Im Foyer der Volksbühne lümmeln zwei Schauspieler auf dem Boden herum. Sie lesen aus "Die unsichtbare Generation" - einem Text von William S. Burroughs. Treppauf sind Texte von Hans Henny Jahnn, Karl Philipp Moritz und Gottfried Benn zu hören. Überall, wohin man auch kommt, entstehen flüchtige Momente der Aufmerksamkeit, ein kurzes Innehalten, um den Wortfetzen zu lauschen. Man steht noch am Kartenschalter an und ist bereits Teil einer Inszenierung geworden. Wo und wann fängt das Theater an, wo und wann hört es auf? Die Botschaft ist klar: Es geht um Sprache und ihre Performanz, die Geste des Verlesens ist raumgreifend, körperlich und sinnlich. Ohne dass das Publikum in nummerierten Stuhlreihen Platz genommen hätte, das Licht erlöschen und der Vorhang sich beiseite schieben würde, eröffnet allein der Akt des Sprechens eine Bühne. Am vergangenen Mittwoch wurde in der Volksbühne eine "Rolf Dieter Brinkmann-Nacht" gegeben. Ein ambitioniertes Vorhaben, ging es doch nach Auskunft der Veranstalter darum, das Werk des "Pop-Poeten und Sprach-Skeptikers intellektuell und künstlerisch zu erhellen". Nach den im Foyer und anderswo dargebrachten Mini-Performances, den so genannten "Specials", die uns auch mit einigen für Brinkmann wichtigen Autoren bekannt machen sollten, betrat Ralf Rainer Rygulla ein kleines Podium. Rygulla, DJ und Nachtklubbesitzer, las aus den bislang unveröffentlichten "Kollaborationen" vor, die gemeinsam mit Brinkmann Ende der 60er, Anfang der 70er-Jahre entstanden sind. Diese zumeist auf Postkarten, telefonisch oder brieflich ausgetauschten und nachträglich erst zusammengestellten Textstücke sind die vielleicht konsequenteste Umsetzung eines ästhetischen Vorbehalts, den Brinkmann zeitlebens verfolgte. Als "Neuer Realist" wollte er den von ihm selbst proklamierten "Tod der Literatur" dichtend bekämpfen, er litt darunter, auf das Wort, "dieses miese elende Verständigungsmittel", angewiesen zu sein; deshalb galt ihm die - ihn als souveränes Autorensubjekt entmächtigende - Produktionsweise der "Kollaborationen" als angemessen. Während sich Brinkmann in seinem Frühwerk - den seit 1962 erscheinenden Lyrikbänden und dem ersten Prosaband "Die Umarmung" (1965) - noch an einem erzählerischen Kontinuum, an einem dem Buchmedium traditionellerweise entsprechenden linearen Textverlauf orientierte, kam ihm diese Gewissheit zunehmend abhanden. Im Spätwerk, insbesondere auch den posthum veröffentlichten Bänden "Rom, Blicke", "Schnitte" und "Erkundungen", ist die semantische Einheit zerbrochen: Bilder, Fotografien und Comics stehen unversöhnt neben Textfragmenten, verschiedenen Schrifttypen und lautmalerischen Buchstabenfolgen. Auf dem Podium erklärte der Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann die Eskapaden Brinkmanns als den paradoxen Versuch, mit Hilfe der Sprache über die Sprache hinauszugelangen. Sein "sinnlicher Realismus" hätte nicht nur zur nüchternen Beschreibung von Alltagsbanalitäten geführt, die wie zufällig aneinander gereiht wirken, ungeordnet und geheimnislos. Vielmehr sei Brinkmanns Texten eine "Theatralität" eigen, ein fast schon körperliches Entsetzen vor der Welt, dem die enge Form des Buches nicht mehr angemessen ist: Brinkmanns Texte verlangen nach einer Befreiung durch das Theater; seine multimedial arrangierten Tableaux markieren eine Grenze des bloß Literarischen. Im Anschluss an diese Erörterungen und ganz in ihrem Sinne machte sich die italienische Performance-Künstlerin Elettra de Salvo ans Werk - auf der großen Bühne bot sie eine Inszenierung mit dem bezeichnenden Titel "Fleisch wucherte herum". Durchdringendes Geschrei machte den Anfang. Farbige, mal grasgrüne, mal blutrote Video-Projektionen waren auf weißen Leinwänden zu sehen. Am rechten Rand der Bühne stand ein Tisch mit einem Laptop, an dem sich jemand zu schaffen machte, links waren ein klobiges Mischpult und allerlei Kabel zu entdecken. Schließlich traten de Salvo und Blixa Bargeld auf, Texte von Brinkmann rezitierend, singend, schreiend, zischend. Die einzelnen Darbietungen waren hübsch ineinander gefügt, kunstvoll arrangiert, niemals überfordernd und immer übersichtlich. Mit einem Wort: Laut, aber harmlos. Wie nun steht es um die "Theatralität" der Sprache Brinkmanns? Diese Frage blieb ohne Antwort. Festzuhalten ist vorerst nur: Wenn Brinkmanns Entsetzen die literale Form des Buches zu sprengen scheint, so bleibt es doch - und zwar um der Radikalität seines ästhetischen Ausdrucks willen - auf die Enge und den Widerstand eben dieser Form angewiesen.Wie steht es nun um die Theatralität der Sprache Brinkmanns? Diese Frage blieb ohne Antwort.DPA Rolf Dieter Brinkmann.