Ein bisschen Berlin-Euphorie

Es gibt ein Phänomen, das bei meckrigen Berlinern - zum größten Bedauern hiesiger Bürgermeister und Tourismusmanager - oft zu wenig, bei Berlin-Besuchern dafür umso intensiver anzutreffen ist: die Berlin-Euphorie. Als jetzt wieder einmal neue Projekte für das schon vielfach verplante Postfuhramt an der Oranienburger Straße/Ecke Tucholskystraße von Rabin Savion vorgestellt wurden, da konnte man solchen Idealismus in Reinkultur erleben. Savion ist der Vertreter des israelischen Bauinvestors und Hotelbetreibers Adi Keizman, der das seit Jahren vor sich hindämmernde Gelände gekauft hat und große Visionen dafür hegt.Bald werde die Stadt, so Rabin Savion mit beredter Begeisterung, sich nämlich zur international führenden Nummer Eins entwickeln - als Kunststadt, im internationalen Kunstgeschäft und in der Galerienszene. Deswegen lohne es sich, hier in Kultur und Kunst zu investieren. Hört es wohl, ihr kurzsichtigen Sparer in Verwaltungen, Politik, Medien und Wirtschaft, die ihr immer zuerst einmal der Kultur an den Kragen wollt: Nicht hinter New York und London in der Rangliste, sondern davor wird Berlin alsbald stehen, auf der Spitzenposition! In weniger meckrigen Städten als dieser wäre jetzt die erfreute Schlagzeile fertig.Nun - als Berliner, etwas abgehärtet nach 15 Jahren Dauereuphorie, fragt man nach. Das Projekt für das Postfuhramt soll erst noch ausgearbeitet werden, deswegen vermochten die Beteiligten, darunter die Betreiber des Fotografie-Forums c/o Berlin, noch keine Zeichnungen vorzulegen; auch der Finanzplan kann noch nicht präsentiert werden. Immerhin, so viel wurde verraten: Es werde mehr investiert als ursprünglich geplant. Und das große Hotel-Projekt ist vom Tisch, nur ein kleines durchdesigntes "Boutique-Hotel" könnte entstehen, außerdem einige Wohnungen - letztere, so ist zu befürchten, an Stelle der bau- und verkehrshistorisch wertvollen Garagen von 1925. Besser wäre es, die Architekten achteten nicht nur auf die Terracottareliefs des 1875-81 errichteten Hauptgebäudes, sondern fänden auch ein Konzept, die modernistischen Nebengebäude zu erhalten.Die Investoren werben darum, dass Anwohner, Künstler, der Bezirk Mitte und auch Museumsdirektoren bei der Konzeptfindung mitreden. Museumsdirektoren? Also soll das Gebäude so umgebaut werden, dass künftig große Institutionen hier mieten können. Offenbar rechnen Savin und Keizmann oder die vielen anderen Immobilien-Investoren aus Skandinavien, den USA, Kanada, Großbritannien, Frankreich und Israel tatsächlich damit, dass die Stadt bald wieder auf die Beine kommt. Und die Kurmittel sind Kunst und Kultur. Beeindruckt uns das, oder meckern wir weiter?