Zu Weihnachten in Paraguay hat Claudia Winkler ihrem Vater ein Buch geschenkt. Sie hatte es aus Deutschland mitgebracht. "Nicht ohne meine Tochter", heißt das Buch, und die amerikanische Autorin Betty Mahmoudy beschreibt darin, wie sie ihrem iranischen Mann in dessen Heimat folgt, sich dort von ihm trennt und dann gegen seinen Willen mit dem gemeinsamen Kind aus dem Land flieht. Eine melodramatische Geschichte, literarisch eine Geschmackssache.Enno Winkler hat Mahmoudys Erzählung kaum angerührt. Er hat sie mit einem "gewissen Interesse" gelesen, sagt er, wirklich überzeugt aber habe ihn die Schilderung nicht. Winklers Urteil zählt. Der 53jährige Arzt hat seine eigenen Erfahrungen. Er floh mit seiner Tochter Claudia aus Berlin nach Paraguay. Die Flucht liegt Jahre zurück. Doch in Deutschland wird Winkler noch immer gesucht. Es gibt einen elf Jahre alten, noch immer gültigen Haftbefehl wegen Kindesentzuges, der im Januar 1995 auf die ganze Welt ausgedehnt wurde.Enno Winkler lebt am Rand der paraguayischen Hauptstadt Asuncion. In einem Häuschen an der Ecke der Straßen B. Caballero und Villamayor. Die Straßen sind mit Gesteinsbrocken durchsetzte Lehmpisten, in denen Regenwasser steht. Abends erhellen nur wenige Laternen das Viertel. "Gewiß nicht allererste Lage, doch immerhin Mittelklasse", beschreibt Winkler sein Quartier. Er sitzt im Hof seines Hauses unter einem Mangobaum und erzählt seine Geschichte. Die Geschichte eines promovierten Berliner Mediziners mit drei Facharzttiteln, der heute in einer paraguayischen Poliklinik arbeitet. "Lieber zu Papa" Zwölf Jahre ist es her, da wurde die Ehe von Enno und Inge Winkler geschieden. Beide Partner - er: Oberarzt für Strahlentherapie in Berlin-Moabit, sie: Studienrätin für Deutsch und Geschichte - beantragten das Sorgerecht für die damals achtjährige Tochter Claudia. Die Familienrichter stellten sich auf die Seite der Mutter. Den Unterlagen zufolge gegen den Willen des Mädchens: "Meistens will ich lieber zu Papa", hatte Claudia bei ihrer Befragung angegeben.Im März 1984 holt Enno Winkler Claudia zu einem der üblichen Besuchswochenenden bei seiner früheren Frau ab. Diesmal bringt er seine Tochter nicht wieder zurück. Er flüchtet mit Claudia aus West-Berlin nach Wilhelmshaven, später nach Oberbayern. "Immer wieder hat Claudia erklärt, sie wolle zu mir, und ich dürfe nicht aufgeben", sagt Enno Winkler. Seinem Anwalt schreibt er nach der Flucht: "So handle ich - da das Gericht nicht in der Lage ist, zum Wohl der Betroffenen und nach Gerechtigkeit zu entscheiden - in einem übergesetzlichen Notstand. Man muß das Recht haben können, sich gegen einen sozialen Mord zur Wehr zu setzen, auch wenn sozialer Mord im Strafgesetzbuch oder in anderen Rechtsbüchern nicht vorkommt."Im Juli 1985 setzt sich Winkler mit seiner Tochter in ein Flugzeug Richtung Südamerika. Das Zielland Paraguay ist mit Bedacht gewählt, der Flüchtige hat sich erkundigt: Zwischen Bonn und Asuncion besteht zwar ein Auslieferungsabkommen, doch Paraguay liefert nur selten wirklich aus. Und so wendet Winkler 1987 mit einem dreiwöchigen Hungerstreik eine drohende Herausgabe Claudias an Deutschland ab.In Paraguay erlebt Enno Winkler einen Abstieg. Die Behörden erkennen seine Diplome nicht an und verweigern ihm die Niederlassung als Arzt. Die kleine Poliklinik "Amistad" stellt den hochqualifizierten Mediziner schließlich ein. Noch heute lebt er unter dem ständigen Druck, daß seine Arbeitsgenehmigung nicht verlängert wird; sein Gehalt ist erst vor kurzem von kaum 300 auf 1 000 Mark im Monat erhöht worden.Enno Winkler ist mißtrauisch gegenüber Fremden geworden. Auch mit dem erzkonservativen Klüngel in der Gemeinde der Deutsch-Paraguayer, für die er sonntags die Orgel spielte, hat sich das einstige FDP-Mitglied überworfen. Abschied für immer? Ist Winklers Flucht aus Deutschland ein Abschied für immer? Der Arzt wehrt sich gegen diese Vorstellung. Doch da ist dieser Haftbefehl wegen Kindesentzuges. Das Berliner Landgericht meint, die Flucht vor der Strafverfolgung halte offensichtlich an, und Gründe für "eine mildere Maßnahme als den Vollzug des Haftbefehls" seien folglich "nicht ersichtlich".Ein weiteres Hindernis, das einer Rückkehr Winklers nach Deutschland entgegensteht, ist seine finanzielle Situation. Wovon soll er, der weder Krankenversicherung noch Altersversorgung hat, denn leben, wenn er nach Berlin zurückkehren würde? Wer gibt einem Mittfünfziger, der ein Jahrzehnt lang nur aus der Ferne die rasante Entwicklung auf seinem Fachgebiet verfolgen konnte, noch Arbeit? In Winklers Haus stapeln sich die Akten. Eingaben an das Amtsgericht Tiergarten, an das Landesgericht Berlin, an das Bundesministerium der Justiz, an das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, an die Europäische Kommission für Menschenrechte - Berge von Papier, mit denen sich der Arzt gegen Entscheidungen der Justiz wehren will. Kurzer Besuch Er klagt an, daß "die routinemäßige Aberkennung des Sorgerechts bei einem Elternteil im Scheidungsverfahren verfassungswidrig ist", da sie Artikel 6 des Grundgesetzes widerspricht. "Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern Gegen den Willen der Erziehungsberechtigten dürfen Kinder nur von der Familie getrennt werden, wenn die Erziehungsberechtigten versagen oder wenn die Kinder aus anderen Gründen zu verwahrlosen drohen", zitiert er.Unermüdlich deckt der Flüchtige die deutschen Gerichte mit neuen Beschwerden und Strafanträgen gegen Justizangestellte ein. Auf jede Ablehnung folgt ein weiterer Einspruch Enno Winklers aus Paraguay.Seine Tochter Claudia studiert mittlerweile Jura. In Hamburg. Einmal hat sie ihre Mutter besucht. Es war ein kurzer Besuch. "Wir wußten beide nicht, worüber wir miteinander hätten reden sollen", sagt die Tochter von Enno und Inge Winkler. +++