PRIZREN/SKOPJE, im Juli. Sascha braucht Geld. Er ist an diesem Morgen aus dem Kosovo nach Mazedonien gekommen und hat hier endlich eine Bank gefunden. Jetzt steht er in Skopje am Schalter und telefoniert. "Mutti, mir fehlen noch 500 bis 600 Mark, um nach Deutschland zurückzukommen", ruft er laut in den Hörer. Sascha trägt Jeans, ein weißes T-Shirt und ein Basecap, man könnte ihn für einen Uno-Mitarbeiter oder einen Journalisten halten. Tatsächlich aber ist der 30jährige aus Dresden vor kurzem noch Soldat gewesen; vier Monate lang hat er freiwillig für die Rebellenarmee UCK gekämpft. Jetzt will er zurück nach Deutschland.Thomas aus Berlin bleibt noch im Kosovo. Er ist 35 Jahre alt, sitzt schon seit Tagen in einer Kaserne in Prizren und wartet auf einen neuen Job. Er ist im Frühjahr zur UCK gekommen, jetzt will er als Minenräumer arbeiten. "Guck mal hier, die Granate hat mir fast den kleinen Finger weggerissen", sagt er und zeigt seine Wunden aus dem Krieg wie Trophäen vor. "Zuletzt war es nur noch ein elendes Rumsitzen im Camp", sagt Niels aus Dänemark. Er ist 43 Jahre alt. Auch er ist bei der kosovarischen Untergrundarmee gewesen. Und auch er will jetzt Minen räumen. Vor zwei Wochen hat er seine Uniform in Prizren wieder ausgezogen."Immer für die linke Szene"Drei Ausländer in der UCK erzählen ihre Geschichte aus dem Kosovo-Krieg. Sie versuchen zu erklären, wieso sie sich freiwillig meldeten, sie sprechen über ein Thema, daß die Führung der UCK immer wie ein Geheimnis behandelt hat. Sascha, Thomas und Niels betrachten sich nicht als Söldner. Denn Geld war für sie nicht der Grund, in diesen Krieg zu ziehen. "Ich fand es einfach nicht okay, was die Serben gemacht haben", sagt Thomas aus Berlin. Er ist ein großer Junge, traurig und etwas verwirrt. In Berlin hat er jahrelang in besetzten Häusern gelebt und bei den Autonomen mitgemacht. Wenn er über seine Arbeitslosigkeit redet, sagt er, diese sei nur "äußerlich", denn er habe immer eine Aufgabe gehabt "ich habe für die linke Szene gelebt." Im Frühjahr hat der Berliner die Fernsehbilder von den Flüchtlingsströmen gesehen und Kontakt zu einem Albaner-Verein aufgenommen. Zwei Tage nach dem Anruf sitzt er dann schon in einem Bus, der ihn ins albanische Kukes bringt. Seine "autonomen" Freunde aus Berlin werfen ihm zwar vor, daß er "bei einer CIA- Operation" mitmacht. Doch Thomas sagt ihnen: "Da werden kleine Kinder abgeschlachtet, und ich will helfen." Heute, Wochen später, sitzt Thomas in einem Café in Prizren, das vor allem junge UCK-Männer besuchen; viele von ihnen kennt er von der Front und begrüßt sie mit Handschlag. Er erinnert sich, wie er nach einigen Tagen Training in Kukes Anfang Mai mit einer UCK-Brigade die Grenze zum Kosovo überschritten hat. Er ist sich sicher: "Unser Auftrag kam von der Nato und hieß: Positionen halten." Thomas ist einen Monat lang in den Bergen nahe Kukes im Einsatz gewesen. Obwohl ihn sein Kommandant eigentlich nur "weit hinten" verwenden wollte, habe er sich das Recht erkämpft, als "Sniper" also als Scharfschütze in vorderster Linie zu kämpfen. "Ich wollte ja nicht ins Pfadfinderlager", sagt er. Dann ändert sich sein Ton. Er spricht über den Tag kurz vor dem Kriegsende. Eine Granate der serbischen Truppen hat ihn am Oberschenkel und an der Hand getroffen. "Ich bin froh, daß ich noch lebe", sagt Thomas. Nun wird er mit seinen kosovarischen Kameraden in der UCK-Kaserne von Prizren versorgt. Sie kämpfen an gegen die Langeweile, Lagerkoller und Depressionen. Wenn Thomas über die Zukunft des Kosovo redet, sagt er: "Die Serben sollen hier verschwinden, ganz einfach." Er hält es für "entwürdigend", daß die Besatzungstruppen der UCK die Gewehre und die Munition abnehmen. "Hier gehört es doch zur Tradition, als Mann eine Waffe zu tragen", sagt der Mann, der aus Berlin gekommen ist. Sascha aus Dresden ist ohnehin überzeugt, daß die UCK-Soldaten sich nur "pro forma" entwaffnen lassen. "Sie händigen nur Schrottwaffen aus", sagt er. "Die neuen Kalaschnikows, Handgranaten und Pistolen geben sie nicht ab!" Wenn Sascha erzählt, warum er für die UCK ins Kosovo gegangen ist, spricht er auch von "Abenteuerlust". "Ich kannte viele Kosovo-Albaner und dachte mir, nun kann ich einmal anwenden, was ich bei der Bundeswehr gelernt habe", sagt er. Der Dresdener hatte sich 1993 für vier Jahre zu den Fallschirmjägern gemeldet und dann in München als Wachmann gearbeitet. Seine albanischen Freunde haben ihn dann vor Monaten mit einer "Kontaktperson" der UCK zusammengebracht, einem Geschäftsmann kosovarischer Abstammung. "Wir trafen uns zweimal, und am 23. März flogen wir zusammen nach Tirana", erinnert sich Sascha. "In einem UCK-Café lernte ich verschiedene Leute aus dem Kosovo kennen, alles erfahrene Kämpfer, absolute Profis." Im Café hat sich der junge Deutsche dann eine Handvoll Männer aussuchen können, die mit ihm in die Wälder ziehen wollten. "Sie konnten alle Deutsch", sagt Sascha, "Deutsch ist die zweite Sprache bei der UCK."Am Tag darauf ist Sascha mit der Gruppe aus Tirana nach Mazedonien aufgebrochen. "In Tetovo haben wir dann eine Woche auf den Marschbefehl gewartet", erzählt der Dresdener. In diesen Tagen hat er begonnen, die Albaner auszubilden. "Schützenreihe, Schützenrudel ich habe denen beigebracht, wie man einigermaßen gesund durchkommt." Am Morgen des 31. März dann der Befehl zum Marsch ins Kosovo: Die UCK-Männer werden in Kleinbusse geladen und in einen Weiler am Fuß der Berge gefahren. Dort händigt ihnen ein UCK-Kommandant Waffen und Munition aus. "Dann sind wir 18 Stunden bis zum Bergkamm gewandert, jeder mit vierzig Kilo auf dem Rücken, in der rechten Hand die Kalaschnikow und links die Plastiktüte mit fünfzig Handgranaten", sagt Sascha. Auf den Hängen liegt noch Schnee, als die UCK-Truppe die Grenze zum Kosovo überquert. Ihr Auftrag lautet, das Dorf Obilic nahe der Hauptstadt Pristina zu erreichen und dort Patrouillen gegen die serbischen Paramilitärs zu laufen. "Wir sind immer nachts marschiert, weil sich die Serben im Dunkeln nicht aus ihren Stellungen getraut haben", berichtet Sascha. "In den Ortschaften standen Autos bereit, die wir benutzen konnten." Nach drei Tagen erreicht seine Einheit die Zielregion. Dort nimmt sie ein UCK-Kommandant mit dem Decknamen "Leka" in Empfang, der Sascha zum "Leutnant" und Chef über fünfzig Soldaten ernennt. "Ich habe drei Züge gebildet und meine Leute aus Tirana als Gruppenführer eingesetzt", erzählt der Deutsche. Am Nachmittag des 6. April stößt seine Einheit in einem Wäldchen nahe Pristina auf eine Gruppe von Kämpfern des berüchtigten Serbenführers Arkan. Erst nach einem langen, heftigen Schußwechsel ziehen sich Arkans Soldaten zurück. Sie haben zwanzig Männer verloren. Sascha sagt, die Gefallenen seien Russen gewesen. Auch einer der UCK-Soldaten stirbt in diesem Kampf.Sascha verläßt das Kosovo, als die ersten Nato-Verbände einmarschieren. "Ich wollte denen nicht in die Hände fallen", sagt er. In der vorvergangenen Woche ist er jedoch noch einmal zurückgekehrt, weil ihn sein deutscher UCK-Kontaktmann darum gebeten hat. "Es sollte ein Spezialauftrag sein, aber als ich nach Pristina kam, war die Stimmung gedrückt, weil keiner so richtig wußte, wie s weitergeht." Tagelang sitzt Sascha dann im UCK- Hauptquartier und wird sogar einmal verhaftet, als britische Kfor- Soldaten auf der Suche nach Brandstiftern in die UCK-Villa eindringen. Sie lassen Sascha wieder frei, und so ist er jetzt in Skopje, um zurück nach Deutschland zu kommen. "Ich würde es jederzeit wieder machen", sagt er zum Abschied über seinen Einsatz bei der UCK.Wie einst in Spanien"Die UCK hatte ein Konzept für den Krieg, aber sie hat keines für den Frieden", sagt Niels aus Kopenhagen. Er ist noch immer in Prizren, und für ihn bleibt der Kosovo-Krieg ein "Kampf für die Freiheit". Er nennt sich einen "Umweltaktivisten", erzählt, wie er in Gorleben, Ahaus und Krümmel gegen Polizeiketten anrannte, und vergleicht sich heute "mit den Leuten, die in den 30er Jahren gegen Franco in Spanien gekämpft haben". Niels hatte sich in einem dänischen Schützenverein auf den Kampf gegen die Serben vorbereitet, ist aber erst zur UCK im albanischen Kukes gefahren, als der Krieg schon fast vorbei war. "Ja, ja", sagt er in seinem dänisch gefärbten Deutsch, "ich wollte an die Front, kam aber zu spät." Schon den Empfang im Camp, einer verrotteten ehemaligen Fabrik, hat er in schlechter Erinnerung. "Wir brauchen niemanden mehr geh zurück!" hat ihn der Kommandant beschieden. Niels aber ist geblieben, hat sich die Geschichten seiner neuen Kameraden angehört und ist am Ende wohl ganz froh gewesen, nicht mehr an die Front zu müssen. Und doch pflegt er jetzt einen seltsamen Stolz: "Ich war der erste ethnische Däne in der UCK."Thomas aus Berlin wartet noch immer auf seinen Einsatz als Minenräumer. Er hat sich ein Lehrbuch besorgt und doziert über Sprengkörper mit so exotischen Namen wie "Niveadose" oder "PMR-2AS". Dann sucht er ein Argument für seinen neuen Job. "Mein Ziel", sagt der deutsche Freischärler, "war es, Schützenhilfe zu leisten, und das geht jetzt mit dem Minenräumen weiter."Die Namen der deutschen UCK-Kämpfer wurden auf ihren Wunsch geändert.

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