TIERGARTEN/SCHÖNEBERG. Nicht weit entfernt von der Potsdamer Brücke, wo heute fantasielose 60er-Jahre-Bauten stehen, befand sich im 19. Jahrhundert ein berühmter Berliner Salon: Im dritten Stock des Hauses Potsdamer Straße 27 A (heute laut Grundbuch Nummer 68) traf sich beim "Jour" des Chefredakteurs des Satireblatts "Kladderadatsch" Ernst Dohm und seiner Frau Hedwig, einer Literatin und Frauenrechtlerin, alles, was Rang und Namen in der Stadt hatte. In der Dohmschen Wohnung herrschte zu solchen Anlässen immer ein großes Gedränge. Als ein Gerücht die Runde machte, ein Gast sei aus dem Fenster gefallen, gab es den Kommentar: "Gott sei Dank, dann ist ein Stuhl freigeworden."Diese und viele andere Geschichten über die Magistrale, ihre Häuser und bekannte, berüchtigte oder ganz alltägliche Bewohner sind nachzulesen im gerade erschienenen Band "Die Potsdamer Straße" von Sybille Nägele und Joy Markert. Das Projekt wurde von den Quartiersmanagements Tiergarten-Süd und Schöneberger Norden mit 9 700 Euro gefördert. Das 408 Seiten starke Buch ist eine Hommage an eine Straße, deren spröder Charme zwischen Second-Hand-Läden und Medienunternehmen, Dönerbuden und Cocktailbars sich dem Betrachter erst auf den zweiten Blick erschließt. Die beiden Schöneberger haben 18 Monate an dem Manuskript gearbeitet. Herausgekommen ist kein Straßenporträt der üblichen Art. Nägele und Markert beleuchten die mehr als 200-jährige Geschichte der "Potse", wie sie von Anwohnern genannt wird, aus verschiedenen Blickwinkeln - historisch, literarisch, kulturell.So ist von den beschaulichen Anfängen als Weg nach Potsdam, den man per Kutsche befuhr, ebenso zu lesen wie von den Dichtern Adelbert von Chamisso, Theodor Fontane und Joseph Roth, die zu verschiedenen Zeiten dort wohnten. In einem Untermietzimmer in der Potsdamer Straße 54 probte der junge, aber schon bekannte Chansonkomponist Walter Kollo 1906 mit der noch völlig unbekannten Sängerin Claire Waldoff.Jazz im Quartier LatinPreußens erste Medizinprofessorin Rahel Hirsch hatte 1908 zwar die Leitung der II. Medizinischen Klinik der Charité. Weil das aber eine unbezahlte Stelle war, musste sie ihr Geld mit einer Praxis in ihrer Privatwohnung am Schöneberger Ufer 31 (heute Nummer 57) verdienen.Viele Häuser, die Legenden waren, gibt es längst nicht mehr: Der Sport-Palast, hochgezogen in nur einem Jahr auf dem Gelände eines beliebten Biergartens, berühmt durch Sechs-Tage-Rennen, Eishockey und Eisballett, berüchtigt durch Nazi-Veranstaltungen und Führerreden, im Krieg ausgebrannt, dann wieder aufgebaut, schloss am 31. März 1973 für immer. Ein halbes Jahr später wurde er abgerissen. Auf dem Grundstück wurde eine gigantische Wohnanlage errichtet, der "Sozialpalast"; so genannt, weil für viele Sozialwohnungen dort auch das Sozialamt zahlte. Inzwischen heißt der Häuserblock offiziell "Pallasseum". Das Quartier Latin, in dem seit 1970 Jazz- und Rockgrößen wie Chet Baker, Annie Lennox, Gitte Haenning, aber auch Nena und die Erste Allgemeine Verunsicherung aufgetreten sind, schloss in der Silvesternacht 1989. Heute befindet sich dort das Varietee Wintergarten. Radio 100, der Berliner Alternativrundfunk, sendete ab 1. März 1987 aus der Potsdamer Straße 131. Anfangs musste er sich die Frequenz mit der kommerziellen Konkurrenz Hundert,6 teilen. Diese schloss ihr tägliches Programm mit der Nationalhymne. Radio 100 konterte - mit dem Geräusch einer Klospülung, um dann "politisch sauber" fortfahren zu können. Am 28. Februar 1991 beendete der Alternativsenders mangels Finanzierung sein Programm."Die Potsdamer Straße - Geschichten, Mythen und Metamorphosen", Metropol Verlag, 19 Euro. ISBN 978-3-936411-78-2.------------------------------Foto: Sommer an der Potse: Baden auf dem Gelände des ehemaligen Fremdenverkehrsamtes.