Schwarzwasser steht. Zu DDR-Zeiten beherbergte es einen Kindergarten. Ein Berliner Immobilienhändler hat das Grundstück vor ein paar Jahren gekauft, seitdem steht das Haus leer. "Unter dem Gebäude könnte man geheime Kellerräume finden, in denen die Menschen mit hohen radioaktiven Präparaten bestrahlt wurden", glaubt Eckardt. "Aber hier im Ort gibt es kein Interesse, danach zu suchen."Spekulationen und MisstrauenJens Müller, der Bürgermeister von Bad Schlema, weist das klar zurück. Der Ort lasse seit Jahren die Geschichte von Schlema erforschen, "wir machen hier nicht die Augen zu", beteuert er. Aber über Eckardts These von den Menschenversuchen will er nicht gern sprechen. "Das ist die Interpretation einiger Briefe durch Herrn Eckardt, die aber in meinen Augen nicht haltbar und zu beweisen ist", sagt er nur. In der Vergangenheit hätten sich viele Historiker mit dem Kriegsgeschehen in Schlema befasst. "Wir gehen offen um mit dieser Geschichte, aber wir haben auch eine Verantwortung für die Entwicklung unserer Gemeinde", sagt der Bürgermeister. Mit Spekulationen würde nur Misstrauen gesät. "Ich glaube, Herr Eckardt hat sich da in eine Sackgasse hineinmanövriert, weil er etwas herausfinden will, was gar nicht existierte."2007 hat Günter Eckardt einen Aufsatz über seinen Archivfund verfasst, der auch veröffentlicht wurde. Die Max-Planck-Gesellschaft in Berlin reagierte darauf, ließ die Rajewski-Ordner holen und auswerten. Anschließend wurde eine Konferenz einberufen, im Kulturhaus "Aktivist" in Bad Schlema. Eckardt war dabei, hörte sich an, wie gleich mehrere Historiker umfangreich begründeten, warum nichts dran sein könne an seiner These. Aber er ließ sich nicht beirren, schickte eine 60-seitige Dokumentation an die Max-Planck-Gesellschaft, in der er seine Sicht der Dinge begründete.Der Berliner Historiker Rainer Karlsch kennt die Dokumentation. Karlsch ist ein Rajewski-Experte. Mit der Frage, ob der Wissenschaftler mit seinen Strahlenversuchen vorsätzlich Menschen gefährdete, hat er sich bislang nicht befasst. "Ich hatte keine entsprechenden Indizien dafür gefunden, kannte aber auch die in den Schlemaer Akten verborgenen Briefe damals nicht", sagt er. Sein Urteil über Eckardts Arbeit fällt dann auch ein wenig differenzierter aus als anderswo. "Herr Eckardt arbeitet zwar unwissenschaftlich, er reißt Zitate aus dem Zusammenhang, beschränkt sich auf Interpretation statt auf Fakten", sagt der Historiker. Aber was der Schneeberger "Regionalforscher", wie Karlsch ihn nennt, gefunden habe, könne man nicht einfach abtun. "Er kann seine Behauptungen nicht beweisen", sagt Karlsch. Aber die Hinweise, die er gefunden habe, müsse man weiterverfolgen.------------------------------Foto: Günter Eckardt, 59, Schatzsucher und Hobby-Historiker, im Kurort Bad Schlema, wo er seinen wichtigsten Fund machte.