Im Frühjahr 1964 wurde ein junger Mann an der deutsch-deutschen Grenze festgenommen. "Versuchte Republikflucht." Die Ost-Grenzer hätten ihn ziehen lassen sollen. Das hätte ihrem Staat viel Ärger erspart.Der Flüchtling landete im Gefängnis, wurde gefoltert. Aus dem Unzufriedenen machte sich die DDR einen Feind. 1971 kaufte die Regierung Brandt ihn frei. Kaum im Westen angekommen betätigte er sich als Fluchthelfer, bald dermaßen erfolgreich, dass die Staatssicherheit sich zur "Operation Skorpion" gegen den "Kopf einer kriminellen Menschenhändlerbande" genötigt sah. Neben 14 Spitzeln waren schließlich ein paar vergiftete Frikadellen daran beteiligt. Der Attentäter musste nach der Wende ins Gefängnis. Der zuständige Stasi-General beging Selbstmord.Wenig ReflexionDie Geschichte klingt nicht nur wie ein Thriller, sie ist auch einer. Der Film läuft heute Abend im Ersten. Die Hauptfigur heißt anders, dennoch ist "Der Stich des Skorpions" an das tatsächliche Schicksal des Fluchthelfers Wolfgang Welsch angelehnt. Dessen Memoiren sind betitelt mit "Ich war Staatsfeind Nr. 1", und dieser äußerst selbstbewusste Duktus scheint auf den Film durchgeschlagen zu sein.Der Held Wolfgang Stein treibt die Geschichte als Ich-Erzähler in bisweilen irritierend triumphierendem Ton durch 25 Jahre seines Lebens. Im Drehbuch von Holger Karsten Schmidt gibt es allerlei hübsche kleine Szenen in authentisch wirkendem Ambiente und auch viel Musik von damals, aber wenig Raum zur Reflexion. Daran können selbst Könner wie Jörg Schüttauf und Martina Gedeck in den Hauptrollen nicht viel ändern.Über Steins Motive erfährt man einzig, dass den armen Schweinen da drüben geholfen und Rache kalt genossen werden muss. Wovon der Altruist sich all die Jahre ernährt, bleibt unklar. Die Fluchthilfe ist für ihn, so betont er, kein Geschäft, sondern humanitäre Berufung und Strafaktion in einem.Dafür überschreitet er nicht nur Staats-, sondern auch ethische Grenzen. Er wirft Frau und Kind an die Front und damit der dankbaren Stasi in den Rachen. An Verbündeten gibt es noch den geheimnisvoll-staatsnahen Herrn Krüger (Hannes Jaenicke), der für Schleusungen immer mal Blanko-Pässe von sonst woher beschafft. Aber im Grunde kämpft hier doch ein Stein allein gegen die Arbeiter-und-Bauern-Macht."Der Stich des Skorpions" leistet sich einige Glaubwürdigkeitslücken. Aber wer sich nicht über Details echauffieren mag und spannende Unterhaltung vor historischem Hintergrund zu schätzen weiß, der wird sehr ordentlich bedient. Regisseur Stephan Wagner hat den Stoff ohne dramaturgische Hänger und seifiges Sentiment in Szene gesetzt.Ihre stärksten Momente haben der Film und seine Darsteller, als sich dem Protagonisten der an ihm begangene Verrat endlich offenbart und die Stasi noch post mortem - quasi per Zeitzünder - seine Familie zerstören kann. Diesmal nicht mit Rattengift, sondern mit dem Gift des Verrats. Hier erreicht das Drama die Dimension einer griechischen Tragödie. Der Showdown im Hause des Verräters ist ohnehin eine Klasse für sich.Der Stich des Skorpions, ARD, 20.15 Uhr------------------------------Foto: Polizisten führen Stein (Jörg Schüttauf) zu seiner fingierten Hinrichtung.