Reimann redet nicht gern darüber. Als Privatdetektiv weiß er, daß allein Fakten zählen. Reden wird man über ihn sowieso noch genug - falls seine Indizien stimmen. Dietmar Reimann hat das Bernsteinzimmer gefunden. Oder zumindest die Spur von Kunstschätzen, die im Frühling 1945 in Westsachsen vergraben wurden. Eines Tages stand Horst Schmidt, ein ehemaliger Stasi-Mann, in seiner Detektei. Er habe mit Paul Enke das Bernsteinzimmer gesucht und hätte jetzt eine heiße Spur. Nur: Allein käme er nicht weiter. Bis dahin wußte Reimann überhaupt nicht, daß es ein Bernsteinzimmer gibt. Wie sollte er auch. In seinem Leben hatten bisher ganz andere Dinge eine Rolle gespielt: Zuerst war Reimann Matrose, dann Pionier-Offizier. "Genosse Leutnant, sozialistischer Kampfauftrag, Sturmbahndreck - dieser Affenzirkus ödete mich irgendwann ziemlich an. Ich versuchte, da wegzukommen." Was bekanntlich nicht ganz einfach war. 1988 wurde Major Reimann vorzeitig ins zivile Leben entlassen. Er heuerte als Bauleiter bei der Leipziger Universität an und reparierte fortan Ställe von Versuchskarnickeln. Columbo und 007 Nach der Wende war er neben den Versuchstieren einer der ersten, die den Job verloren. Jetzt war guter Rat teuer: Nach achtzehnjähriger Dienstzeit gegen den "imperialistischen Klassenfeind" gab es nach dessen Sieg für Reimann keine Chance, sich irgendwo die Brötchen zu verdienen. "Werde doch Detektiv", riet ihm sein Freund, ein Anwalt. Reimann kannte Derrick, Columbo und 007 und dachte: "Warum eigentlich nicht?" Daß seine Arbeit dann völlig anders aussah, merkte er schnell. Die Aufträge kamen von Ehefrauen aus dem Westen, die wissen wollten, mit wem ihr Mann beim Aufbau Ost fremdging. Die Zusammenarbeit mit dem Stasimann versprach da ein bißchen mehr Spannung.Reimann begann Bücher über den Bernsteinschatz zu lesen, Akten zu wälzen, Zeugen zu befragen. Und schon bald wunderte er sich über die Stasi. "Für die standen doch die Nazis von vornherein als Täter fest." Beim Überwachen der Ehemänner hatte Reimann aber gelernt: Man muß bei Ermittlungen in alle Richtungen offen sein. Schließlich war es vorgekommen, daß der werte Gatte gar nicht fremdging. Beim Durchsehen der Stasiakte "OV Puschkin" war er auf Widersprüche gestoßen, die ihm eine neue Spur wiesen. Als Reimann zum x-ten Male im Gebiet um den kleinen Erzgebirgsort Schlema nach dem Versteck suchte, hatte er den Kanal voll. So ein Quatsch, dachte er sich, wo soll denn hier etwas versteckt sein. Reimann stand auf einem Stein. Der lag auf einem Hügel. Der Stein begann zu wackeln, Reimann sich zu wundern. Ein wackliger Stein im Tal - das ergab einen Sinn. Aber auf einem Hügel! Der ehemalige Pionieroffizier untersuchte den Felsblock und fand Spuren einer Sprengung. Dann entdeckte er den Schacht. Anfang dieses Jahres präsentierte Reimann seine Erkenntnisse den Offiziellen. Im Sächsischen Oberbergamt in Freiberg traf er Vertreter des Innenministeriums, des archäologischen Landesamtes und der Bergbau-Behörde. Man war beeindruckt. Doch so einfach "Spaten raus und graben" - das ist heute nicht mehr drin. Die Crew um Reimann - ein Jurist, Geologe, Historiker und Journalist - muß einen von der sächsischen Landesregierung erstellten Forderungskatalog erfüllen, bevor sie probebohren und graben darf. Dabei will Reimann gar nicht selber graben. "Ich bin doch nicht verrückt", sagt er. "Zu viele Hobbyforscher infizierten sich mit dem Goldgräbervirus und gingen pleite. Nein, graben sollen andere." Zum Beispiel das Land Sachsen. Reimann will nur nachweisen, daß seine Beweiskette stimmt. Geld ist nicht drin Für die Arbeit seiner Detektei ist die Suche nach dem Bernsteinschatz eher erschwerend als förderlich. Einige Klienten sagen: "Reimann, der Spinner" und verzichten dankend auf seine Dienste. Man könnte glauben, egal! Wird Reimann fündig, ist er ein gemachter Mann."Nein", sagt er, "Geld ist damit nicht zu verdienen." Die drei Prozent des ihm eigentlich zustehenden Finderlohns wird Rußland für das heute 250 Millionen Mark kostbare Bernsteinzimmer wahrscheinlich nicht bezahlen. Deshalb hat er seine Geschichte aufgeschrieben. Vielleicht gibt es ja Leute, die sich dafür interessieren. Dann würde aus dem Seemann, Offizier, Bauleiter und Detektiv Reimann auch noch ein Schriftsteller werden. +++