Man muss es wirklich selber wollen, weil es sonst sowieso keinen Sinn hat: Das ist auch so ein Vorurteil über den Alkoholentzug, sagt Tom Bschor. Er lächelt freundlich. Wahrscheinlich hört er solche Sachen jede Woche. Tom Bschor ist Chefarzt im Jüdischen Krankenhaus, er leitet die Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie, in der es eine Entzugsstation gibt."Das mit dem eigenen Willen sieht man inzwischen anders", sagt Tom Bschor. "Es ist egal, warum jemand kommt. Ob die Familie Druck macht oder der Chef mit Kündigung droht. Hauptsache, die Leute kommen." Im qualifizierten Entzug, wie ihn sein Krankenhaus anbietet, werden die Patienten nicht nur entgiftet, sondern vom ersten Tag an therapeutisch betreut. "Wenn jemand keine eigene Motivation hat, versuchen wir die aufzubauen."Drei bis vier PromilleDas Jüdische Krankenhaus in Berlin war in den 60er-Jahren eines der ersten in Deutschland, dass eine eigene Station für die Behandlung von Alkoholkranken einrichtete. Bis dahin wurden meist nur die Folgeschäden behandelt. Erst 1968 entschied der Bundesgerichtshof, das Alkoholismus eine Krankheit und die Behandlung von den Kassen zu bezahlen ist. Auch im Jüdischen Krankenhaus war der Alkoholentzug lange in der Abteilung für Innere Medizin. Inzwischen findet er in der Psychiatrie statt - eine andere Erkenntnis der vergangenen Jahrzehnte ist, dass bei vielen Patienten eine Angsterkrankung oder Depression der Grund für das Trinken ist. Andererseits ist das Wort Psychiatrie ein weiteres Tabu, dass es für die Patienten zu überwinden gilt. Als ob "Alkoholproblem" und "Entzug" nicht schlimm genug wären. Wird man auf so einer Station angebunden, weil man im Delirium um sich schlägt? Tom Bschor lächelt immer noch. "Ein Entzug ist unangenehm, aber auszuhalten", sagt er.Im Jüdischen Krankenhaus beginnt er mit einem Vorgespräch in einem kleinen Haus neben der Psychiatrie. Das Gespräch ist unverbindlich, es kann damit enden, dass der Arzt sagt: Sie können es allein schaffen. Meistens ist die Lage aber schon ziemlich ernst. Wer möchte, wird noch am selben Tag aufgenommen. Vorher sollte niemand aufhören zu trinken - sich allein auf Entzug zu setzen, ist gefährlich.Auf der Entzugsstation müssen die Patienten in ein Röhrchen pusten. Sie haben mal drei, mal über vier Promille Alkohol im Blut. Ihr normaler Pegel. "Die meisten kommen leider erst, wenn die Krankheit mehr als zehn Jahre läuft", sagt Chefarzt Bschor. Am Anfang bekommen viele Patienten Medikamente, die im Gehirn wie Alkohol wirken. Die Patienten können epileptische Anfälle bekommen, im Delirium das Gleichgewicht verlieren, unter rasendem Puls leiden. Nach drei Wochen ist die Entgiftung aber überstanden. Es ist der Anfang von einer Heilung, die nie enden wird. Alkoholiker bleiben ihr Leben lang Alkoholiker, an dieser Erkenntnis hat sich nichts geändert. Tom Bschor sagt, dass die Patienten danach oft zu optimistisch sind.Auf der Entzugsstation stehen Männer in kleinen Gruppen zusammen, sie verstummen, wenn Fremde hereinkommen. An einer Pinnwand hängt der dichtbeschriebene Wochenplan. Die Patienten haben Gymnastik, Bewegungstherapie und Entspannungsübungen, um ihren nüchternen Körper zu erkunden. Sie können schreiben und kochen lernen. Im "Genusstraining" probieren sie ihre Sinne aus. Oft steht "Gruppe" auf dem Plan. Im Jüdischen Krankenhaus treffen sich 15 Selbsthilfegruppen. Jeder Entzugspatient muss sie kennenlernen und auch ein Treffen in der Nähe seines Wohnorts besuchen.Die Gruppen sind das beste Mittel gegen übertriebenen Optimismus. Viele Alkoholiker haben Rückfälle erlebt. Und viele haben es trotzdem irgendwann geschafft. Einige arbeiten sogar im Krankenhaus. "Wir haben im Pflegepersonal und unter den Therapeuten trockene Alkoholiker", sagt der Chefarzt. Das sei wichtig. "Die Patienten wissen, dass wir wissen, was wir tun."------------------------------Ein langer WegDas Jüdische Krankenhaus hat eine der ältesten und angesehensten Entzugsstationen der Stadt. Sie nimmt Patienten aus Berlin und Brandenburg auf, die von Alkohol, Drogen oder Medikamenten abhängig sind.Der Entzug, auch Entgiftung genannt, ist die erste Stufe einer Suchtbehandlung. Er dauert etwa drei Wochen. Ein "qualifizierter Entzug" ist mit einer psychotherapeutischen Behandlung verbunden.Zur Entwöhnung, der zweiten Stufe der Suchtbehandlung, lernen die Patienten etwa neue Verhaltensmuster. Die Entwöhnung dauert zwischen drei und sechs Monaten.Bei der Ambulanz im Jüdischen Krankenhaus kann jeder Betroffene kurzfristig einen Beratungstermin vereinbaren, Telefon: 49 94 24 26. Notfälle werden von der Rettungsstelle in der Heinz-Galinski-Str. 1 jederzeit aufgenommen.Die Landesstelle für Suchtfragen hat weitere Adressen von Beratungs- und Entzugseinrichtungen. Auskünfte unter Telefon 34 38 91 60, oder im Internet unter www.landesstelle-berlin.de250 000 Menschen in Berlin gelten als alkoholkrank. Die Berliner Zeitung berichtet in einer Folge von Artikeln über verschiedene Aspekte des Alkoholmissbrauchs.Informationen im Internet: www.berliner-zeitung.de/alkohol------------------------------Foto: Tom Bschor leitet die Entzugsstation im Jüdischen Krankenhaus in Wedding.

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