Wie findet man heraus, woher im Frühjahr 1945 ein Zug mit toten Kindern nach Beelitz in Brandenburg kam? Oder wohin er gefahren ist. Oder ob es darin Überlebende gab. Wie kann die Narbe am Bein eines Mannes überprüft werden, den man nicht danach fragen kann? Welche Behörden haben während und nach dem Zweiten Weltkrieg tschechische Namen in deutsche umgewandelt? Bisher gibt es keinen, der die Antworten weiß. Aber es gibt zwei, die danach fragen. Es sind die Berliner Studenten Frank Metzing und Kerstin Schicha. Vielleicht werden sie bald mehr wissen. Vielleicht auch nicht so bald. Möglicherweise auch nie. Aber sie versuchen, weiterzukommen. Das sind sie bisher immer. Sie wissen schon jetzt mehr, als jeder Wissenschaftler und jeder Buchautor herausgefunden hat. In den Büchern steht, die verschwundenen Kinder von Lidice sind seit 1942 tot. Die Studenten Metzing und Schicha sagen, wahrscheinlich leben noch einige von ihnen. Auch der Zug der toten Kinder von Beelitz ist eine Spur.--Lidice war ein Dorf in der Nähe von Prag. Spitzgieblige Dächer, Scheunen, ringsum Felder und eine katholische Kirche, die wegen ihrer Schönheit im Baedeker stand. 1942 leben die Menschen unter deutscher Besatzung, aber sie leben. Noch einmal reifen die Äpfel, aber zur Erntezeit existiert Lidice nicht mehr. In der Nacht vom 9. auf den 10. Juni beginnen die Deutschen das Dorf auszulöschen. Hitler hatte befohlen, den Reichsprotektor von Böhmen und Mähren zu rächen. Reinhard Heydrich war nach einem Attentat durch tschechische Patrioten gestorben. Also marschieren Waffen-SS und Ordnungspolizei zusammen mit der Wehrmacht in Lidice auf und erschießen die Männer an der Scheunenwand des Horßk-Gehöftes. Auch die Hunde werden getötet. Alle Frauen kommen in deutsche Lager. Die Häuser des Dorfes werden abgebrannt, eine Einheit des Reichsarbeitsdienstes und zwei Kompanien Pioniere sprengen die Ruinen. Der Reichsarbeitsdienst legt Schienen, gräbt die Fundamente aus, zerstört sie und transportiert das Geröll ab. Der Friedhof wird abgetragen, Grabsteine werden in Prager Häusern verbaut. Der Teich wird zugeschüttet. Es soll kein Hinweis darauf bleiben, daß an dieser Stelle ein Dorf gestanden hat. Sie nehmen sich ein Jahr Zeit dafür. Die 105 Kinder aus Lidice werden von ihren Müttern getrennt und nach Lodz abtransportiert. 17 von ihnen gelten als "eindeutschungsfähig" und werden zur Adoption vorbereitet. Sechs Kinder sterben. Die 17 Kinder werden nach dem Krieg wieder aufgefunden, von den 82 anderen fehlt scheinbar jede Spur. Sie werden für tot erklärt, nachdem die Suche 1949 abgebrochen wurde. Als wichtigstes Indiz gilt Wissenschaftlern, der tschechischen und der deutschen Öffentlichkeit damals, daß die Kinder aus Lodz 1942 in das Vernichtungslager Kulmhof (Chelmno) kamen.--Frank Metzing hat davon noch nichts gehört, als er 18 ist und in der zwölften Klasse eines Berliner Gymnasiums eine Arbeit zu einem historischen Thema schreiben soll. Er hätte sich auch mit Preußen beschäftigen können oder mit dem Mittelalter. "Ich nahm dann Lidice, weil ich wußte, dazu gibt es genügend Literatur, und das macht die Sache einfach. Eigentlich wollte ich nur wenig Arbeit haben." Das war 1989. Inzwischen sind acht Jahre vergangen, und die Arbeit über Lidice dauert an. Seit 1991 ist Kerstin Schicha dabei. In ein paar Monaten wollen sie einem Mann in Hessen sagen, daß er nicht der ist, der er glaubt zu sein. Sie wollen beweisen, daß er aus Lidice stammt.Frank Metzing und Kerstin Schicha begannen mit ihrer Suche, als sie den ersten Widerspruch in alten Akten entdeckten. Damals stießen sie auf einen Brief des SS-Standartenführers Gies vom 13. Juni 1944, dessen tatsächliche Bedeutung alle anderen Forscher übersehen haben. Darin ist von 65 tschechischen Kindern die Rede, die geschlossen untergebracht seien. Sie stammten "vorwiegend von Eltern aus den ehemaligen Ortschaften Liditz und Lezaky, deren Einwohner im Zusammenhang mit den Maßnahmen nach dem Attentat auf SS-Obergruppenführer Heydrich erschossen bzw. in ein Konzentrationslager eingewiesen wurden". Im Gegensatz zum Inhalt dieses Briefes galt der Forschung als erwiesen, daß die Kinder 1942 im Vernichtungslager Kulmhof ermordet worden sind.In Verbindung mit dem Lager finden die Studenten eine zweite Merkwürdigkeit. Die nicht zur Adoption vorgesehenen Kinder wurden zuletzt am 3. Juli 1942 in einer "Lagerbestandsmeldung" des Sammellagers Lodz aktenkundig. Als "Abgang". Sie wurden in einem Lastwagen abtransportiert, dessen Nummer sich zwar auch in den "Eingangs"-Unterlagen des Vernichtungslagers Kulmhof (Chelmno) findet ­ allerdings an späteren Tagen. Chelmno ist jedoch nur 60 Kilometer von Lodz entfernt. Nach diesen Anfangserfolgen meldet sich der Leiter der deutschen Nachkriegssuchaktion bei den Studenten. "Noch bis zu seinem Tod in diesem Jahr hat er geglaubt", sagt Frank Metzing, "daß seinerzeit nicht allen Hinweisen nachgegangen wurde und weitere Kinder hätten gefunden werden können." Schließlich finden sie einen Hinweis aus dem Jahr 1961, als Israel Adolf Eichmann den Prozeß machte. Eichmann wurde dabei auch die Deportation und Ermordung der Kinder von Lidice vorgeworfen. Am Ende sah es das Bezirksgericht Jerusalem jedoch als wahrscheinlich an, daß die Kinder vermutlich noch am Leben sind und sprach ihn in diesem Punkt frei. Auch aus tschechischen Akten ergeben sich Vermutungen, daß in Tschechien noch mehrere Personen leben, bei denen es sich um verschwundene Kinder handeln kann.So verfügen die Studenten über zahlreiche Hinweise, daß Kinder aus Lidice überlebt haben könnten. Drei Hinweise beziehen sich auf zwei Personen, deren Namen und heutige Wohnorte bekannt sind. Die endgültigen Beweise fehlen noch. Bis heute haben sich Frank Metzing und Kerstin Schicha durch Berge von Papier gearbeitet. Allein die Akten des Eichmann-Prozesses sind auf 4 000 engbeschriebenen Seiten protokolliert. Sie haben mit ungefähr 300 Zeitungsartikeln, Zeitschriftenaufsätzen und Büchern fast die gesamte deutsche, tschechische und englische Sekundärliteratur zu Lidice ausgewertet. Die Studenten fragten beim Bundesarchiv Koblenz nach Akten, beim Landesarchiv Berlin und in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem. Sie blätterten durch die Täterakten des Berlin Document Center, fragten in der Wehrmachtsauskunftsstelle und überprüften im Staatsarchiv Prag die Geburts- und Sterbeakten von Lidice. Oft war es wie die Suche nach dem Licht des vergangenen Tages. --Kerstin Schicha lernt inzwischen Tschechisch. Demnächst wird sie im Prager Staatsarchiv dreißig Regalmeter Akten abarbeiten. Jetzt sitzt sie mit Frank Metzing im Lesesaal des Staatsarchivs Potsdam bei Bornim. Hier liegen die Dokumente der staatlichen Verwaltungsbehörden des Landes Brandenburg seit seiner Existenz.Sie suchen etwas. Was es sein könnte, ahnen sie nur. Es könnte ein Hinweis auf den Zug der toten Kinder von Beelitz sein, von dem kaum mehr bekannt ist, als daß er im Frühjahr 1945 aus dem Osten kam. Oder auf zwei Kinder im Zug, die noch lebten. Sie hoffen auf den Zufall, der ihnen Fragen beantwortet. Oder wenigstens eine. Wer hat die Kinder gekleidet? Welche Geburtsdaten hatten sie oder welche Geburtsorte? Haben sie andere Namen bekommen, und wohin ging ihr Weg? Metzing und Schicha glauben, daß zumindest eines der Kinder aus Lidice stammen könnte. Es könnte jener Mann sein, der heute in Hessen lebt.Dieser Tag in Bornim ist ein Tag wie viele andere. Wieder vergehen Stunden über diesen Stößen von gelbem, altem Papier. Es sind die Stunden, in denen die Suche zäh ist. In denen sie müde werden, irgendwann aufhören und am nächsten Tag weitermachen. Sie drehen jede Seite einzeln um. In den Mappen über "Kinder- und Jugendheime", "Amtsvormundschaft, Waisen, Waisenhäuser", "Versorgung verwaister Flüchtlingskinder", "Feststellung des Personenstandes, Namenserteilung, Adoption". Alles von 1945 bis 1950. Die Ausbeute am Ende des Tages ist ein alter Brief der Kreisfürsorgerin Treuenbrietzen an das Innenministerium der Provinzialregierung Brandenburg. Sie berichtet von zwei Kindern, deren Namen und Herkunft nicht bekannt sind. Das Amt will wissen, wer in einem solchen Fall deutsche Namen vergibt. Treuenbrietzen ist nur 18 Kilometer von Beelitz entfernt. Von dem Ort, in dem der Zug mit den Kindern ankam.Demnächst werden die Berliner Studenten in Treuenbrietzen weitersuchen. Es wird auch notwendig sein, in Archive nach Warschau, Lodz und Kladno zu fahren und das UNO-Archiv in New York um Kopien bestimmter Akten zu bitten. Sie werden Glück haben und neue Einzelheiten erfahren. Dann werden sie wieder gar nichts finden. 90 Prozent ihrer Arbeit sind umsonst. Spuren werden auftauchen und wieder verschwinden. Dann werden Frank Metzing und Kerstin Schicha anderswo weitersuchen. 82 Kinder, glauben sie, hinterlassen mehr Spuren als eine Welle, die auf den Strand rollt.--Lidice existiert wieder. Gleich neben der kleinen Senke, in der das alte Dorf stand, wurde der Ort nach dem Krieg wieder aufgebaut. 143 überlebende Frauen und die 17 zurückgekommenen Kinder erhielten gleichaussehende Häuser, die heute unter Denkmalschutz stehen. Frank Metzing und Kerstin Schicha sind wieder einmal an dem Ort, an dem die Geschichte begann und wohin sie am Ende zurückkehren soll. Dann, wenn überlebende Kinder gefunden werden, die jetzt bald alt sind.Am Gemeindezentrum warten die 77jährige Anna Nesporovß, Miloslava Kalibovß, Marie Supikovß und der von den Nazis eingedeutschte Vaclav Zelenka auf die Studenten. Sie umarmen sich zur Begrüßung. Sieben Jahre kennen sie sich schon. So dauert es nicht lange, bis sie im Beratungszimmer über die verschwundenen Kinder des Dorfes sprechen.An der Wand hängt ein Gemälde. Es zeigt, wie das Dorf bis 1942 aussah. Auf dem Tisch liegen Kinderbilder und Fotos von Elternpaaren aus Lidice. Die Überlebenden vergleichen zusammen mit ihren Besuchern Mund, Nase oder Haaransatz. Sie versuchen ein Kind einem Elternpaar zuzuordnen. Sie diskutieren Gen-Untersuchungen, weil von möglichen Lidice-Kindern noch Verwandte leben. "Bestimmte Gene", sagt Kerstin Schicha, "die auf Verwandtschaft hinweisen, werden von Frauen weitergegeben." Frank Metzing fragt: "Gab es im alten Lidice ein Haus mit einem großen Baum davor?" Das ist eine andere Spur.Die Tragödie, die Nachkriegsgeschichte, die Wesensart der Menschen haben das Dorf geteilt. Manche Mütter denken, daß es Überlebende geben kann. Sie haben Zimmer für ihre verschwundenen Kinder eingerichtet und machen täglich das Bett. Andere glauben nicht daran. Manche sind nach dem Krieg Kommunisten geworden und sind es immer noch. Aber auch die Tschechoslowakei hat eine Wende gehabt, und das bekommen die Kommunisten jetzt zu spüren. Am Rand des Dorfes lebt, fast ausgestoßen, eine Frau. Sie war in ihrer Jugend im nationalsozialistischen Bund Deutscher Mädchen. Und sie wollte nicht zurück nach Lidice, als man sie nach dem Krieg in Deutschland fand. Solche Probleme überlagern die Haltung zur Suche nach den Kindern.Für Anna Nesporovß wäre es eine große Freude, wenn auch nur ein Kind gefunden würde. "Wir wüßten, es hätte ein Leben gehabt. Ich finde die Arbeit von Kerstin und Frank sehr schön. Aber andere Frauen denken anders." Sie fürchten ein Ergebnis. Sie müßten einen Menschen lieben, den sie nicht kennen, obwohl sie ihn geboren haben.Die Tochter von Anna Nesporovß hieß Wenzeslawa. Vielleicht muß man auch "heißt" sagen. Man weiß es nicht genau. Früher hat Anna Nesporovß von ihr als Baby geträumt. Später davon, wie sie als größeres Kind oder Jugendliche aussah. 55 Jahre nach der Vernichtung von Lidice sieht die Überlebende von Lidice jetzt im Traum das Gesicht ihrer Tochter als ältere Frau.--Acht Jahre haben Frank Metzing und Kerstin Schicha allein gesucht. Seit ein paar Monaten ist das Berliner Landeskriminalamt (LKA) dabei. Berlins Innensenator Schönbohm hat eine entsprechende Bitte der tschechischen Seite befürwortet. Vom alten Lidice sind ein paar Meter Fundament geblieben und ein Rätsel, das für zwei Studenten möglicherweise zu groß ist.Die Kriminalbeamten lassen gerade im Reichsbahn-Archiv nach dem Zug der toten Kinder suchen. Sie kennen Dokumentationsstellen, von denen die Studenten noch nie gehört haben. Sie überprüfen auf einer alten Fotografie, ob ein bestimmtes, etwa vierjähriges Kind, das vielleicht aus Lidice stammt, wirklich eine Narbe am Bein hat oder das Foto an dieser Stelle nur beschädigt ist. Das ist noch nicht spektakulär. Aber die LKA-Leute können auch Dinge tun, die sich Frank Metzing nicht einmal ausdenken kann. Der Kriminalbeamte Dieter Lesch sagt: "Wir könnten versuchen, an Gegenständen aus dem Lidice von 1941 Fingerabdrücke sichtbar zu machen und sie dann mit denen von Zielpersonen zu vergleichen." Bisher sind solche Gegenstände nicht gefunden worden. Aber die Zeit drängt. Elf Mütter leben noch. Sie sind zwischen 77 und 87 Jahren. Für die Mütter suchen sie. Aber Frank Metzing sagt: "Ich mache das inzwischen auch für mich. Ich will das jetzt wissen."Deshalb wird keine Such-Variante ausgeschlossen. Das LKA könnte Anthropologen einschalten, die aus einem Kinderbild hochrechnen, wie die Person heute aussieht. Kopfform und Augenhöhlen bleiben in der Regel gleich und wachsen nur proportional zum Gesicht mit. Bluttests und Gen-Untersuchungen werden überlegt. Möglicherweise wird ein Phantombild gezeichnet. Nach dem immer wiederkehrenden Traum der Anna Nesporovß vom Gesicht ihrer erwachsenen Tochter.