Ein Berliner Wissenschaftler wies nach, daß Krebse und Insekten sich stammesgeschichtlich näher stehen als man bisher vermutete: Die ungeliebten Verwandten

Manchem Gourmet dürfte die Nachricht den Appetit verderben: Riesengarnelen sind mit den winzigen Silberfischen aus unseren Badezimmern nahe verwandt. Die einen sind Krebse, die anderen Insekten, doch der Bau der Mundwerkzeuge beider Tiergruppen deutet auf einen direkten gemeinsamen Vorfahren hin. Dies hat der Berliner Forscher Gerhard Scholtz vom Institut für Biologie und Vergleichende Zoologie der Humboldt-Universität (HU) jetzt nachgewiesen. Doch der Stammbaum der Gliederfüßer, zu denen neben Insekten und Krebsen auch Spinnentiere gehören, ist unter Wissenschaftlern sehr umstritten. "Einige gehen sogar davon aus, daß alle Gliederfüßer unabhängig voneinander entstanden sind", sagt Scholtz. Der Wissenschaftler präsentierte seine Ergebnisse am vergangenen Wochenende auf einer Tagung in Berlin. Etwa hundert Krebstierforscher aus sieben Nationen diskutierten unter anderem über die Systematik der meist im Meer lebenden Tiere.Nach der klassischen Methode vergleichen Forscher die äußere Gestalt der Organismen und ordnen sie anhand ihrer "morphologischen" Eigenschaften in den Stammbaum der Arten ein. Doch seit Mitte der achtziger Jahre untersuchen Wissenschaftler zunehmend auch das Erbgut der Tiere und stellen damit verblüffende Verwandtschaftsbeziehungen fest. Scholtz ging nun den Weg der Mitte: Er benutzte Verfahren der Molekularbiologie, um damit Gewebeschnitte per Augenschein vergleichen zu können. Dies geschieht mit Hilfe sogenannter Genexpressionsmuster. Das Verfahren beruht darauf zu überprüfen, welche Gene bei den Tieren "angeschaltet" sind. Derartige Gene produzieren dann bestimmte Eiweißstoffe, die man mit einem Antikörper-Test gezielt an den Gewebeschnitten lokalisieren kann. Der Antikörper ist mit einem fluoreszierenden Farbstoff gekoppelt. Verbindet sich diese Sonde mit dem gesuchten Eiweiß, wird das angeschaltete Gen sichtbar. "Alle Zellbereiche der Krebs-Larve, in denen das gesuchte Gen aktiv ist, sind dann farblich markiert", erläutert HU-Professor Scholtz. Es entstehe ein charakteristisches Muster, anhand dessen man alle Gliedertieren miteinander vergleichen könne. Manchmal werden zum Beispiel ganze Larven mit dem Antikörper versehen. Unter dem Mikroskop erscheinen die Tiere dann wie mit schwarzen Punkten gesprenkelt.Der Berliner Wissenschaftler untersuchte insbesondere ein Gen, das daran beteiligt ist, die Spitze der Krebs-Beine auszubilden. Die vorderen Extremitäten seien, so Scholtz, bei Krebstieren im Laufe der Evolution zu Mundwerkzeugen umgewandelt worden, den sogenannten Mandibeln. Diese Beißkiefer kommen bei Insekten und Tausendfüßern vor, bei Spinnen jedoch nicht. Das Muster des hierfür zuständigen Gens verglichen der HU-Zoologe und seine Mitarbeiter bei verschiedenen Krebsarten, bei Insektenvertretern etwa Springschwänze und Silberfischch sowie bei Tausendfüßern, die zu den Tracheentieren zählen. Ihr Ergebnis: "Die Gen-Bilder von Insekten und Krebsen sind weitgehend übereinstimmend." Für Scholtz ist das ein Nachweis dafür, daß die Mandibeln nur einmal im Laufe der Evolution entstanden sind. Nach Ansicht von Scholtz hatten Insekten und Krebstiere einen gemeinsamen Vorfahren, der schon mit den gleichen Beißanlagen ausgestattet war wie seine heute lebenden Nachkommen. Krebse gehören mit etwa 42 000 Arten zu einer der formenreichsten Tierklassen der Erde. Auch Kellerasseln zählen dazu. Sie haben sich am weitesten vom Ursprungslebensraum Meer entfernt. Weitere Vertreter dieser Gruppe haben sehr muskulöse Schwänze und sind jedem Feinschmecker bekannt: Hummer und Langusten.