Als ihr Einsatz beendet ist, sind die Männer wieder in Ladder 1, einer Feuerwehrwache im Süden Manhattans. Einer von ihnen lehnt an einer Wand und dreht immer wieder an seinem Ehering, die Augen voller Tränen. Einer beugt sich über ein Waschbecken und bemüht sich wie manisch, Unmengen grauen Staubs aus seinen Haaren zu entfernen. Ein dritter kotzt in den nächsten Mülleimer. Die Männer gehörten zum ersten Rettungstrupp, der am 11. September 2001 im nördlichen Turm des World Trade Center eintraf. Vier, fünf Minuten zuvor war Flug 0011 der American Airlines in das 96. Stockwerk des Gebäudes gerast - mit einer Spannweite von 50 Metern, 92 Menschen an Bord und 38 000 Litern Treibstoff in den Tanks.Der Film "11. September - Die letzten Stunden im World Trade Center" von Gédéon und Jules Naudet erzählt in noch nie gezeigten Bildern die Geschichte der Feuerwehrmänner von Ladder 1 an New Yorks bitterstem Tag. "Geschichte sucht sich einen Zeugen, der alles aufzeichnet", sagt der 29-jährige Jules. "Das waren wir." Und sein drei Jahre älterer Bruder Gédéon assistiert: "Ich wünschte bis heute, wir wären nicht dabeigewesen."Unfassbares GrauenGeplant hatte das Duo die filmische Langzeitbeobachtung eines Feuerwehrrekruten. Die New Yorker Brandbekämpfer lassen sich nur ungern bei der Arbeit zuschauen, das letzte Mal vor 27 Jahren von der BBC. Dass Jules und Gédéon die Erlaubnis bekamen, verdanken sie ihrer Freundschaft zu dem Schauspieler James Hanlon, der nebenbei als Firefighter auf Ladder 1 arbeitet. Die beiden Regisseure, preisgekrönt für Features über Schauspielstudenten oder Boxtrainer, suchten an der Feuerwehrakademie nach ihrer Hauptfigur: Sie fanden Tony Benetatos, einen unerfahrenen 21-Jährigen. Nach absolvierter Ausbildung wird Tony zu Ladder 1 versetzt. Am Morgen des 11. September geht ein Notruf ein: Irgendwo soll Gas austreten. Unter der Leitung von Bataillonschef Pfeiffer rückt ein Zug ab, Jules Naudet ist mit seiner Kamera dabei. Auf der Straße vernimmt er ein ungewöhnliches Dröhnen. "Ich riss instinktiv die Kamera hoch", sagt er. Und filmte, wie der Jet in den Turm krachte.Tage später werden die Brüder die Bilder an eine französische Agentur verkaufen, um die bisherigen Schulden des Projektes zu begleichen. Es ist der einzige von ihnen freigegebene Filmschnipsel, obwohl ihnen die Medien Millionen von Dollar boten. "Wir sind keine Sensationsjournalisten. Wir wollten ja eigentlich eine positive Geschichte erzählen."Das ist ihnen, so absurd es klingen mag, letztlich sogar gelungen. Natürlich stehen im Zentrum des Films Bilder unfassbaren Grauens. In der Lobby des Nordturms angekommen, filmt Jules Naudet zwar bewusst keine brennenden Menschen, aber das, was man zu sehen bekommt, ist schlimm genug: her-abfallen Betonteile, Gesichter in Panik, die Orientierungs- und Hilflosigkeit der Retter angesichts der mit Kerosin gefluteten Fahrstuhlschächte und einer zusammenbrechenden Funkkommunikation. Das, was man hören kann, ist noch schlimmer: Der Einsturz des Südturms klingt, als stünde man vor einem herandonnernden Zug direkt auf dem Gleis. Und der Aufprall jener Menschen auf dem Glasdach, die mit Sprüngen aus dem Turm zu überleben versuchten, ist unbeschreibbar. Alle 30 bis 40 Sekunden kracht es, alle 30 bis 40 Sekunden zucken die Feuerwehrleute zusammen. "It s raining bodies" (es regnet Körper), sagt einer von ihnen erschüttert.Zu den Innenaufnahmen kommen Szenen von außen nach dem Einsturz des Nordturms. Jules, der selbst auf der Flucht vor dem sich auflösenden Wolkenkratzer immer weiter dreht, wird von Chief Pfeiffer schützend zu Boden gerissen. Die auf der Straße liegende Kamera zeichnet weiter auf: erste Brösel, größere Brocken, Staub. Mehr Staub. Noch mehr Staub. Dann ist das Bild schwarz. "Jetzt ist es vorbei, dachte ich", sagt Jules. Sein Bruder Gédéon drehte ebenfalls, bis er vor herabstürzenden Trümmern Schutz suchen musste: "Ich dachte, jetzt sind wir beide tot." Sie überlebten. Eine Minute pro Stockwerk Man könnte an dem Film, einer Mischung aus Denkmal und Trauma-Verarbeitung, manches kritisieren. Seine am klassischen Hollywood-Drama orientierte Erzählstruktur etwa oder den massiven Einsatz pathetischer Klaviertöne, der für die deutsche Fassung abgemildert wurde. Aber das ist kleinlich angesichts jener Männer, die im Eingangsbereich des Nordturms beschließen, mit 30 Kilogramm Ausrüstung das Treppenhaus hochzusteigen. Sie wissen, dass sie für jedes Stockwerk eine Minute brauchen werden. Aber: "Wir gehen da jetzt hoch und löschen." 343 von ihnen kehrten nicht zurück.Weltweite Austrahlung // Die ARD zeigt den Film "11. September - Die letzten Stunden im World Trade Center" heute abend, 20. 15 Uhr.In weiteren 142 Ländern wird die Dokumentation ebenfalls heute zur Hauptsendezeit ausgestrahlt, auch von dem arabischen Sender El Dschasira.Der amerikanischen TV-Sender CBS präsentierte den Film erstmals am 11. März 2002: 54 Millionen Zuschauer saßen vor den Bildschirmen.Eine DVD-Version des Films mit zusätzlichem Material soll im November erscheinen. 70 Prozent ihrer Erlöse leiten die Regisseure Gédéon und Jules Naudet an einen Fonds weiter, der den Kindern getöteter Feuerwehrleute eine Zukunft ermöglichen will.Foto: ARD In der Lobby des Nordturms: Den Filmemachern begegnen orientierungslose, panische Menschen.