Wenn es um Enthüllungen über die Zusammenarbeit bundesdeutscher Ministerien, Geheimdienste und Polizeibehörden mit früheren SS-Größen und anderen Nazi-Kriegsverbrechern ging, war das Nachrichtenmagazin Der Spiegel in den letzten Jahren oftmals vornweg. Ausreden der Verantwortlichen, man habe von der Verstrickung der einstigen Mitarbeiter keine Ahnung gehabt, ließ das Hamburger Magazin dabei nicht gelten. "Wenn es Unwissenheit gab, dann nur, weil man nicht wissen wollte", hieß es beispielsweise jüngst in einem Artikel über den BND und dessen braune Wurzeln.Dabei hat auch der Spiegel in seinen Anfangsjahren mit NS-Tätern kooperiert. Dazu hat es in der Vergangenheit immer mal wieder Veröffentlichungen gegeben. Insbesondere der Publizist, Hochschullehrer und langjährige Chef des Grimme-Instituts, Lutz Hachmeister, tat sich mit der Analyse des braunen Kameradschaftsgeflechts im frühen Spiegel hervor - freilich ohne nennenswerte Reaktion des Hamburger Magazins.Jetzt ist ein neues Buch erschienen, in dem es um Geheimdienste und die Karrieren ehemaliger Nazis im Nachkriegsdeutschland geht. Ein Kapitel des Buches "Enttarnt" widmet der frühere Spiegel-Autor Peter Ferdinand Koch auch seinem einstigen Arbeitgeber. Darin wirft er dem Spiegel-Gründer Rudolf Augstein vor, mit der Hilfe von SS-Prätorianern den Aufstieg des Magazins und seiner Person zur "journalistischen Lichtgestalt" betrieben zu haben. Eine "beschönigende "Vergangenheitsbewältigung" und die "öffentliche Rehabilitierung" ausgewählter SS-Größen seien dabei laut Koch der Preis dafür gewesen, von der "verschworenen Himmler-Garde" den Stoff zu bekommen, mit dem sich Auflage machen ließ.Koch nennt in seinem Buch NS-Täter, mit denen der Spiegel in seinen Anfangsjahren kooperierte. Als Informant agierte demnach etwa Franz Alfred Six, im Nazi-Geheimdienst für Propagandaaktionen im Zusammenhang mit der "Judenfrage" zuständig. Der einstige SS-Brigadeführer soll Mitglied eines "Vorauskommandos Moskau" der Sicherheitspolizei gewesen sein, dem die Ermordung von mindestens 46 Russen zugeschrieben wird. Six habe auch - so schreibt Koch - seine einstigen Weggefährten aus Reinhard Heydrichs Sicherheitsdienst (SD), Horst Mahnke und Georg Wolff, dem Spiegel zugeführt. Beide machten Karriere: Mahnke, als SS-Hauptsturmführer mit der geheimdienstlichen Vorbereitung eines deutschen Überfalls auf Großbritannien befasst und wie Six Angehöriger des SD-Vorauskommandos Moskau, stieg im Spiegel zum Ressortchef Internationales/Panorama auf und wechselte später in den Springer-Verlag; Wolff, ebenfalls SS-Hauptsturmführer und vom SD als "wahrer Nationalsozialist" gelobt, brachte es zum Auslandschef und stellvertretenden Chefredakteur des Magazins.In dieser Funktion arbeitete Wolff mit dem Südamerika-Korrespondenten des Spiegels, dem einstigen Goebbels-Adjutanten Wilfred von Oven, zusammen, der nach Kriegsende in Deutschland regelmäßig auf Neonazi-Kundgebungen als Redner auftauchte. Ein weiterer Goebbels-Vertrauter, SS-Sturmbannführer und angeblich die Nummer drei im Reichspropagandaministerium, Erich Fischer, wurde Werbeleiter im Düsseldorfer Spiegel-Büro. Der ehemalige Pressechef von NS-Außenminister Ribbentrop, SS-Obersturmbannführer Paul Karl Schmidt, wiederum arbeitete für Augstein an einer bis heute unter Historikern umstrittenen Serie über den Reichstagsbrand 1933 mit. Verfasst hatte sie der Hobbyhistoriker Fritz Tobias, der sich unter anderem auf die Kronzeugen Rudolf Diels, erster Gestapo-Chef, und Walter Zirpins stützte. Zirpins gehörte seinerzeit zu der von Göring eingesetzten Brandkommission und war später als SS-Obersturmbannführer im Ghetto von Lodz mit der "Bekämpfung des jüdischen Verbrechertums" beauftragt. Der SS-Hauptsturmführer und frühere Kriminalrat im Reichssicherheitshauptamt, Bernhard Wehner, schließlich durfte für das Magazin eine umfangreiche Serie über die Kriminalpolizei im NS-Staat schreiben.In seinem 2002 erschienenen Buch "Die Herren Journalisten" schreibt der Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister von einem Geflecht aus NS-Kumpanei, der Sicherung von Insiderinformationen und dem auflagesteigernden Thema Nationalsozialismus in den Anfangsjahren des Spiegels. Aber rechtfertigt der Gewinn von Informationen die Kooperation mit Tätern, die - unmittelbar oder mittelbar - am Massenmord der Nazis beteiligt waren? Die Frage, die in den letzten Monaten am Beispiel des Auswärtigen Amtes und des BND heftig diskutiert wurde, stellt sich auch dem Spiegel.Das Magazin räumte auf Nachfrage ein, dass es - was seit vielen Jahren auch öffentlich bekannt sei - einige Redakteure mit NS-Vergangenheit im Spiegel gegeben habe. "Aus heutiger Sicht würde man sicher einige Dinge anders handhaben und beurteilen", sagte ein Sprecher dazu. Wenn auch einige Artikel aus der Frühzeit des Spiegels heute eher kritisch zu sehen seien, sei für die Redaktion aber eine - wie Buch-autor Koch schreibt - "beschönigende Vergangenheitsbewältigung" mithilfe von NS-Tätern nicht erkennbar, so der Sprecher.------------------------------Peter-Ferdinand Koch: Enttarnt Ecowin-Verlag Salzburg 2011, 448 S., 24,90 Euro.------------------------------Foto: Der Spiegel-Gründer Rudolf Augstein, hier ein Archivbild von 1993, starb 2002.