Allzeit hat die stille Kunst des Schachspiels enthusiastische Förderer gebraucht. Die bedeutendsten in der Geschichte, die man erinnern wird, waren weniger die kühl kalkulierenden Sponsoren von heute, die bei jeder Gelegenheit von Umwegrentabilität und Publicity sprechen, sondern ­ ähnlich wie die Kunstsammler ­ die Liebhaber und Aficionados des Spiels. Der heute fast vergessene Bernhard Kagan war einer von ihnen. 1866 wurde er in Grodno (Polen) geboren und kam als junger Mann nach Wien. Ebenda stieg er in den Zigarrenhandel ein und machte seine erste Bekanntschaft mit dem Schach im berühmten Café Central, wo neben Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal und Karl Kraus unter anderem auch ein gewisser Lev Davidowitsch Bronstein die Figuren führte. Um 1904 übersiedelte Kagan nach Berlin, wo er einer der größten Zigarrenhändler wurde. Das Schach ließ ihn jedoch nicht mehr los. Ab 1914 begann seine Herausgebertätigkeit: Unzählige Broschüren (Einführungen), die während des Krieges in Lazaretten verteilt werden, stammen von ihm, ab 1921 erschienen "Kagans Neueste Schachnachrichten". Sie entwickelten sich bald zur bedeutendsten Schachzeitung des Kontinents, da die führenden Groß- und Weltmeister an ihr mitarbeiten. Nicht genug damit: Kagan organisierte und finanzierte viele Berliner Turniere mit ausgezeichneter Besetzung und half vielen Spielern (wie den großen Akiba Rubinstein), die Not- und Hungerjahre der Inflationszeit besser zu überstehen. 1932 geriet der Mäzen selbst in große Schwierigkeiten, seine Schachzeitung mußte eingestellt werden. Kagan starb 1932 und mit ihm ging - ähnlich wie in Wien, als es keinen Baron von Rothschild und Leopold Trebitsch mehr gab ­ die große Zeit des Berliner Schach nach und vor dem Weltkrieg zu Ende. Daß Kagan selbst ein starker Spieler war, der auch Großmeistern ab und zu einen Punkt abknöpfen konnte, zeigt die folgende Partie.Johner ­ KaganOstende 19071.d4 d5 2.Sf3 Sf6 3.c4 e6 4.Sc3 c5 Die berühmte Tarrasch-Verteidigung. 5.cxd5 Sxd5 5... exd5 kam damals gerade außer Mode, denn Akiba Rubinstein feierte große Erfolge mit 6.g3, Lg2 und der Belagerung des Isolani auf d5. 6.e4 Sxc3 7.bxc3 cxd4 8.cxd4 Lb4+ 9.Ld2 Lxd2+ 10.Dxd2 0-0 11.Lc4 Und schon befinden wir uns mitten in einem modernen Abspiel des Semi-Tarrasch. Heute, um die Erfahrung von 90 Jahren reicher, hält man 11.Tc1 oder 11.Le2 mit kleinem weißen Vorteil für subtiler. 11... Sd7 Offensiver ist 11... Sc6 12.0-0 b6 13.Tad1 Lb7 14.Tfe1 Tc8, da der Durchbruch 15.d5 exd5 16.Lxd5 Dc7 nicht viel bringt. 12.0-0 Sf6 13.Tfe1 b6 14.Se5 Ein sinnloser Ausflug. Nachhaltig war 14.a4 Lb7 15.Ld3 Tc8 16.a5 und Weiß hofft auf Vorteil. 14... Lb7 15.f3 De7 16.Te3 Tfd8 17.Td1 Tac8 18.De2 Sd7 19.Sg4 Sf6 20.Sf2?! Arroganz! In gleicher Stellung weicht Weiß dem Abtausch aus. 20.Sxf6+ Dxf6 21.d5 mußte geschehen. 20... Db4! 21.Ld3? Das kostet schon ein Bäuerlein. 21.La6!? Lxa6 22.Dxa6 sieht spielbar aus. 21... Txd4! Vorsicht war am Platze. Nach 21... Dxd4?! 22.e5! Sh5 23.Lxh7+ Kxh7 24.Txd4 ist Schwarz sein bestes Stück los. 22.f4 Tcd8 23.Tb1 Dc5 24.g4?! Ein Verzweiflungsangriff, der energisch zurückgewiesen wird.Diagramm 124... Sxg4!! Kleiner Mann, was nun? 25.Dxg4 25.Sxg4? Txd3 kostete wegen der Fesselung bereits die Figur. 25... Txd3 26.Txd3 Txd3 27.Td1 Auch 27.De2 27... Td4 ändert nichts am Ausgang der Partie. 27... f5! 28.exf5 Völlig aussichtslos ist auch 28.Dh5 Txd1+ 29.Dxd1 fxe4 30.Dd8+ Df8. 28... exf5 Noch elementarer war 28... Lf3! 29.Txd3 Lxg4. Jetzt lenkt Schwarz in ein gewonnenes Endspiel mit 29.De2 Txd1+ 30.Dxd1 Dd5 ein. Weiß gab auf. 0-1Kagan ­ KuleschaOstende 1907Diagramm 2Schwarz ließ sich zu 1...Txe4? hinreißen, wonach Weiß (am Zug) leichtes Spiel hatte.ruf & ehn