Ein Artikel der "Berliner", ein Streit und seine Folgen: Affäre Nurock: Die Zeche zahlen die Studenten

Am Anfang stand ein Hilferuf von Studenten an die Berliner Zeitung. Am Ende stehen eine zurückgetretene Hochschulrektorin, ein "vertriebener" Professor und ein Konflikt, weit über die Hochschule hinaus.Anfang Juni: In der Hochschul-Redaktion der Berliner Zeitung erschienen Studenten der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" (HfM). Sie klagten, ihr Studium sei in Gefahr, weil der Professor für Popularmusik, Kirk Nurock, seine Pflichten als Leiter grob vernachlässige. Der vom Wissenschaftssenator berufene 47jährige Jazzmusiker aus New York weigerte sich offen, an der akademischen Selbstverwaltung teilzunehmen. Er entließ Lehrkräfte, schaffte gegen die Studienordnung "mehrere Fächer" ab und ließ Prüfungen sausen. Anonyme Schmiererei Die Studenten forderten schließlich den Berliner Wissenschaftssenator auf, Prof. Nurock von seinem Leiterposten abzuberufen. Um ihnen zu helfen, machten wir ihre Probleme öffentlich (siehe Ausgaben vom 8. und 22. Juni). Kurzfristig berief die Hochschule eine Sondersitzung des Akademischen Senats (AS) ein. Kirk Nurock sah sich in die Rolle des Sündenbocks gedrängt. Die Geschichte nahm eine dramatische Wendung, als bald darauf ein anonymer Brief den Popularmusik-Professor als "abartigen Amerikaner, homosexuell, leicht debil, deutschmarkgierig" diffamierte. Die Mehrzahl der Popmusik-Studenten und viele Lehrbeauftragte distanzierten sich von diesem Brief. "Bei uns ist kein Platz für schwulenfeindliche oder antiamerikanische Hetze", schrieben sie und wiesen jeden Versuch entschieden zurück, die "Schmierereien" mit der Kritik an Nurocks Leitungsstil in Zusammenhang zu bringen. "Aus wirklicher Empörung gegen diese hinterhältige Aktion habe ich sofort die Kriminalpolizei um Aufklärung des Vorfalls gebeten", sagt Annerose Schmidt, zu dieser Zeit noch HfM-Rektorin.Jetzt schalteten sich auch andere Medien ein. In einer Radiosendung vom 7. Juli hatte Senats-Staatssekretär Thies heftige Vorwürfe gegen die Hochschule erhoben und behauptet, daß die Leitung "jemanden so weit aus dem Westen, nämlich aus den Staaten, gar nicht haben" wolle. Schließlich trat Rektorin Annerose Schmidt zurück. Auf die Vorwürfe der Amerikafeindlichkeit, "alter Seilschaften" und des "provinziellen DDR-Miefs" entgegnet sie: Von 59 Lehrkräften in der Popularmusik seien 26 aus dem Westteil der Stadt, Westdeutschland oder den USA. Mehr als die Hälfte der etwa 130 Studenten kämen aus dem Westen. Die Erneuerung der Hochschule sei auch zum Zeitpunkt der Berufung Nurocks schon "sehr weit fortgeschritten" gewesen. Kirk Nurock will nun "nie wieder einen Fuß in diese Hochschule setzen" und geht zurück an die Hochschule der Künste (HdK), wo er vorher war. Diesmal allerdings besser bezahlt - als C 4-Professor. Bis zur Neubesetzung seiner Professorenstelle soll jemand die HfM-Popularmusik kommissarisch leiten, voraussichtlich der bisherige Leiter der Abteilung "Schlagzeug", Mario Würzebesser.Die Leidtragenden des Konflikts - und das spielt offenbar kaum eine Rolle in der Debatte - sind vor allem die Studierenden. Viele haben wegen des Unterrichtsausfalls der vergangenen Monate ein Wiederholungssemester beantragt. "In der Regel schafft hier jeder sein Studium in der vorgegebenen Zeit von acht Semestern", so Musikstudent Hinrich Beermann. "Wegen der Geschichte muß jetzt jedoch etwa jeder fünfte in der Popularmusik länger studieren. Wenn es noch mal ein derart chaotisches Semester gibt, dann überlegen sich viele wegzugehen." Aufnahmestopp belastet Und noch eine andere Sache belastet: Zum kommenden Wintersemester gibt es einen Aufnahmestopp in der Popularmusik. Von seiten des Senats wird das mit einer Entlastung der verbliebenen Lehrkräfte begründet. Die Studenten fürchten jedoch um den Ruf ihrer Schule. Wie nun der Lehrbetrieb in Fach Popularmusik weitergehen wird, ist ungewiß. Meike Goosmann, Studentenvertreter der HfM, sieht für das nächste Semester schwarz: "Für uns ist alles ziemlich katastrophal gelaufen."