Meine Wohnung ist ganz schön, aber ich nutze sie eigentlich überwiegend zum Übernachten und zum Relaxen vor dem Fernseher nach Feierabend. Wenn ich Freizeit habe, bin ich lieber unterwegs, als in den eigenen vier Wänden herumzusitzen", sagt Grafikdesigner Markus Schönberg, der vor gut fünf Jahren mit seiner Frau in Berlin-Charlottenburg eine komfortable Dreizimmerwohnung bezogen hat.Hinter Schönbergs Aussage steckt mehr als nur Aktivismus und berufliche Notwendigkeit, meinen Experten wie Uwe Raban Linke, der bereits ein Fachbuch zum Thema verfasst hat. "Wir haben es hier mit einem klassischen gesellschaftlichen Problem zu tun", erklärt der Experte. "Viele Menschen wissen gar nicht, warum sie es überall schöner finden als in dem eigenen Zuhause. Die eigene Wohnung ist zu kalt, zu voll, zu eng oder zu weitläufig, und oft merken sie es nicht einmal." Wenn diese Menschen dann einmal daheim sind, falle ihnen schlicht die Decke auf den Kopf, und sie wüssten nicht, warum. "Im Ergebnis versuchen sie, die eigene Wohnung, so gut es eben geht, zu meiden."Hort der Kraft und EnergieDabei sind Vermeidungsstrategien nach Ansicht des Modedesigners, Coaches und Beraters genau der verkehrte Weg. "Gerade im rauen Klima unserer heutigen Leistungsgesellschaft mit ihren harten beruflichen Anforderungen sollte unser Zuhause so gestaltet sein, dass wir hier Kraft und Energie sammeln können, um den Alltag besser meistern zu können." Das große Problem bestehe darin, dass diese Zusammenhänge vielen Menschen nicht ersichtlich seien. "Die falsche Einrichtung, Beleuchtung, Farbgebung oder Stilauswahl können schließlich zur Ursache für psychologische Defekte, Beziehungsprobleme und eine generelle Unzufriedenheit werden."Das gälte besonders in Umbruchssituationen wie nach einer Trennung, einem Todesfall oder einem Umzug. Alte Wohngewohnheiten erschwerten dem Menschen dann den Blick auf das Problem. "Viele Menschen meiden eine Veränderung im Wohnraum und bleiben wie auch im Leben lieber an Altem kleben. Letztlich werden sie unglücklich." Auch in Konfliktbeziehungen spiele die Wohnsituation oft eine Rolle. "Uneinigkeit über die Einrichtung zum Beispiel halten viele für das Symptom eines Beziehungskonflikts, dabei ist es nicht selten die Ursache." Doch auch wer sich schließlich der Veränderung stelle, habe das Problem noch nicht automatisch umschifft, sondern falle oft dem Trend-Diktat der Wohnzeitschriften zum Opfer oder werde vom unüberschaubaren Angebot an Einrichtungsprodukten und -stilen erschlagen.Dass der Zusammenhang von Wohnen und Psyche indessen langsam vielen bewusster wird, registrieren Raumausstatter wie das Maison DFH im Prenzlauer Berg. "Ich würde noch nicht von einem Trend sprechen, aber seit zum Beispiel im Innenbereich der klassische Weißanstrich allmählich zugunsten farbiger Lösungen weicht, kommen immer mehr Kunden auf die Psychologie der Farben zu sprechen und werden von uns entsprechend beraten", sagt Mitinhaber Gerald Huber.Doch könne selbst wer über die grundsätzlichen Wirkungen von Farben und Formen Bescheid weiß, ganz unbewusst falsche Entscheidungen treffen, mahnt Linke. "Welche Beleuchtung, Farben und Stil zu einem Menschen passen, kann sehr individuell sein." Zwar wirke etwa die Farbe Rot grundsätzlich anregend auf die menschliche Psyche, während Türkis einen eher kühlen und abgrenzenden Effekt erzeugt. "Doch die spezielle Wirkung entsteht auch auf Grund persönlicher Erfahrungen. Die Frage lautet also: Wie stehe ich zu Rot und warum?"Für ein optimales Ergebnis müsse man die Abweichung vom allgemeinen Empfinden auf Farben, Oberflächen und Materialien feststellen und in individuelle Konzepte einbeziehen.Ob es an der Zeit ist, die Wohnverhältnisse zu ändern und dazu gegebenenfalls ein Wohnpsychologen heranzuziehen, kann jeder Mensch nach Linkes Meinung leicht an sich selbst prüfen: "Wer sich mit seiner Wohnsituation beschäftigt, sollte sich einige grundsätzliche Fragen an sein Zuhause stellen." Die wichtigsten sind nach Meinung des Wohnpsychologen: Kann ich in meinem Zuhause Energie tanken und mich vom Alltagsstress erholen? Freue ich mich auf zu Hause? Lade ich gerne Freunde ein? "Wenn ich auf diese Fragen klar mit 'Ja' antworten kann, dann bin ich wahrscheinlich richtig eingerichtet", so Linke.Wer hier schon Zweifel hat, könne dann zunächst versuchen, selbst Abhilfe zu schaffen. "Das Rezept, aus einem Haus ein Zuhause zu machen, ist eigentlich ganz einfach: Das Geheimnis ist der Vorgang der Aneignung." Damit meint der Wohnpsychologe, dass es besonders wichtig ist, sich mit den Gegenständen, den Farben, der Dekoration und deren Aufstellung auseinanderzusetzen, um "Seins" zu finden. Eine Übernahme einer Einrichtung aus dem Katalog oder ein Nachlaufen nach dem Trend wäre das Gegenteil. "Natürlich beeinflusst uns ein Trend, aber wichtig ist es, sich selbst treu zu bleiben und Gedanken zu machen, wie mein Stil das ausdrücken kann."Fachliche Hilfe zur SelbstfindungDie eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu erkennen ist allerdings nicht jedermanns Sache. "In solchen Fällen können Innenarchitekten und Einrichtungsberater, die gut zuhören können und den Kunden als Mensch wahrnehmen, oft schon helfen", sagt Uwe Raban Linke.Im Zweifel könne natürlich auf das Fachwissen eines Wohnpsychologen zurückgegriffen werden. Dessen Konsultation hat freilich ihren Preis: Psychologen wie Linke veranschlagen für Privatkunden 100 Euro pro Beratungsstunde. Die Angst, dass dabei ein Vermögen zusammenkomme, sei indessen unbegründet. "Die Dauer der Beratung hängt vom Kunden und seinen Wünschen und Veranlagungen ab, manchmal genügt bereits ein Telefongespräch, manchmal sind es drei Sitzungen." Eine lohnenswerte Investition, wenn danach die eigene Wohnung nicht zu einem ungeliebten Aufenthaltsort, sondern zur Heimat wird.------------------------------KANN ICH IN MEINEM ZUHAUSE ENERGIE TANKEN UND MICH VOM ALLTAG ERHOLEN?Foto: Wissen un die Wirkung der Farben und den eigenen Stil sind die Grundlagen fürs Wohlbefinden.