Im "Creation Museum" in Kentucky sind Modell-Dinosaurier neben Menschen arrangiert, um zu zeigen, dass die biblische Schöpfungsgeschichte stimmt und die Welt nicht älter als 10 000 Jahre ist. Im Erlebnispark "Holy Land" in Florida wird das Leiden und Sterben des Jesus von Nazareth von überzeugten Christen als Musical nachgespielt. Ein ehemals schwuler Pastor versucht Leute von ihrer Homosexualität zu heilen, und charismatische Prediger ohne jegliche Bibelkenntnisse ziehen den Leuten das Geld aus der Tasche.In den Vereinigten Staaten muss man wahrlich nicht lange suchen, um die seltsamsten religiösen Phänomene zu finden. Bill Maher, US-amerikanischer Comedian, Talk-Show-Moderator und bekennender Agnostiker, hat sich auf die Reise gemacht, um den Spuren von Verbohrtheit und Unvernunft zu folgen. Er besucht Politiker, Wissenschaftler, Gläubige. Er reist nach Israel und Europa. Er trifft Muslime, Juden, Mormonen, Fanatiker, Dumme, Intolerante, Abweichler und Kritiker und auch einen Vertreter der "Ersten Universalkirche des Cantheismus" (Glaube an den Kannabis-Konsum).Maher und sein Regisseur Larry Charles (u.a. "Borat") befragen in ihrem Dokumentarfilm "Religulous", der in den USA mit großem Erfolg lief, die Leute nach ihrem Glauben und machen sich darüber lustig. Jungfräuliche Geburt? Thetane (Scientology)? Polygamie (Mormonen)? Die Sabbat-Regeln? Regen-Wunder? Abzock-Priester? Keine Frage: Was viele Religionen praktizieren und was ihre heiligen Schriften lehren, ist für die moderne Wissenschaft und die säkulare Ethik meist absurd und oft unmoralisch."Religulous" zeigt das ganz in der Tradition des aufklärerischen Dokumentarfilms à la Michael Moore mit schnellen, frechen Zwischenschnitten, etwa anhand von Szenen in Hollywood-Bibel-Epen, welche die Interviews visuell kommentieren. Das ist oft witzig, wirkt stellenweise allerdings auch bemüht. Die Ernsthaftigkeit, mit der lächerliche Fundamentalismen widerlegt werden, wirkt für das gemäßigt säkulare europäische Gemüt zuweilen befremdlich. Und anders als immer wieder behauptet, geht es dem Film weniger um das heilsame Säen von Zweifel als um das Vorführen von Absurditäten zwecks komischem Effekt.Vieles ist unausgewogen - die katholische Kirche etwa kommt ungeheuer gut weg, weil Maher hier nur witzige und schlaue alte Priester interviewt, welche im Kontrast zu den protestantischen Fundamentalisten Amerikas wie die Moderne schlechthin wirken. Und einiges ist an diesem Film auf den ersten Blick hochgradig problematisch, etwa wenn Maher den holländischen Rechtspopulisten Geert Wilders als Zeugen dafür nimmt, dass der Islam gewalttätig sei. Muslime in Europa sind das mittlerweile gewohnt: Ihnen wird in letzter Zeit dauernd vorgehalten, dass der Islam eine grundsätzlich gewalttätige Religion sei und unmöglich eine gemäßigte Theologie ohne übermäßigen politischen Anspruch hervorbringen könne. Auch Maher schlägt in diese Kerbe. Der entscheidende Punkt bei ihm ist allerdings, dass er Gewalttätigkeit und Intoleranz auch allen anderen Religionen vorwirft. Und mögen Christen diesen Vorwurf auch weniger gewohnt sein, historisch gesehen ist er natürlich genauso plausibel oder unplausibel wie derjenige an den Islam. Auch das Christentum war kaum je friedlich, und die Bibel ist voller politisch extrem unkorrekter und aus heutiger Sicht unmoralischer Passagen.Maher unterscheidet, das wird im Verlauf des Films deutlich, prinzipiell nicht zwischen gemäßigter Religion und Fundamentalismus. Dahinter steckt natürlich eine radikalaufklärerische Überzeugung: nämlich dass jede Religion im Widerstreit zur Vernunft steht und in ihrem Kern Gewalt und Intoleranz trägt. Der Wahrheits- und Absolutheitsanspruch des Glaubens ist mithin immer schädlich für die Menschheit.Dass sich eine so starke Form von Religionskritik in den USA aufdrängt nach dem Trauma der Bush-Jahre, in denen der politische Einfluss der religiösen Rechten arg zugenommen und nicht eben segensspendend gewirkt hat, erscheint mehr als verständlich. Und auch in Europa gibt es durchaus Phänomene, welche die Frage, ob da noch etwas Gutes kommen kann, legitim erscheinen lassen - man denke nur an die unheilsame Haltung des Vatikans zur afrikanischen Aids-Krise. Bei aller Diskutierbarkeit treffen die radikalen Religionskritiker schon einen Punkt. Und so witzig verpackt wie in "Religulous" findet man ihn nicht oft.Religulous USA 2008. Regie: Larry Charles, Drehbuch: Bill Maher, Kamera: Anthony Hardwick. 101 Minuten, Farbe.------------------------------Foto: Jesus lebt - auch im Erlebnispark "Holy Land" in Florida.