Ein Beitrag ehemaliger Studenten zur Debatte um die Theaterwissenschaft: Schmoren im eigenen Saft

Die Auseinandersetzung um die Zukunft der Theaterwissenschaft an der Humboldt-Universität (HU) Berlin zählt wohl zu den letzten traurigen Schlachten, die um diesen Studiengang geschlagen werden. Auch Ernst Schumacher, von 1966 bis 1987 Lehrstuhlinhaber, wendet sich gegen die drohende Abwicklung durch die Vergabe einer vakanten C4-Professur an die FU ("Berliner Zeitung", 28. Juni). Mit keiner Silbe erwähnt er jedoch, was dort in jüngster Vergangenheit, also ab 1990, gelehrt wurde.Zunächst: Das quantitative Rüstzeug des Faches reichte nicht aus, um Diplom- und Magisterstudiengänge den Anforderungen der eigenen Studienordnung gemäß zu unterrichten. Das Seminarangebot der HU-Theaterwissenschaft nahm in den Vorlesungsverzeichnisssen selten mehr als eine drei viertel Druckseite ein. Zuletzt schmolz es auf eine halbe Seite zusammen; die Dozenten standen für einen Teil der Seminare bei der Drucklegung immer noch nicht fest. Die Lehrinhalte konzentrierten sich auf Veranstaltungen, die den Schwerpunkten Dramaturgie, Theatergeschichte und Kulturelle Kommunikation zugeordnet waren. Um die je nach Studiengang - Haupt- oder Nebenfach - notwendige Anzahl von Stunden und Leistungsnachweisen abzudecken, waren Mehrfachbelegungen oftmals unabdingbar. Da der Fachbereich niemals über genügend Personal verfügte und zudem dieselben Lehrkräfte ihre Schwerpunktthemen nach spätestens drei Jahren wiederholten, lernten Studenten mit einer durchschnittlichen Verweildauer von 14 Semestern mindestens dreimal dasselbe. Im Unterschied zu den meisten anderen Instituten der HU schwemmte der Westen in die Theaterwissenschaft keine Frischzellen. Das heißt, sie schmort seit der Wende im eigenen Saft, und manches Redemanuskript besitzt nur noch antiquarischen Wert.Wie ist es dann aber Parallelstudiengängen, zum Beispiel der Musikwissenschaft, gelungen, unterschiedlichen Lehrtraditionen entstammende Dozenten zu versammeln? Warum ging die Theaterwissenschaft bis heute leer aus? Schreckte die theoretische Tradition des Instituts potenzielle Neuankömmlinge ab? Als neuralgischer Fix- und Endpunkt jeder Theoriebildung dominierte zumeist das Theater Bertolt Brechts. Und dies bis über die Mitte der neunziger Jahre hinaus. Als Studenten aber Probenarbeiten zu Brechts "Leben des Galilei" am Berliner Ensemble 1997 zwecks Prüfungsvorbereitungen beiwohnen wollten, empfahlen die Lehrenden einen intellektuellen Rückzug in die Institutsbibliothek. Eine zeitgenössische Brecht-Interpretation, die zudem den Verrat der Ost-Intellektuellen zur Wendezeit diskutierte, straften sie mit Nichtachtung. Es scheiterten selbst Bemühungen von Studenten, einen Austausch etwa mit der Ruhr-Universität Bochum herzustellen, an den beharrlichen Abschottungstendenzen des Instituts. Die Ringvorlesungen zur Medienökonomie, ein Gemeinschaftsprodukt der theaterwissenschaftlichen Institute von HU und FU, gehörten zu den wenigen, fachlich fundierten und praxisnahen Glanzlichtern.Ansätze zu einer umfassenden Strukturreform gab es seit 1990 ebenfalls. Wichtiger Impulsgeber hierfür war Professor Rudolf Münz. Der Experte für die Theatergeschichte des Mittelalters und der Renaissance ließ sich aber bereitwillig an die Gutenberg-Universität Mainz abwerben, nachdem auch er feststellen musste, dass eine Reform nicht zu machen war. "Ich erzähle niemandem, bei wem ich studiert habe, weil ich schon die nächste Frage, was ich denn gelernt habe, nicht beantworten kann", sagt eine Absolventin. "Es war aber eine herrliche Zeit zum Reisen."Die Autorinnen schlossen ihr Studium an der HU 1998 und 1999 ab.ULLSTEIN Fixpunkt Brecht: "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny", Deutsche Oper.