BERLIN, im Oktober. Manchmal spricht Klaus Baltruschat wie ein Sozialarbeiter. Er sucht dann nach gesellschaftlichen Erklärungen dafür, dass Kay Diesner, dieser "ordentlich gekleidete junge Mann" zu dieser "verhängnisvollen Weltanschauung" gelangen konnte und vor allem, wie er eine neue, bessere finden könnte. Das Gefängnis sei dafür ja nicht gerade der richtige Platz, meint er.Meist aber spricht Klaus Baltruschat wie ein alter Funktionär. Baltruschat sagt dann, dass in der DDR nicht alles so schlimm gewesen sei, wie es heute erzählt wird, dass diese DDR jedem eine Chance gegeben habe. Auch Kay Diesner. Der habe 1989 eine der begehrten Lehrstellen als Mess- und Regeltechniker bekommen. Und das, obwohl er bei der Stasi als "Hooligan" registriert gewesen war. Nie aber spricht Baltruschat wie ein Opfer. Nie klingt der 65 Jahre alte Mann verbittert. Nie sagt er Unversöhnliches, immer will er ihn verstehen, diesen Kay Diesner, der am 19. Februar 1997 in Baltruschats Buchladen in Alt-Marzahn trat, mit einer Sturmhaube über dem Gesicht und einem halbautomatischen Gewehr in der Hand. Diesner sagte damals kein Wort zu Baltruschat. Er drückte nur ab.Das MotivKay Diesner hat die DDR gehasst. Er ist 1989 über die Prager Botschaft in die Bundesrepublik geflohen, im Januar 1990 kam er jedoch zurück nach Berlin-Lichtenberg. Er machte eine Feinmechaniker-Lehre bei Siemens, arbeitete später im Berliner Samsung-Werk. Schon 1990 schloss er sich der "Nationalen Alternative" um den Neonazi Arnulf Priem an. Damals war er siebzehn. Zwei Jahre später sagte er sich von Priem los und bezeichnete sich fortan als Mitglied des "Weißen Arischen Widerstands" und "Freiheitskämpfer der weißen Rasse". Diesner wurde ein gewalttätiger Rechtsextremist, der sich im Februar 1997 als ein "Rächer" sah. Er hatte aus den Nachrichten erfahren, dass linke Demonstranten einen Aufzug der rechtsextremen "Jungen Nationaldemokraten" in Berlin-Hellersdorf gestört und die Rechten schließlich in die Flucht geschlagen hatten. Zu der "Demonstration gegen Rechts" habe unter anderem die PDS aufgerufen, hörte Diesner damals. Er beschloss, die Niederlage der Rechtsextremen zu rächen.Diesner kannte das Haus in Alt-Marzahn, in dem die PDS eine Geschäftsstelle und Gregor Gysi sein Wahlkreisbüro hat. Ein Haus, in dem Klaus Baltruschat seinen Buchladen betreibt. Diesner legte sich an jenem Februarmorgen des Jahres 1997 auf die Lauer und wartete. Baltruschat war der erste, den Diesner kommen sah. Er folgte ihm in den Laden und schoss. Die erste Große Strafkammer des Landgerichts Lübeck stellte später fest, dass Diesner "aus hemmungsloser Rachsucht und Hass gegen die von ihm abgelehnte Partei der PDS" gehandelt habe. Dieses Wissen um das Motiv Diesners hilft Klaus Baltruschat, die Tat "sachlich und nüchtern" zu betrachten, wie er es ausdrückt. "Es ist sekundär, dass es mich traf", sagt er. "Es war ein Überfall auf die PDS." Baltruschat ist PDS-Mitglied und zuvor, seit 1952, war er in der SED. 1950 ist er mit seinen Eltern von Berlin-Spandau in den Ostteil der Stadt gezogen. Sie seien vertrieben worden, sagt Baltruschat heute. Sein Vater hatte im Osten als Berufsschullehrer gearbeitet und sich nach der Währungsreform die Miete im Westen nicht mehr leisten können. Dank der Aufbauklasse für Arbeiterkinder habe er im Ostteil der Stadt Abitur machen können. "Ich habe es bis heute nicht bereut, in der DDR gelebt zu haben", sagt Baltruschat, der zunächst als Geschichtslehrer und später im Ministerium für Hoch- und Fachschulwesen arbeitete. Im Jahr 1995 hat Baltruschat schließlich "Marzahns Kleinen Buchladen" übernommen. Noch heute kommen in seinen Laden Menschen, die dem Buchhändler Blumen bringen. Manche von ihnen sagen, dass sie Diesner am liebsten umbringen würden, berichtet Baltruschat. Aber schon am ersten Tag nach den Schüssen, noch im Krankenhaus, habe er seine "politischen Freunde" aufgefordert, keine Rachegedanken zu hegen. "Politischer Terror ist immer ein Zeichen der Schwäche." Und schwach will Klaus Baltruschat nicht sein. Er arbeitet noch immer, doch seit dem Februar 1997 rutscht ihm beim Telefonieren der Notizzettel weg, wenn er sich etwas notieren will. Dieses Detail erzählt er, wenn man ihn fragt, wie es ihm geht. Er trainiert noch immer die jungen Handballerinnen des KSV Ajax Köpenick. Doch heute kann er ihnen nicht mehr selbst zeigen, wie man einen Ball fängt. Baltruschat hat seine linke Hand verloren. Auch sein linker Unterarm wurde regelrecht zerfetzt von einer Kugel mit 1,85 Zentimeter Durchmesser, die normalerweise für die Großwildjagd benutzt wird. Ein solches Geschoss trennte ihm auch den kleinen Finger der rechten Hand ab. "Im Fernsehen habe ich gesehen, wie die Opfer mit einem Riesenloch umfallen", sagte Kay Diesner später vor Gericht. "Ich hatte gehofft, dass das Böse tot ist und ich der strahlende Held." Reue zeigte er keine. Diesner beschimpfte Baltruschat als "Bastard" und "rotes Schwein". Das war im September 1997. Baltruschat wurde nicht wütend im Gerichtssaal. Er hätte damals gerne mit Diesner unter vier Augen gesprochen, sagt er. "Diese Lebensauffassung kann doch nicht das Ende eines jungen Mannes sein." Aber der Angeklagte Diesner wollte damals mit niemandem reden. Nun wird Baltruschat erneut Gelegenheit haben, den Mann anzusprechen, der ihn zum Krüppel schoss. Weil Diesners Revisionsbegehren beim Bundesgerichtshof Erfolg hatte, wird Baltruschat vom 4. November an erneut dem Täter im Lübecker Landgericht gegenübersitzen. Diesmal wird gegen Diesner allein wegen der Schüsse auf Baltruschat verhandelt. Die lebenslange Haftstrafe, zu der Diesner verurteilt worden war, weil er nach dem Anschlag auf Baltruschat am 23. Februar 1997 auf einem Autobahnparkplatz in Schleswig-Holstein einen Polizisten erschossen und einen weiteren verletzt hatte, ist rechtskräftig. Der Bundesgerichtshof hob nur die Verurteilung wegen des Anschlags in Marzahn auf. Obwohl im ersten Prozess bei der Beweisaufnahme immer von drei Schüssen auf Baltruschat die Rede war, hatten die Richter in ihrer Urteilsbegründung nur von zwei abgegebenen Schüssen geschrieben. Die Frage, ob Diesner möglicherweise nach dem zweiten Schuss erkannte, dass der Buchhändler noch lebte, und ob er deshalb vielleicht doch keine dritte Kugel mehr abfeuerte, muss nun in dem neuen Verfahren geklärt werden. Wäre es so, hätte sich Diesner nicht eines versuchten Mordes, sondern lediglich einer schweren Körperverletzung schuldig gemacht. Für Klaus Baltruschat sind solche juristische Fragen "purer Quatsch". "Wenn einer mit so einer Munition aus zweieinhalb Meter Entfernung auf einen Menschen schießt, will er ihn umbringen, das ist doch klar."Die Dritte Große Strafkammer muss in Lübeck auch erneut entscheiden, ob im Falle Diesner wie im ersten Urteil festgestellt eine "besondere Schwere der Schuld" vorliegt. Wird diese konstatiert, darf der zu "lebenslänglich" verurteilte Diesner nicht schon nach 15 Jahren auf Bewährung entlassen werden. Klaus Baltruschat will nicht nur einmal als Zeuge nach Lübeck fahren er will jeden Tag im Gerichtssaal sitzen. Als Nebenkläger. Baltruschat möchte in Lübeck erneut darlegen, dass Diesner kein klassischer Einzeltäter sei. Zwar habe er alleine geschossen, sagt das Opfer. "Aber er hat nicht losgelöst gehandelt. Der wurde geistig unterstützt. Da gibt es einen größeren Kreis Gleichgesinnter, die ihn in seiner Ideologie bestätigten", sagt Baltruschat. "Wer Diesner als Einzeltäter bezeichnet, nimmt diese Bewegung nicht ernst." Die HintergründeAber schon beim ersten Verfahren habe der Richter versucht, diese Hintergründe auszuklammern, sagt der Buchhändler. Trotzdem will es Baltruschat erneut probieren, wie ein Sozialarbeiter will er wieder die Perspektivlosigkeit der Jugend thematisieren. Heute sei die Jugend sich selbst überlassen, sie wisse immer weniger von der Geschichte und sei deshalb anfällig für Parolen von rechts. Baltruschat redet über "das Fernsehen", in dem "Brutalität zur Normalität" werde. Er klagt, dass es "in dieser Gesellschaft" viel weniger organisierte Sport- und Kulturangebote gebe als früher in der DDR. Er spricht über einen Täter, von dem er glaubt, dass er durch die "Wende" den Halt verloren habe. Und er ist sich sicher, dass sich die Menschheit eines Tages wieder von der Gesellschaftsform des Kapitalismus lösen werde. Baltruschat hat eine Erklärung gefunden. Sie hilft ihm, mit dem zu leben, was geschah. Gegen die Angst hilft sie ihm nicht. Seit dem 19. Februar 1997 achtet er darauf, dass er nie alleine in seinem Laden ist. "Man lebt jetzt mit dem Gedanken, dass man bedroht ist", sagt Klaus Baltruschat.