Für Sokrates war das Gespräch Mittel zur Selbsterkenntnis", wird zu Beginn eingeblendet. Man sieht die backsteinrote Gefängnismauer. Es schneit. Ein Hund bellt. "Alle Erkenntnis kommt aus dem Menschen selbst." Ein vergittertes Fenster dient jetzt als Satzhintergrund. Eine Krähe sitzt im Stacheldraht, Wolken bedecken den Himmel. "Und die Philosophie ist die Hebamme bei der Geburt." Auch das ist von Sokrates. Er ging, heißt es, auf die Marktplätze des antiken Athen, um mit den Menschen die großen und kleinen Fragen des Lebens zu besprechen, um im Gespräch das Selbstbewusstsein zu schärfen, um die Erkenntnis von der Straße aufzulesen. Dieser Film von Silvia Kaiser und Aleksandra Kumorek geht in die JVA Tegel. Es ist die einzige Haftanstalt weltweit, die philosophische Gespräche anbietet. Alle Häftlinge nehmen freiwillig an ihnen teil, ein direktes, therapeutisches Ziel streben sie nicht an."Der Wert des Lebens" heißt eine der sokratischen Gesprächsrunden, "Der Kick des Verbrechens" eine andere. Der Knast ist mit Tod gleichzusetzen, sagt Rainer. Und er sagt: Wer einen Mord begeht, um sich zu bereichern, hat kein Recht mehr, noch einmal die Freiheit zu sehen. Er hat einen Mord begangen, um sich zu bereichern. Die Kamera zeigt ihn liegend auf dem Bett. Karierte Bettwäsche, in der Hand die Zigarette. Die Kamera schaut ihm direkt, aber nicht aufdringlich ins Gesicht. Sie tastet es ab, dann nimmt sie Details der Zelle in Augenschein. Einen Türknauf, eine Topfpflanze, ein Plakat an der Wand. Es ist, als schaue man Rainer in die Seele. Wie wird man Verbrecher?Gordon, der Kokaindealer, meint: "Das hat Spaß gemacht." Es sei die Faszination der Macht, der Wunsch, zu einer Gruppe zu gehören. "Ich hab gewusst, was ich mache. Ich habe das gewollt. Ich bin genauso ein Drecksack wie jeder andere."Die Weisheit, auch das Berührende dieses Films zeigt sich in dieser Mischung aus Intimität und Diskretion, die den Inhaftierten ihre Würde belässt, aber nie verschwiemelte Mitleidsgefühle, nie die Lust am Voyeurismus bedient. Es ist dies kein Dokumentarfilm, der mit aufgesetzter Authentizität hausieren geht, es ist auch keiner, der die Gefangenen auf ihre Verbrechen, die Haftsituation, das Leben mit der Strafe reduziert. Er will etwas über das Denken und Fühlen, die Widersprüche und Sehnsüchte von Menschen wissen. Von Vasilie aus Rumänien ist zu erfahren: "Die Wahrheit ist nur zu Besuch bei uns." Er lacht. Stefan liest die FAZ, wenn er sagt: "Es fehlt die Elite im Knast." Er lacht auch.Dem Zuschauer werden hier keine Typen und keine fertigen Erkenntnispakete serviert. "Ich weiß gar nicht, ob ich jemals schon einmal frei war", meint einer. Ein anderer: "Innere Freiheit kann sich nur erlauben, der keinerlei Moral besitzt." In den Leerstellen zwischen solchen Selbstbeschreibungen, in den stillen, leisen Momenten wird dem Zuschauer die innere Freiheit geschenkt, sein eigenes Sehnen und Leben zu erforschen. Ein großer kleiner, ein wunderbarer Film.Die Eroberung der inneren Freiheit Deutschland 2009. Buch & Regie: Silvia Kaiser, Aleksandra Kumorek, Kamera: Susanne Fuchs, Marcel Reategui. 85 Minuten, Farbe.------------------------------Foto: "Ich weiß nicht, ob ich jemals schon einmal frei war": Gefangener in Tegel.