Der Fakultätsrat der Philosophischen Fakultät III der Humboldt-Universität hat mit Mehrheit den Vorschlag aus dem Gutachten des Wissenschaftsrats von Mai zurückgewiesen, "die vakante Professur für Theaterwissenschaft an der HU (C 4) sollte an die FU verlagert und dort besetzt werden". Stattdessen solle der nachgefragte Studiengang Theaterwissenschaft/Kulturelle Kommunikation erhalten werden (siehe "Berliner Zeitung", 21. Juni). Als Emeritus der Humboldt-Universität möchte ich mich dieser Haltung anschließen, auch wenn damit das Problem durchaus noch nicht "an der Wurzel" erfasst ist.Das Institut für Theaterwissenschaft war 1960 dank der Initiative des Literaturwissenschaftlers Leopold Magon und von Nachwuchswissenschaftlern an der Humboldt-Universität Berlin reinstitutionalisiert worden. Es handelte sich dabei um einen Akt der Achtung vor gestifteter Tradition, war das Institut doch 1923 auf Initiative der Literaturwissenschaftler Max Herrmann und Julius Petersen an der Berliner Universität als erstes Institut für Theaterwissenschaft an einer deutschen Universität gegründet worden. Es kann hier nicht darauf eingegangen werden, wie sich Methodologie und Systematik der neuen Wissenschaftsdisziplin entwickelten. Schon 1933 schied Max Herrmann als Jude als Ordinarius aus, die Theaterwissenschaft wurde in die "völkisch" ausgerichtete Nazi-Wissenschaftspolitik eingepasst. Herrmann kam 1942 im KZ Theresienstadt um, während 1944 auf Intervention des "Reichsdramaturgen" Rainer Schlösser Hans Knudsen zum Außerordentlichen Professor für Theaterwissenschaft ernannt wurde. 1947 ging Knudsen unter Mitnahme geretteter Bibliotheksbestände nach West-Berlin und wurde 1948 zum Ordinarius des theaterwissenschaftlichen Instituts der neu gegründeten Freien Universität berufen. Hemmnisse im InstitutDie Reinstitutionalisierung der Theaterwissenschaft an der Humboldt-Universität im Jahre 1960 machte einen Neuansatz in der Orientierung von Lehre und Forschung unvermeidlich. Die Überlegungen dazu leiteten sich aus der Erkenntnis ab, dass das Monopol des Theaters auf Produktion und Kommunikation von darstellender Kunst seit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert durch die Entstehung der audiovisuellen Medien Film, Schallplatte, Hörfunk, nachfolgend Fernsehen, Video, neue Tonträger gebrochen war. Es entwickelten sich relativ selbstständige Formen darstellender Kunst in den audiovisuellen Medien, die eine enorme Massenwirksamkeit gewannen. Notwendig wurde, die Theaterwissenschaft in einer Wissenschaft der darstellenden Kunst aufzuheben. Die Allgemeine Theorie hatte das allen darstellenden Künsten Gemeinsame herauszuarbeiten. Als konstitutives, nicht zu entbehrendes Element in allen Formen war der Schauspieler auszumachen, der von seinem mimetischen Potenzial nicht zur Selbstdarstellung, sondern zur Darstellung von "etwas anderem" Gebrauch macht. Komplementär dazu war eine Spezielle Theorie der Arten und Unterarten darstellender Kunst zu entwickeln.Analysen des beruflichen Einsatzes der Absolventen hatten Mitte der sechziger Jahre ergeben, dass nur ein Drittel als Dramaturg und in anderen Leitungstätigkeiten im Theater tätig wurde; mehr als zwei Viertel fanden ihre berufliche Betätigung vor allem im sich entwickelnden Fernsehen und in Film und Hörfunk. 1966 wurde daher beschlossen, am Institut für Theaterwissenschaft der HU den Lehrstuhl für Theorie (einschließlich Geschichte) der darstellenden Kunst bzw. Künste einzurichten und zur Leiteinrichtung für die Konstituierung einer Darstellenden-Kunst-Wissenschaft zu machen, in der die Theaterwissenschaft einen essenziellen Bestandteil bilden sollte. Ziel war, die Absolventen so disponibel zu machen, dass sie in allen Produktions-, Vermittlungs- und Rezeptionsbereichen für darstellende Kunst tätig sein und sich zugleich spezialisieren konnten. Die Ausbildung gliederte sich in ein Grund- und ein Fachstudium für die Dauer von fünf Jahren. Mit dieser Neuorientierung lag die Theaterwissenschaft der HU theoretisch an der Spitze historisch fälliger Veränderungen im Selbstverständnis dieser Wissenschaftsdisziplin. Einer raschen Verwirklichung liefen aber im eigenen Institut das Bestehen auf tradierte Theaterwissenschaft, schließlich auch eine An- und Einpassung von theaterwissenschaftlicher Forschung in eine anthropologisch fundierte Kulturwissenschaft und gesellschaftliche Verhaltungsforschung zuwider.Als größtes Hemmnis erwies sich jedoch, dass in der Wissenschaftspolitik der DDR an der aus dem 19. Jahrhundert stammenden Struktur der Lehre und Forschung starr festgehalten wurde: Einem Potenzial von rund 2 000 Mitarbeitern in der Literaturwissenschaft und rund 300 in der Musik- und bildenden Kunstwissenschaft standen lediglich rund zwei Dutzend Planstellen für Theaterwissenschaft und nicht mal ein Dutzend für eine Darstellende-Kunst-Wissenschaft zur Verfügung.Nach meiner Emeritierung 1987 blieb die Leitung des Lehrstuhls unbesetzt. Aber immerhin reichte das Profil des Lehrstuhls aus, um noch nach der Wende und der Auflösung der Sektion Ästhetik und Kunstwissenschaften dem wieder hergestellten Institut für Theaterwissenschaft als Seminar für Theaterwissenschaft/Kulturelle Kommunikation eine An- und Einpassung in das neu eingerichtete Institut für Kultur- und Kunstwissenschaften der HUB zu ermöglichen. Die Professur für Theatergeschichte blieb erhalten, die Dozentur für Theorie und Geschichte des Films konnte zu einer Professur erhoben werden. Erhalten blieb in der Lehre wenigstens die Verknüpfung von Theater- und Medienwissenschaft. Selbst als bloßes Relikt ist sie immer noch praxisnäher, als die am Institut für Theaterwissenschaft der FU in zwei voneinander getrennten Magisterstudiengängen erfolgende Ausbildung für Theater- und Filmwissenschaft.MetaphänomeneDer historischen Entwicklung entsprechend, bleibt festzustellen, dass die tradierte Theaterwissenschaft überlebt ist und einer Aufhebung in einer Wissenschaft der darstellenden Kunst bedarf. An der Theaterwissenschaft der HU ist dafür seit den sechziger Jahren durch den Lehrstuhl Theorie (einschließlich Geschichte) der darstellenden Kunst/Künste ein weitaus größerer Vorlauf geschaffen worden, als es auch nur ansatzweise an der Theaterwissenschaft der FU geschehen ist. Zu Recht verteidigen daher gerade die Studierenden der HU ihre Ausbildung und wenden sich gegen die theoretische Aushöhlung der Lehre durch die Wegnahme der Professur für Theaterwissenschaft. Die Übertragung der Professur für Theater(wissenschaft) von der HU an die FU ist durch nichts gerechtfertigt, da es dort eine solche Professur bereits gibt. Es drängt sich nicht nur der Verdacht auf, dass die Theaterwissenschaft an der HU auf diese Weise abgewickelt werden soll, sondern dass dem entsprechenden Institut an der FU Wissenschaftspotenzial zugeschanzt werden soll, damit es sich als Leitinstitut interdisziplinäre Sonderforschungsprogramme für die Untersuchung von Meta- und Epiphänomenen des Beziehungsgefüges (darstellende) Kunst - gesellschaftliches Leben bewahren kann (Stichworte: Performativität, Theatralität). Im Hinblick auf die wirklichen Produktions-, Vermittlungs- und Rezeptionsprozesse von darstellender Kunst, die wissenschaftlich zu reflektieren sind, um daraus Ableitungen für Optimierung von Lehre und Forschung zu ziehen, muss also sowohl die Theaterwissenschaft an der HU als auch an der FU evaluiert werden. Es ist nicht einzusehen, warum eine Wissenschaftsorientierung auf der Höhe der Realprozesse nicht an der Humboldt-Universität ihr institutionalisiertes Zentrum haben soll. Damit würde außerdem der Tradition, dass an der Berliner Universität das erste Institut für Theaterwissenschaft geschaffen wurde, Achtung gezollt, wie auch dem Umstand Rechnung getragen, dass die wesentlichen theatralen Produktions- und Rezeptionsstätten der Hauptstadt in Berlin-Mitte zentriert sind.THEATERWISSENSCHAFT DDR-Geschichte // Ernst Schumacher hatte an der HU von 1966 bis 1987 den Lehrstuhl Theorie (einschließlich Geschichte) der darstellenden Künste inne. Er leitete wechselnd mit den Professoren Rudolf Münz und Joachim Fiebach das theaterwissenschaftliche Institut.Dieses wurde 1969, nach der III. DDR-Hochschulreform, zum Bereich Theaterwissenschaft.