Nichts ist vergessen, niemand ist vergessen: "Als Obersturmführer, 21. 6. 44", "Mein Schäferhund ,Favorit'", "Mit den SS-Maiden auf der Sola-Hütte 22.7.44.", "Hier gibt es Blaubeeren", "Treibjagd nach Schnee" - liebe Erinnerungen, im Bild vor dem Vergessen bewahrt, und auch die schlimmen Augenblicke sind festgehalten, die es in Auschwitz damals ja auch gegeben hat: zum Beispiel "Beisetzung von SS-Kameraden nach einem Terrorangriff" - einem Luftangriff.So lauten die Bildunterschriften im Album eines SS-Offiziers in Auschwitz, das erst in dieser Woche der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Es ist eines der sehr wenigen Bildzeugnisse aus Auschwitz, von denen wir überhaupt wissen. Auch wenn man darauf nur das gesellige Treiben der SS-Leute sieht, unbefleckt von jedem Hinweis auf den Massenmord, so ist es doch ein herausragendes historisches Dokument.Mehr als sechzig Jahre lang war es völlig unbekannt, bis es im Januar 2007 in die Bestände des Washingtoner Holocaust-Museums geraten ist - überreicht von einem Mann, der anonym bleiben wollte. Er habe das Album 1946 in einer verlassenen Wohnung in Frankfurt am Main gefunden, teilte er dem Museum mit; damals sei er Angehöriger des Nachrichtendienstes Counter Intelligence Corps der US-Armee gewesen, der unter anderem NS-Kriegsverbrecher suchte.Der Finder bleibt anonym, derjenige aber, der das Album führte, hat einen Namen: Es ist Karl Höcker: Bankangestellter aus Lübbecke, SS-Mitglied seit 1933, ab Mai 1944 Adjutant des Lagerkommandanten von Auschwitz Richard Baer. Nach dem Krieg: wieder Bankangestellter in Lübbecke, im Frankfurter Auschwitz-Prozess 1963 zu 7 Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach der Freilassung: wieder Bankangestellter in Lübbecke. Er starb im Jahr 2000, im Alter von 88 Jahren.Wer auf den Internetseiten des United States Holocaust Memorial Museums durch das Album des Karl Höcker blättert - es sind alle Seiten zu sehen, und die 116 Fotos in Einzelbildern -, der sieht vor allem heitere, intime Momente. Dralle SS-Helferinnen lassen sich vom gänzlich unmartialisch aussehenden Karl Höcker Blaubeeren reichen und weinen theatralisch, als die Beeren aufgegessen sind; es wird zum Akkordeon gesungen, es wird getrunken und gejagt, und immer wieder wird man stutzig, auf was für Gesichter man dabei stößt. Da sieht man in einer Jagdhütte Oswald Pohl, den Leiter des Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes der SS, mit dem Chemiker Otto Ambros aus dem Vorstand der IG Farben - zwei harmlose ältere Herren im Zivil bei einem Viertel Wein. Man sieht den SS-Arzt Josef Mengele, der zur selben Zeit seine grausamen Menschenversuche durchführte, im Gespräch mit Rudolf Höß, den ehemaligen Kommandanten des KZ Auschwitz und nunmehrigen Standortältesten dort - er war im Sommer 1944 nach Auschwitz geschickt worden, weil der Mord an den ungarischen Juden nicht reibungslos funktionierte. Man sieht die Männer ohne Mützen zwanglos beisammenstehen, auch Höß neben dem Lagerkommandanten Baer, den er nicht ausstehen konnte. Man sieht Lagerärzte beisammen, mit aufgeknöpften Jacken oder ganz oben ohne.Alle Aufnahmen stammen aus dem Sommer 1944 oder dem darauffolgenden Herbst und Winter - auch die "Julfeier 1944" ist festgehalten. Da war die Befreiung von Auschwitz durch sowjetische Truppen nur mehr weniger als einen Monat entfernt. Ob die Herren ahnen, was ihnen blühen wird? Höß wurde 1947 hingerichtet, Pohl 1951, Ambros im IG-Farben-Prozess verurteilt, Richard Baer tauchte nach dem Krieg als Waldarbeiter unter und starb 1963 in Untersuchungshaft, Mengele ertrank 1979 in Brasilien, und Höcker überlebte sie alle bis zum Ende des Jahrtausends.Wer die scherzenden Männer und kichernden Mädchen beisammen sieht, der kann gar nicht anders, als sich die anderen Bilder von Auschwitz vor Augen zu führen: Die "Rampe", die Baracken, die Opfer mit Judenstern auf der Brust und Angst in den Augen. Die Zeit, in der Höcker nach Auschwitz kam, war zugleich jene, in der die Tötungsmaschinerie so viele Leben zermahlte wie nie zuvor, in der täglich Züge mit ungarischen Juden eintrafen. Von diesem industriellen Mord gibt es erst recht so gut wie keine Fotos - außer dem sogenannten "Auschwitz-Album" der Lili Jacob. Es ist gewissermaßen das Gegen-Stück zu diesem neuentdeckten Album: Eine von den Tätern zusammengestellte Fotosammlung, die die Ankunft ungarischer Juden zeigt: vom Entladen des Zuges über die Selektion bis zur quälenden Warterei in einem Wäldchen direkt vor den Gaskammern.Die jüdische Gefangene Lili Jacob hatte das Album gefunden, in einer SS-Baracke des Lagers Dora-Mittelbau, als die Wachen sich bereits aus dem Staub gemacht hatten. Lili Jacob hatte selbst die Selektion in Auschwitz überlebt, bevor sie nach Dora-Mittelbau verlegt worden war; auf den Fotos ihres Zufallsfundes entdeckte sie ihre vergaste Familie, Freunde, Nachbarn aus ihrer Heimatstadt Bilke.Auch Karl Höcker war, zusammen mit seinem Chef Baer, von Auschwitz nach Dora-Mittelbau verlegt worden; es ist denkbar, dass er das von Lili Jacob gefunden Album selbst in Händen hielt, und dass es Baer gehörte. 1963 wurde Jacobs "Auschwitz-Album" im Auschwitz-Prozess als Dokument verwendet, um die Selektion zu verdeutlichen. Höcker hat damals abgestritten, je selbst an der Rampe gewesen zu sein und überhaupt von den Einzelheiten der Selektion gewusst zu haben. Hätte das Album, das wir jetzt erst sehen können, schon damals vorgelegen, hätte man ihm das wohl nicht abgenommen; man sieht ihn ja ständig zusammen mit Mengele, mit Höß und anderen wichtigen Tätern.Man muss die beiden Alben zusammendenken: Das Bild, das die Täter sich von den Opfern gemacht haben, und dasjenige, das die Täter sich von sich selbst gemacht haben. Sie sind fast zur selben Zeit am selben Ort entstanden und überschneiden sich doch kaum. Höckers persönliches Album zeigt nicht einen einzigen Häftling, nicht einmal im Hintergrund. Es zeigt nur heiteres Beisammensein. Es lehrt uns menschlich nichts, außer dass das Leben der Täter nicht nur aus Morden bestand. Das aber zeigt es mit Wucht. Man kann jetzt schon vorhersagen, dass einige dieser Aufnahmen bald zum festen Bildervorrat gehören werden. Unsere Vorstellung von Auschwitz hat eine deutlichere, konkretere Form erhalten.------------------------------Foto (4):Karl Höcker (1911-2000), 1944 als ObersturmführerDie SS singt, darunter sind auch Karl Höcker, Rudolf Höß, Josef Mengele.Karl Höcker (Mitte), umgeben von SS-HelferinnenDie 116 Fotos des Albums von Karl Höcker zeigen SS-Personal aus Auschwitz 1944. Die hier ausgewählten stammen aus dem Erholungsheim Sola-Hütte südlich des Lagers. Links stehen Lagerkommandant Richard Baer, Josef Mengele und Rudolf Höß (von l.).Weitere Informationen: www.ushmm.org