Er erinnert sich noch gut daran, wie er zum ersten Mal in die Simon-Dach-Straße kam. Es war an einem Sommerabend im Juli vorigen Jahres, und die Straße im Friedrichshainer Szenekiez war kurz vor Mitternacht voller Menschen. "Ich war total überrascht über diese Massen und über das Ausmaß des Lärms aus den Biergärten", sagt Sebastian Bartels. Seit diesem Juliabend vertritt der 37-jährige Anwalt mehrere Anwohner, die rund um die Simon-Dach-Straße um ihre Nachtruhe kämpfen. "Ich kann den Frust der Leute gut verstehen, wenn vor ihren Fenstern nachts statt der genehmigten 40 Dezibel dauerhaft 60 gemessen werden, da ist an Schlaf einfach nicht zu denken", sagt er. In der vergangenen Woche erzielte der Anwalt einen ersten Erfolg: Das Berliner Verwaltungsgericht erklärte nach dreimonatiger Prüfung die Ausnahmegenehmigungen für vier Kneipen im Kiez für rechtswidrig, nun dürfen sie nach 22 Uhr draußen nicht mehr bedienen. Bartels bereitet inzwischen elf weitere Klagen gegen nächtlichen Kneipenlärm vor, sechs davon im Viertel um die Simon-Dach-Straße. Auch in anderen Gebieten, wie der Großen Hamburger Straße in Mitte und der Wiener Straße in Kreuzberg hat er neuerdings Mandanten. "Ich glaube, das Gerichtsurteil hat viele Leute ermutigt, gegen unzumutbare Belästigungen etwas zu tun", sagt er. Unzumutbar findet er es auch, wenn ein Anwohner, der sich nachts bei einem Wirt im Haus über Krach beschwert, am nächsten Tag die Autoreifen zerstochen vorfindet, wie es in der Kopenhagener Straße in Prenzlauer Berg passiert ist. Wenn der Lärm aus einer Gaststätte in der Pariser Straße in Wilmersdorf so durch den engen Hof hallt, dass in der ersten Etage niemand Ruhe findet, nennt das der Anwalt auch unzumutbar. Oder wenn ein Mieter seit seiner Beschwerde bis zu 60 anonyme Drohanrufe pro Tag erhält. Sebastian Bartels, dessen Spezialgebiet Mietrecht ist, arbeitet sich mittlerweile immer tiefer ins komplizierte Verwaltungsrecht ein, anhand dessen Kneipenlärm beurteilt wird. Die Ämter, die zunächst für den Lärm zuständig sind, nehmen die Sorgen der Anwohner nicht ernst genug, meint der Anwalt. Deshalb würden immer mehr klagen. "Lärmschutz ist Umweltschutz, jeder weiß, dass zu viel Lärm krank macht, doch was getan wird, ist kaum der Rede wert." Den Kneipenlärm bezeichnet der Anwalt als "Dauerterror für die Anwohner". Vorschläge, er solle seinen Mandanten raten wegzuziehen, hält er für zynisch. "Es muss doch möglich sein, dass Berlin auch für Familien lebenswert bleibt, die nicht nach Zehlendorf oder ins Umland ziehen wollen oder können." Im Übrigen wolle niemand die Kneipen weg haben, aber Toleranz müsse von beiden Seiten kommen. Auch Anwalt Bartels trinkt gerne mal ein Bier im Freien. Doch seit einem Jahr wählt er die Kneipen bewusster aus: "In Wohngebiete mit vielen Bars gehe ich nicht mehr, da stört der Lärm."Doch nicht überall, wo es Kneipen gibt, muss es zwangsläufig zu Streit zwischen Anwohnern und Wirten kommen. Am Helmholtzplatz in Prenzlauer Berg zum Beispiel, wo gut ein Dutzend Cafés und Restaurants ihre Tische und Stühle mindestens bis 24 Uhr auf dem Gehweg stehen haben, kann man sich nur noch dunkel an Ärger erinnern. Seitdem dort eine Interessenvertretung beide Seiten zweimal im Jahr an einen Tisch holt, um offene Fragen zu klären, herrscht offiziell Frieden. Schilder mahnen zur RuheIn jeder Kneipe gibt es Tischkarten oder Schilder, die zur Ruhe mahnen. Die Gäste sind vorwiegend die Mieter der Häuser, manchmal sitzen sie bis drei Uhr morgens im Freien. "Wir haben das gemeinsam im Griff", sagt Kellnerin Cordula aus dem Aleaiacta. Werden die Gäste doch mal zu laut, bittet man sie hinein. Und Daniela Tabbert, die Chefin im Café Im Nu, ergänzt, dass ab 22 Uhr am Helmholtzplatz keine Straßenmusikanten mehr auftreten dürfen. Gibt es doch mal ein Lärmproblem, hat der Mieter einen direkten Ansprechpartner in den Kneipen.Auch am Savignyplatz in Charlottenburg, wo es noch im vorigen Jahr Lärmbeschwerden gab, scheint es ruhiger geworden zu sein. "Leute, die früher öfter die Polizei holten, sind weggezogen, und mit denen, die noch da sind, kann man reden", sagt die Barfrau im Zwiebelfisch, der bis 6 Uhr morgens auf hat. Man hat sich arrangiert - Markisen und Schirme dämpfen die Lautstärke. Probleme werden in internen Gesprächen geregelt, heißt es.BERLINER ZEITUNG/PAULUS PONIZAK Abends in der Simon-Dach-Straße, wo gut tausend Biergartenplätze locken. Was für Gäste fröhliche Geselligkeit ist, bezeichnen manche Anwohner als Lärm.

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