Den frühen Gästen steigt noch der Geruch der vergangenen Nacht in die Nase. Verschüttetes Bier und kalter Rauch. Es ist ein guter Geruch. Er erinnert an die Zeit, als man zum ersten Mal in etwas eintauchen durfte, das eigentlich für die Älteren reserviert war: Der erste Besuch einer Diskothek ist der Ritterschlag des Erwachsenwerdens. Später, wenn einem der Geruch schon auf die Nerven geht, wenn die erste Liebe vorbei ist, hört man die altgewordenen Disko-Besucher raunen: Also, zu meiner Zeit war das so toll im Club, ich glaube, wir haben da wirklich die Hoch-Zeit erlebt. Dieser Satz verklärt romantisch, dass man für die Vergnügung zu alt geworden ist. Die Diskothek lebt trotzdem weiter, und meist sind es nur die Besitzer der Läden und die Barkeeper, die nimmersatt hinter dem Tresen stehen, bis die Gäste auch für sie zum Herumschäkern zu jung geworden sind. Wenn der Barkeeper geht, ist der Moment gekommen, in dem auch Stammgäste an Abschied denken.Im Sophienclub hinter den Hackeschen Höfen mussten sich die Gäste quasi über Nacht an neue Verhältnisse gewöhnen. An einem Morgen war der Laden zusperrt und am nächsten Abend war der Betreiber kein staatlicher Verein mehr. Jetzt gab es einen Zustand, einen Begriff, der vorher nie eine Rolle gespielt hatte: Freie Marktwirtschaft.Als der Sophienclub im November 1984 vom Bezirksamt Mitte als staatlich betriebener Jugendclub in der Sophienstraße eröffnet wird, arbeiten die Mitarbeiter ehrenamtlich. Das Programm erfüllt offiziell die 60:40-Anweisung, wonach 60 Prozent der Titel von "Komponisten mit Wohnsitz in der DDR oder anderen sozialistischen Ländern" stammen müssen. Daran musste sich auch der Sophienclub halten. Getrunken wird vor 1990, was schnell betrunken macht: Weinbrand-Cola, Gin Tonic, Bier. Für etwa zehn Mark kann man einen anständigen Rausch bekommen. Aus den Lautsprechern dröhnen Ost-Schlager, später am Abend die Hits aus dem Westen. Es gibt Jazz- und Rock-Konzerte - live. Der Laden gilt auch hinter der Mauer als Touristentipp. Viele Westbands wollen im Sophienclub spielen, er gilt als liberaler Ort im Ostberliner Nachtleben. Das ist zwar verboten, kommt aber vor. DJ Wolf, 36, der sich vor der Wende nicht DJ nennt, sondern SPU, "Schallplattenunterhalter", oder "Diskotheker", legt seit 13 Jahren im Sophienclub die Musik auf. "Sie ist beinahe die gleiche geblieben. Es ist immer noch Party hier. Aber so eine Stimmung gibt es nicht mehr. Früher waren Clubs ja auch ein Ort der Renitenz." Bis DJ Wolf mit seinen Kassetten und Tonbändern im Sophienclub aufspielen darf, muss er eineinhalb Jahre ein wöchentliches Seminar besuchen. "Damals haben die DJs ja noch moderiert, deshalb gab es einen Kurs in Sprecherziehung, außerdem Elektrotechnik und Politik." Die Einstufung findet am 7. Oktober 1989 statt, dem 40. Jahrestag der DDR. DJ Wolf wird mit der Einstufung B staatlich geprüfter Amateur-Schallplattenunterhalter und darf nun offiziell 8,50 Ost-Mark pro Stunde verlangen. DJ Wolf legt auf, was er aus dem Radio mitschneiden kann. Der Club hat keinen Plattenspieler. Manchmal bringen die Gäste ihre eigenen Kassetten mit und tanzen zwischen schwarzen Wänden unter Autoscheinwerfern und Lichtkegeln aus Kaffeebüchsen. DJ Wolf erklärt vor den Songs, wer der Künstler ist und worum es in dem Lied geht. Am besten läuft "Sympathy for the Devil" von den Stones. Das ist bis heute so. Dann kommt die Wende. "Plötzlich", sagt DJ Wolf, "standen die Leute aus dem Westen auf der Tanzfläche rum und bewegten sich keinen Zentimeter. Man konnte genau erkennen, was die dachten: Los, ihr Ossis, jetzt unterhaltet uns mal." Das alte Publikum taucht kurz in das Nachtleben im Westen ab, der Sophienclub ist voll mit Gästen aus dem Westen. DJ Wolf stellt sich von Kassetten auf CDs um. Obwohl gerade in dieser Gegend überall Keller mit geheimen Clubs entstehen, bleibt der Sophienclub eine feste Größe. Olaf Adrian ist seit fünf Jahren Geschäftsführer, den Umschwung hat er noch hinter der Bar erlebt. "Plötzlich wollten die Leute nicht mehr nur saufen, sondern auch mal was geniessen. Von uns wusste keiner, wie man Cocktails mixt." Einer der Barkeeper besucht die Cocktailbars in Westberlin, sitzt dort wie ein Spion am Tresen. Dann kehrt er mit einer Einkaufsliste zurück und praktiziert Learning-by-Doing. Der Laden wird teurer. Statt 1,05 Mark kostet der Sophienclub nun zehn Mark Eintritt. Vom Konzept der Liveunterhaltung muss man sich verabschieden. "Den neuen Lautstärkebestimmungen konnten wir nicht mehr folgen." Trotzdem machen sie noch genug Krach. Für erboste Nachbarn hält Olaf Adrian eine Flasche Wein bereit. Die mittlerweile geltenden Mitte-Standards - viele bunte Lichter, breite Türsteher, Projektionen an den Wänden - " wollen wir gar nicht", sagt Olaf Adrian. "Dazu sind wir zu sehr Osten." Nur der Keller wird 1995 ausgebaut. Kurz versucht man sich an Techno, aber der Sophienclub kann mit der spezialisierten Konkurrenz nicht mithalten. DJ Wolf setzt auf das Comeback der 80er Jahre. "Es ist doch klar, dass die Leute zu dem tanzen wollen, was sie kennen", sagt er und füllt den Laden bis unter die Decke. Mittlerweile ist die 60:40-Anweisung der DDR der 1:99-Regel von DJ Wolf gewichen.Der Betreiber Jochen Haasch ist wie seine Angestellten DJ Wolf und Olaf Adrian mit dem Sophienclub älter geworden. "Wir haben nämlich gemerkt, dass man hier doch überleben kann", sagt Haasch. Der Laden ist beinahe immer voll, die Gäste sind immer noch im selben Alter wie damals, zwischen 18 und 35 Jahren. Der Reiz liegt in der Nostalgie: Ein Besuch im Sophienclub ist für alle Altersgruppen wie eine Reise in die Vergangenheit und ihre Super-Hits. Und was ist schöner, als an den Beginn einer aufregenden Jugend erinnert zu werden? "Manchmal", erzählt Jochen Haasch, "kommt hier einer rein und sagt: Wow, hier ist ja echt die Zeit stehen geblieben!" Der Raum ist schwarz, seit sechzehn Jahren schon, ein Schlund, der seine Gäste verschluckt, bis sie weiter hinten im Licht der Bar wieder auftauchen. Es ist abends, kurz nach zehn. Auf der schmalen Holzbank an der Wand sitzt ein junger Mann mit einer Bierflasche, auf die er manchmal blickt, manchmal blickt er aber auch auf die beiden Mädchen, die am Tresen sitzen und sich etwas erzählen. Er versteht nicht, was sie sagen, dazu ist die Musik bereits zu laut, er sieht nur ihre Münder auf und zu schnappen, manchmal eine Zahnreihe, wenn eine von ihnen lächelt. Er würde nicht wagen, aufzustehen und zu ihnen hinüberzugehen, noch nicht. Hier im Sophienclub in Mitte ist es wohl wie in allen anderen Diskotheken der Welt. Wer zu früh kommt, muss warten, bis die Party losgeht.