Eine grobe formale Unterscheidung von Filmen lässt sich anhand der Frage treffen, ob der Ausgang der jeweiligen Geschichte bekannt ist. Ist er das nicht, lässt sich die Spannung durch eine simple lineare Erzählstruktur aufrecht erhalten. Weiß man jedoch, wie das Ganze endet, dann sind Kunstgriffe nötig, um suspense zu kreieren - Rückblenden in eine zweite zeitliche Ebene üblicherweise, die entweder historisch exakt, also wiederum linear, erfolgen oder den Assoziationen desjenigen nachspüren, der sich da hauptamtlich erinnert. Letzteres ist mühsamer, schließlich muss das Publikum durch die schiere Überwältigungskraft der Bilder bei der Stange gehalten werden.Raoúl Ruiz hat sich für seine aus des Künstlers Sterbebett heraus erzählte Biografie "Klimt" ganz vehement für die Gedankenbocksprünge des Protagonisten entschieden - mit dem Effekt, dass etwas zwar hübsch Anzusehendes, inhaltlich aber völlig Unzusammenhängendes entstanden ist; die Amerikaner haben dafür bereits das Wort "Bilderbogen" aus dem Deutschen entlehnt. So manche Szene ist wie auf dem kostbaren Mosaikgrund von Gustav Klimts Jugendstil-Gemälden errichtet, die Frauen, denen sich Klimt (John Malkovich) in erotischer Absicht nähert, verharren in den ewig dekorativen Posen seiner goldenen Adele Bloch-Bauer.Dieser Film wurde angesiedelt in Paris (während der Weltausstellung von 1900) und Wien (bis zu Klimts Tod 1918). Historisch interessant ist die Erkenntnis, dass damals als Aktmodelle wirkende Frauen beider Städte sich für die Art von Intimrasur begeisterten, die uns erst neulich durch die Serie "Sex And The City" als "Brazilian Landing Strip" nahe gebracht wurde. Wer hätte gedacht, dass sich der Hang der Secessionisten zum gezähmten Ornament so weit verbreitet hatte!Spielt der Film in Paris, dann geht der Blick in düstere, samtverkleidete Hinterzimmer mit asiatisch inspirierten Paravents. Dahinter versteckt sich eine geheimnisvolle Tänzerin (Saffron Burrows), die von einem gelähmten Gönner dazu angestiftet wird, ihren erotisierenden Schabernack mit Klimt zu treiben.Spielt das Ganze in Wien, geht es eher um platonische Belange. Entweder ist gerade Egon Schiele (mit frappierender Ähnlichkeit und äußerster Überspanntheit von Nikolai Kinski gespielt) zu Besuch bei Klimt im Spital. Oder dessen getreue Gefährtin Emilie Flöge (Veronica Ferres mit brünettem Haarnest, das einen prima Amsel-Nistplatz abgäbe) ringt über den Laken zermürbt die Hände. Mitunter wird der sieche Maler (Syphilis, Gehirnschlag) in seinen Gedanken auch von einem diffus gezeichneten Sekretär heimgesucht, der wie ein Wiedergänger von Klimts Unbewusstem als ständiges Sigmund-Freud-Zitat durch die Zeiten geistert.In Klimts besseren Jahren wird viel in Kaffeehäusern herum gesessen; dafür wurde als Drehort das Café Central erwählt, das von Wienern heute gern als "Neorenaissance-Bahnhofshalle" geschmäht wird. Damit im Film auch mal rebellisch mit Torten geworfen werden kann, fragen die Kellner beständig nach, ob noch "a Mehlspeis" gewünscht sei - ach was, damit auch jeder genug Lokalkolorit mitbekommt, sprechen sie mit völlig verfettetem Dialekt lieber gleich von "a Mööhspeys". Ähnlich touristisch ist der Einfall des Kameramanns Ricardo Aranovich, den Blick immer wieder im Walzertakt schweifen zu lassen; auch davon ist man schnell satt.Klimt Ö/D/GB/F 2006. Regie und Drehbuch: Raoúl Ruiz. Darsteller: John Malkovich, Veronica Ferres, Saffron Burrows, Nikolai Kinski. 97 Min., Farbe.Weitere Filmrezensionen auf den Seiten 2, 3, 4 und 6 des Kulturkalenders.------------------------------Foto: Gestatten, Gustav: Klimt (John Malkovich) trifft Tänzerin (Saffron Burrows).