Da sitzt ein Mensch und schreibt ein Gedicht. Da vergeht das Jahr. Jahr vergeht, Gedicht entsteht. Einmal im Jahr kommt das "Jahrbuch der Lyrik" heraus, in dem eine Auswahl zuletzt entstandener Gedichte erscheint. Das Buch macht den Eindruck, mit der Lyrik gehe es weiter wie mit der Tumorforschung oder der Bruckner-Gesamtausgabe. Wirklich aber versammelt es die Lyrik dessen, was schon dagewesen ist. Die Zeit des Gedichtes als Kunstform ist vorüber. Aber immer noch gibt es Menschen, die sich als Lyriker verstehen. Sie begreifen das Gedicht als Sprachform, und in die Sprachform sprechen sie hinein. So ein Gedicht kommt nicht an gegen die Zeit. Die Zeit ist vorüber für das Gedicht. Das stimmt den Gedichtschreiber lyrisch. Jürgen Becker schreibt "Holländische Malerei, 1622". "Das Blatt der Geschichte wendet sich knarrend um", heißt es darin. Im Gedicht knarrt aber nichts. Alles glänzt vom Firnis kultivierten Sprechens. Der Autor erzählt vom Wasser und verläßt das Festland bürgerlichen Kunstkennens nicht. Nur sein Text schaukelt ein wenig zwischen Gewißheit und Ungewißheit, zwischen Gegenwart und Vergangenheit, wie ein Kahn auf einer Gracht. Man liest ein solches Gedicht voller Behagen. Gleich will man es in einen Mahagonirahmen stecken mit einem Passepartout darum und einer Glasplatte gegen den Staub und dann an die Wand mit dem behaglichen Kunstgedicht. Das Sprachschöne ist alt geworden, oder, wo es nicht alt sein will, trivial. Dafür können die Lyriker nichts. August Wilhelm Schlegel nannte die Sprache das "Medium der Poesie"; durch sie gelange der menschliche Geist überhaupt zur Besinnung. Das war die Sprache der Romantiker. Heute redet man kaum mehr vom Geist. "Medien" sind uns inzwischen Sprache und Sprechen zugleich, sie sind das Sprechen der Sprache, nicht des Menschen. Der Mensch, der aus dem Medium herausspricht, ist, entgegen dem Anschein, nicht das sprechende Subjekt der Romantiker. Er spricht nur das Sprechen der Sprache. Keiner soll zur Besinnung kommen. Nun scheint es, als eröffne gerade die Lyrik einen Ausweg aus der Besinnungslosigkeit des Sprechens. Der Lyriker nimmt die Sprache als seinen Gegenstand, verknappt, streicht Unnötiges weg, ordnet neu an. Bald macht das Gedicht den Eindruck eines kostbaren Dings. Aber das täuscht. Entweder sieht solch ein Sprachobjekt aus, wie der Nachbau eines älteren Gedichts dann ist das Gedicht keine Kunst und der Autor kein künstlerisches Subjekt. Oder es verfällt der Macht des Geschwätzes. Man sieht, wie sich etwa Manfred Jendryschek in "Tages Meldung, Beliebig" gegen dieses Dilemma auflehnt. Mit dem ganzen Pathos des lyrischen Subjekts greift er in die Sprachmasse und ordnet sie zu einem Gedicht: "Donnernden Hufs, auf leise krepierenden Sohlen. Und Himmel / regnet sich ab, die Erde wölbt. Guten Morgen, Titschland / erwache! sagt das Talg-Radio: ErWachse. Oder Wechsle. Oder / wichse. Wo bleibt der Deinhardt?" Man hat dabei nicht wirklich den Eindruck, daß sich der Autor aus dem Bann des Unlyrischen befreien kann durch die Imitation seiner Struktur. Der Leser hat geringen Gewinn, Beliebigkeit vom Dichter sinnlich vorgestellt zu bekommen. Wenn "Tages Meldung, Beliebig" doch interessant ist, dann deswegen, weil die Form des bedeutungslosen Sprachsprechens derjenigen des inneren Monologs so auffallend ähnlich sieht. Der innere Monolog wird von den Lyrikern des neuen Jahrbuchs gern verwendet. Er gilt ein Mittel der neueren Literatur als unverbraucht. Als Sprachform ist er ein Zeichen für die Subjektivität des Autors, also für die Instanz, aus der traditionell Kunst entstanden ist. Im inneren Monolog, so scheint es, ist das Sprechen noch nicht von der öffentlichen Sprache verdorben. So wäre das unbändig innere Sprechen das Auf- und Hervorsprudeln des Lyrischen. Natürlich ist das eine ästhetische Fiktion, und die meisten inneren Monologe, die das Jahrbuch versammelt, zeigen recht grausam, wie sehr in Wirklichkeit das lyrische Subjekt, der Dichter, ein Produkt des Sprechens der Sprache ist. Den Dichter gibt es vor allem noch als Konvention. Ein Beispiel gibt Oswald Egger, wenn er die logische Ungebundenheit der inneren Rede nutzt für eine Sprach-Orgie des Eins-Seins mit allem, was lebt: "Ich zum Beispiel war schon Knabe, Mädchen, Pflanze, Vogel und Flut-enttauchender Fisch". Egger verzichtet darauf, den Zitatcharakter dieses Sprech-Gestus deutlich zu machen. So entsteht der Eindruck falscher Unmittelbarkeit. Auf manchen Leser wird das distanzlos identifikatorische Nennen trotz allen Erfindungsreichtums trivial wirken. Je mehr der Autor durchs bloße Nennen vereint, desto größer wird die Neugier, ob es nicht doch eine sprachliche Form für sein einsseiendes Allzusammen geben könnte. Es scheint nicht leicht, das Lyrische für unsere Gegenwart zu definieren, vermutlich ist es mit den Mitteln der Sprache aussichtslos. Soll man sich deswegen an den Konventionen des Lyrischen festklammern? Immer noch bedienen sich Gedicht-Autoren des Traums. Aber warum sollte der Traum lyrisch sein? Henning Ahrens "Legenden" jedenfalls fördern nichts Besonderes zu Tage. Formal ist interessant, wie Ahrens mit dem Kunstmittel des Traums entfernte Dimensionen verbindet, "Hagebuttenlaternen" mit "glänzenden Sternen", "Planeten" mit "Meisen", "Halme" mit "Himmelsblau". Letztlich gräbt der Dichter aber nur zwischen den Dünen im Sand und erfindet eine Urlaubsphantasie, die so banal ist, wie Urlaubsphantasien eben sind, weil sie in der spannungslosen Mitte zwischen Alltag und Utopie "barfuß laufen auf Asphalt". Die Dichter des neuen Jahrbuchs träumen und phantasieren, sie rufen die Natur an, die Muse, den Menschen, den Formenkanon der Lyrik, sie feiern das lyrische Ich. Es ist nicht weit gekommen mit dem lyrischen Sprechen. Oberflächengedichte "wie" von Thorsten Krämer bedauern die "vom klauen ganz müde gewordene sprache". Adolf Endler macht sich lieber lustig, über die Lyrik dessen, was nicht schon dagewesen ist: "Indessen nicht der kleinste Seepapagei in meinem Scheiße-Gesamtwerk! Und wie konnte ich fünfzig Jahre lang das Wörtchen ,Wadenwickel verfehlen?"Es gibt ein gutes Kunstgedicht im Jahrbuch der Lyrik, es ist von Elke Erb. Alle Bestandteile von "Wohnzimmer" funktionieren auf mehreren ästhetischen Ebenen zugleich. Der Schlußvers heißt lapidar: "Löschen", man kann ihn auf das Benannte beziehen, auf das Assoziierte oder auf das Gedicht-Schreiben selbst. Dennoch wirkt weiter, wer über die Kunst schon hinaus scheint, etwa der gedichtkritische Dichter Lothar Thiel. Thiel schreibt, "grise der sahgbarkaid! / huhre des bildz! / scheise im wörderglaid! / schvaveln auss eidelkaid! - / sack, was du dengst, aber ohne gesilz!" Er findet eine Form, die der Kunst spottet und doch souverän ihre Regeln erfüllt. Aus dem Verfall der schönen Sprache bezieht der Autor stilistischen Schwung, noch beim Abwinken ruft er eines unserer schönsten Gedichte in Erinnerung: "ales is abgenuttsd!/ du hass brovil. / hass mir den gobf gebudsd/ und mir des maul geschdudsd, / damit ichs halden sol. jeds bin ich stil.">

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