TAMUS. Wir befinden uns im Jahre 2009 nach Christus. Ganz Israel ist vom Kapitalismus beherrscht. Ganz Israel? Nein! Ein von unbeugsamen Sozialisten bevölkerter Kibbuz hört nicht auf, dem Massenkonsum Widerstand zu leisten. In einem Häuserensemble am Rande der Innenstadt von Bejt-Schemesch befindet sich der kleine Stadt-Kibbuz Tamus, der allen ideologischen Umwälzungen zum Trotz an sozialistischen Werten festhält.Die Mitglieder zahlen ihr ganzes Einkommen in die Gemeinschaftskasse; 17 Familien benutzen eine Waschküche und kommen mit acht Autos aus. In 17 Wohnungen wohnen 30 Mitglieder und deren 40 Kinder. In der Mitte des kleinen Viertels befindet sich eine Wiese, auf der sich zu fast jeder Tages- oder Nachtzeit Kinder, junge Erwachsene oder Familien tummeln. Die Anlage hat keine Tore. Fremde können sich frei bewegen. Das wollen ihre Bewohner so, schließlich sind sie eine Gemeinde in der Gemeinde.Als Tamus vor 22 Jahren gegründet wurde, wohnten die Genossen noch in abbruchreifen mehrstöckigen Sozialbauten. Die heutige Anlage ist von einem Architekten entworfen und liegt unweit des ehemaligen Zentrums.Bloß nichts ElitäresAn einem Ende der Grünfläche befindet sich der Gemeinschaftsaal des Kibbuzes. Hier finden Veranstaltungen statt, treffen sich die Genossen für Fortbildungskurse, oder trinken einfach nur so mal Kaffee. Auffallend ist die kleine Bibliothek, in der mehr jüdische Traktate stehen als Ausgaben von Karl Marx' großer Kapitalismuskritik "Das Kapital". Über dem großen Raum findet sich das Herzstück des Kollektivs: die Kinderkrippe und der Kindergarten. Im Kibbuz alten Typs wurden die Kinder in einem bestimmten Alter von ihren Eltern getrennt und in einem sogenannten Kinderhaus jahrgangsweise von einer Erzieherin betreut. Da Tamus sich als modern bezeichnet, sind solche Praktiken hier nicht mehr zu finden.Im Stadtkollektiv werden die Kibbuzkinder zusammen mit Heranwachsenden aus zerrütteten Familien betreut und das bereits ab dem neunten Lebensmonat. "Was für unsere Kinder gut ist, ist auch für andere Israelis in Ordnung und steht ihnen offen", sagt Kibbuznik Awner Israeli, der gerade seine dreijährige Tochter abholt. Das Miteinander wird vorgelebt, elitäre Abkopplung findet nicht statt.Einfachheit, schlichte Kleidung und wenig Besitz gehörten früher zum Selbstverständnis der egalitären Gesellschaft, und in der Kindertagesstätte erkennt man, dass der Grundsatz nicht vergessen wurde. Modernes Spielgerät ist nicht zu entdecken, allerdings können auf ausgedienten Quads die Kinder das Lenkrad in die Hand nehmen, und eine umfunktionierte Kälberbox dient als Spielhaus.Kühe statt KrämereiAls Leon Uris 1960 seinen Roman "Exodus" schrieb und die Lebensform Kibbuz weltbekannt machte, herrschte unter den sozialistischen und kommunistischen Pionieren noch der landwirtschaftliche Ethos. "Erlösung durch Arbeit", war ein viel benutztes, geflügeltes Wort; das Pflügen und Säen war buchstäblich eine in die Steine von Galiläa gemeißelte Weltanschauung, und wer in der Negev-Wüste schwitzend und schmutzig spät abends von der Arbeit in den Kibbuz-Speisesaal kam, stand hoch in der Gunst der Genossen. Die Kibbuz-Bewegung wollte einen neuen Juden schaffen, der weniger mit Krämerei und Handel beschäftigt war, dafür mehr mit Zitrusfrüchten und Kühen.Vorbei - zwei Prozent der Israelis nennen sich heute noch selber "Kibbuznik". Zur Zeit der Staatsgründung 1948 waren rund acht Prozent in diesen Gemeinschaften organisiert. Und vom ehrbaren Ethos sind nur noch landwirtschaftliche Gastarbeiter aus Thailand übrig; die Kibbuze haben eine wirtschaftliche Privatisierungswelle durchlaufen. Die Mitglieder haben sich ins Private zurückgezogen. In vielen Fällen kann man schwerlich noch von einem Kollektiv sprechen. Der Stadt-Kibbuz Tamus und eine Handvoll anderer Gruppierungen halten die rote Fahne noch hoch."Der Ethos der Gründerväter war und ist auch heute noch richtig", da ist Ran Raviv sicher. Der 40-Jährige, der die finanziellen Angelegenheiten der Gemeinschaft Tamus regelt, ergänzt aber gleich: "Wir wollen diesen Ethos aber ein wenig anders, moderner leben."Ran Ravin stammt aus einem landwirtschaftlichen Kibbuz im Süden Israels und geht mit der althergebrachten sozialistischen Auffassung nicht unbedingt konform. Aber er steht zur Idee der Tamus-Bewohner, mit ihrer Lebensweise eine Alternative zur gesellschaftlichen Entfremdung zu zeigen. "Es geht anders", sagt er, und er findet den Hinweis wichtig, dass Tamus sich zu den jüdischen Wurzeln bekennt, was in anderen Kibbuzen nicht immer der Fall gewesen sei.Obwohl das Leben zwischen den Kiefernhainen idyllisch erscheint - einfach ist es nicht. Zum einen strengt das von jedem Einzelnen verlangte soziale Engagement an und reibt auf. Zum anderen ist ein ruhiges Leben gar nicht gewollt. Die gesellschaftlichen Probleme werden bewusst angegangen, ein Ausruhen ist nur für kurze Zeit möglich. "Wenn sich ein Genosse zurückzieht, tankt er entweder seine Batterien auf, oder er ist auf dem Weg nach draußen", sagt Ravivi. Auch das Abführen des Lohnes löst regelmäßig Reibereien zwischen den Genossen aus. Awner Israeli gibt zu bedenken, dass einige Mitglieder als Computerfachleute bis zu 5 000 Euro im Monat verdienen, andere hingegen steuern nur ein Fünftel dessen bei. Die unvermeidlichen Spannungen fegt Israeli mit einer Handbewegung beiseite: "Wir sind hier, weil wir alle eine gemeinsame Vision haben und nicht, weil wir Freunde sind."Da drängt sich doch die Frage auf, ob denn eine Indoktrinierung der Gruppenmitglieder stattfindet, die diese auf Linie bringt. "Indoktrinierung ist kein schönes Wort. Es findet keine Gehirnwäsche statt. Es gibt nur Gespräche im kleinen Rahmen, in denen die Genossen daran erinnert werden, weshalb sie überhaupt Mitglieder geworden sind", antwortet Raviv schnell. Überhaupt sind Gespräche, Sitzungen, Diskussionen fast schon an der Tagesordnung, schließlich müssen unterschiedliche Meinungen unter einem Hut gebracht werden, ohne dass Zwang ausgeübt wird.Diskutierende GesellschaftZum Selbstverständnis der Gruppe gehört, dass man alle Angelegenheiten ganz und gar freiheitlich regele, Raviv und Israeli nennen das Verfahren sogar "anarchisch". Jede Entscheidung wird im Konsens getroffen. Nichts passiere von oben herab, es werde keine Kommission gebildet, die das jeweilige Thema tot quatsche. Wenn jemand eine Idee habe, sei er auch für die Umsetzung verantwortlich, die Kasse stehe ihm im Rahmen des Möglichen dafür zur Verfügung. Wenn er personelle Unterstützung brauche, finde er sie im Kibbuz. "Ja, wir erfüllen das Klischee einer diskutierenden Gesellschaft, aber wir bewegen auch einiges", sagt Israeli lächelnd und führt an, dass er soeben eine Koalition für kostenlose Zahnbehandlung in Israel ins Leben gerufen hat.Einen Zaubertrank wie die Gallier besitzt der Kibbuz Tamus nicht und ein alle mitreißender Hit ist die Idee nicht geworden. Sie ergriff nicht die Massen, wurde nicht zur materiellen Gewalt, wie Karl Marx es formulierte. In ganz Israel existieren gerade sieben solcher Lebensformen - manchen Ohren klingt die Idee des sozialistischen Kibbuz wohl ein wenig zu schrill.------------------------------"Jeder nach seinen Möglichkeiten ."Ideal der Zionisten: Kibbuz ist die hebräische Bezeichnung für eine kollektive Siedlung. Der Kibbuz ist ein ursprünglich ländliches Gemeinwesen; eine Gesellschaft, die auf den Prinzipien gegenseitiger Hilfe und sozialer Gerechtigkeit beruhen soll; ein sozialwirtschaftliches System, in dem Menschen Arbeit und Besitz teilen sollen - die Verwirklichung des Gedankens: "Jeder gibt nach seinen Möglichkeiten und erhält gemäß seinen Bedürfnissen."Von der Idee zur Praxis: Die ersten Kibbuze wurden 40 Jahre vor der Staatsgründung Israels 1949 von jungen, meist aus Osteuropa stammenden Zionisten errichtet. Sie wollten den Boden der Heimat ihrer Urväter bebauen und zugleich eine neue Lebensform finden.Gegenwart: Die meisten der heute existierenden 270 Kibbuze in Israel haben sich marktwirtschaftlichen Prinzipien geöffnet. War früher die Landwirtschaft mit Abstand die Haupteinkommensquelle, stammen heute etwa 50 Prozent aller Kibbuzeinkünfte aus Industrie und Fremdenverkehr. Trotzdem erzeugen sie noch ungefähr 40 Prozent der Agrarprodukte.------------------------------Karte: Israeal------------------------------Foto: Kibbuznik Awner Israeli vor dem Kindergarten der Gemeinschaft Tamus