WALLMOW. Gegen sechzehn Uhr wirkt das Dorf wie die Kulisse eines Fantasy-Videos aus dem Familienministerium. Kinderhorden strömen aus der Schule, ziehen die Straße entlang, rennen johlend durch die Gärten, schaukeln, rutschen, toben. Mütter in langen Kleidern schieben Kinderwagen an sorgsam renovierten Fachwerk- und Feldsteinfassaden vorbei, sonnengebräunte Väter sitzen unter blühenden Apfelbäumen und geben Fläschchen. Es scheint so, als seien hier im uckermärkischen Wallmow die Entwicklungsgesetze der deutschen Gesellschaft außer Kraft gesetzt worden. Überall flüchten die Menschen vom Land in die Stadt, allenthalben herrscht ein unbefristeter Geburtsstreik, die meisten Dörfer werden zu sozialen und kulturellen Dürregebieten. In Wallmow, im Norden Brandenburgs, blüht das Leben.Seit der Wende haben sich hier 260 erwachsene Neubürger angesiedelt, die bis heute genau 83 Kinder bekommen haben. Die meisten Zuzügler kommen aus Berlin. Heute leben in Wallmow mehr Zuzügler als Einheimische. Die Neuen sind Schauspieler, Musiker, Psychologen, Architekten, Lehrer oder Handwerker. Sie schwärmen von der Ruhe und der Weite, die es hier gibt, von dem langsamen Leben, das sie jetzt führen. Sie haben Vereine gegründet, eine Schule und einen Kindergarten aufgebaut, die alten Häuser und Scheunen saniert. Die umliegenden Felder werden von einem Biobauern bestellt. Es gibt eine ökologische Tischlerei, einen Kräuterproduzenten und einen Betrieb für Hanf-Dämmstoffe. Sie haben Wallmow zu ihrem Dorf gemacht.Die Einheimischen können da nicht mithalten. Die meisten sind alt oder arbeitslos. An Kinder ist gar nicht zu denken. Die Uckermark ist eine der schönsten, aber auch eine der ärmsten und am dünnsten besiedelten Regionen Deutschlands. Selbst Teilen Rumäniens geht es schon besser. Seit der Wende hat ein Viertel der Uckermärker die Heimat verlassen. Sie suchen anderswo nach Arbeit. Nach den Maßstäben der Vereinten Nationen gilt die Gegend mittlerweile als entvölkert. Die Ruhe und die Weite, die Großstädter sehnsüchtig macht, bringt viele Menschen, die hier geboren sind, zur Verzweiflung. In Wallmow treffen die Sehnsüchtigen und die Verzweifelten zusammen.Sabine Grünberg ist eine von den Neuen. Vor elf Jahren kam sie mit ihrem Mann und vier Kindern nach Wallmow. Mittlerweile hat sie sieben Kinder. "Das geht hier so einfach", sagt sie. Sabine Grünberg sitzt auf einer Bank hinter ihrem Haus. Eine Tochter bringt Kaffee und selbst gebackene Muffins, die Kleinen spielen im Garten. Es scheint wirklich einfach zu sein.Sabine Grünberg ist 43 Jahre alt, eine kräftige Frau mit vielen grauen Haaren und lustigen Augen, die eine fast unheimliche Entspanntheit verströmt. Sie sagt, das Leben sei zu kurz, um sich zu hetzen, um unwichtigen Dingen wie Erfolg oder Geld hinterher zu jagen. Sie hat immer das gemacht, was ihr gerade richtig erschien, was ihr gepasst hat.In der elften Klasse ist sie in Halle von der Schule geflogen, weil sie am 1. Mai eine DDR-Fahne vom Mast geholt hat. Dabei war das gar nicht politisch gemeint, sie war nur ein bisschen betrunken. Es sollte ein Witz sein. Der Mann von der Staatssicherheit, der sie verhörte, fand das aber gar nicht witzig. Es gab ein Verfahren wegen Missachtung staatlicher Symbole und ehe Sabine Grünberg es so richtig mitbekam, hatte ihr Leben den ersten Knick bekommen. Sie ging nach Berlin, besetzte eine Wohnung in Prenzlauer Berg, arbeitete auf Baustellen und später in einer Näherei. Sie bekam ein Kind und dann noch zwei. Sie hatte einen Rhythmus gefunden. Mehr wollte sie gar nicht.Als die Mauer fiel, kam erst mal alles durcheinander. Es passierte so viel. Sie wurde mitgerissen von dem neuen Leben, arbeitete in einem Verein am Kollwitzplatz, gründete eine Schule, trennte sich von ihrem Mann, lernte einen neuen kennen, bekam noch ein Kind. Alles wurde schneller und schwieriger. Die unwichtigen Dinge wurden zu wichtig.Ende 1996 besuchten sie einen Freund in Wallmow. Sabine Grünberg sah die hügeligen Felder, die roten Backsteinhäuser. Sie dachte, dass sie hier wieder ihre Ruhe finden könnte. Sie hatte nie vom Landleben geträumt, sie hatte keine Ahnung, wie es in Wallmow weitergehen könnte, aber sie wollte es versuchen. Sie kauften für wenig Geld ein altes Bauernhaus, arbeiteten jahrelang daran, es bewohnbar zu machen. Vorne im Haus haben sie eine Gastwirtschaft eingerichtet, das "Blaue Licht". Sabine Grünberg sagt, dass sie gerne für andere kocht. Und nur vom Kindergeld könne man ja auf Dauer nicht leben. Aber die Kneipe dürfe nicht zu wichtig werden, sagt sie. Die Öffnungszeiten richten sich nach ihrem Leben, nicht umgekehrt. Montags bis freitags von fünfzehn bis neunzehn Uhr steht die Kneipentür offen. Am Wochenende und an Feiertagen läuft gar nichts.An diesem Nachmittag gibt es selbstgemachte Vollkornnudeln mit Pesto, Ruccolasalat mit Kirschtomaten und Pizza. An den Gartentischen sitzen Mütter in praktischer Kleidung mit ihren Naturlatex-Schnuller-Kindern in der Sonne. Sie könnten auch in Berlin am Kollwitzplatz sitzen. In Sabine Grünbergs alter Heimat. Es scheint so, als hätten sich die Leute hier gar nicht besonders verändern müssen. Sie haben den Kollwitzplatz in die Uckermark mitgenommen.Einige der Zuzügler haben Arbeit in der Gegend gefunden. Zwei Ärzte sind jetzt in der Klinik in Angermünde, andere arbeiten in einem Heim für psychisch Kranke im Nachbardorf. Manche haben sich selbstständig gemacht, werkeln an Projekten oder als Freiwillige in der Schule. Einige machen gar nichts, leben von Hartz IV und Kindergeld. In Wallmow braucht man nicht viel, sagen sie. Im Dorf nennt man sie die "zufriedenen Arbeitslosen". Es sind Leute, die ein leerer Tag nicht unruhig macht, die es genießen können.Nur ein paar hundert Meter vom "Blauen Licht" entfernt steht der "Dorfkrug", die Traditionskneipe von Wallmow. An der grau verputzten Giebelwand hängt eine Schultheiss-Leuchtreklame, der Schankraum ist dunkel, es riecht nach Zigarettenqualm, drei Männer sitzen beim Pils. Hinter der Theke steht Birgit Lindhorst, 39 Jahre alt, Wallmowerin in vierter Generation. Ihre Mutter Erika hat den "Dorfkrug" 1968 übernommen. Als Kind und eigentlich auch später mochte Birgit Lindhorst die Kneipe nicht. Die besoffenen Männer, den Lärm, den Schnapsgeruch. Nach Feierabend war der "Dorfkrug" immer voll. Der halbe Liter Bier kostete dreißig Pfennig.Birgit Lindhorst wollte etwas ganz anderes machen. Was genau, wusste sie selbst nicht. Aber sie wurde ja sowieso nicht gefragt. Nach der Schule besorgte ihr die Mutter eine Lehre als Gaststättenfacharbeiter und dann fing sie im "Dorfkrug" an. Kochen musste sie nicht. Es gab nur Bockwurst und Spiegeleier. Sie verbrachte lange Nächte am Tresen, war von denselben Männern umringt, mit denen auch ihre Mutter ihr Leben verbracht hatte. Sie heiratete Dieter, einen Maurer aus dem Dorf. Mit zwanzig wurde sie schwanger. Kurz vor der Geburt fiel die Mauer. Sie fuhr nach Westberlin, um sich die hundert Mark Begrüßungsgeld abzuholen. Sie kaufte drei Tafeln Schokolade, Haarspray und ein paar Jeans. Seitdem ist sie nie wieder in Berlin gewesen. Sie weiß nicht, was sie da soll.Nach der Wende kamen immer weniger Gäste in den "Dorfkrug". Eine Flasche Bier kostete eine Westmark, das war zu viel. Es gab Streit und Neid im Dorf. Es ging um Ackerflächen, um Arbeitsplätze. Die Kneipe konnte nur noch die Mutter ernähren. Birgit Lindhorst bekam eine ABM-Stelle, später wurde sie arbeitslos. Auch ihr Mann Dieter hatte bald nichts mehr zu tun.1998 ging die Mutter in Rente und Birgit Lindhorst übernahm den "Dorfkrug". Sie stellte einen neuen Speiseplan auf, es gab jetzt Schnitzel mit Pommes und Bauernfrühstück. Aber der normale Betrieb brachte nicht genug ein. Nachts lag sie manchmal wach und überlegte, wie sie das ändern könnte. Ihr Mann bekommt keine Sozialhilfe, weil sie ja Unternehmerin ist. Ihr Sohn brauchte ein Moped. Ein Bekannter riet ihr, Feste zu veranstalten. Es ging los mit Karneval, dann gab es ein Kinderfest, ein Seniorenfest, einen Grillabend, ein Sportfest, ein Herrentagsfest. Sie bietet auch Buffets für Privatveranstaltungen an. Birgit Lindhorst ackert von sieben Uhr morgens bis Mitternacht.Von den Neuen kommt kaum einer in ihre Kneipe. "Die mögen das hier nicht", sagt Birgit Lindhorst. "Aber unsere gehen auch nicht in die andere Gaststätte." Sie sagt, die Neuen seien freundlich, aber auch seltsam. Die hätten keine Gardinen an den Fenstern und ließen das Gras in den Vorgärten wachsen. Mitten am Tag säßen sie im Garten und trinken Kaffee. "Die machen sich keinen Kopf, leben in den Tag hinein. Man weiß auch nicht, was die eigentlich tun, ob die überhaupt arbeiten oder einfach nur so leben."Auch mit der Kindererziehung sei das so eine Sache. Weil die Kinder von den Neuen ja alles dürften. Es gibt die Freie Schule im alten Gutshaus, wo die Schüler selbst entscheiden, ob sie lieber toben oder lernen. Birgit Lindhorst hat von Kindern gehört, die in der fünften Klasse nicht lesen konnten. Aber Socken stricken, das konnten die. Deshalb bringen die Einheimischen ihre Kinder lieber nach Brussow in die Schule, wo alles noch normal ist.Selbst das Dorffest sei jetzt nicht mehr so, wie es früher war. Früher wurde immer auf dem Sportplatz gefeiert und später im "Dorfkrug". Seit einem Jahr machen die Neuen das Fest auf dem Dorfplatz. Sie würden eigenartige Musik hören, "so ne Art Buschmusik", so tanzen, wie man das in Wallmow gar nicht kennt und die Kinder dürften sogar nachts noch dabei sein. Letztes Jahr haben die Neuen Ledersofas auf den Platz gestellt und Cocktails getrunken. "Viele Einheimische gehen da jetzt gar nicht mehr hin", sagt Birgit Lindhorst. Das eigene Dorf ist ihnen fremd geworden.Sabine Grünberg vom "Blauen Licht" hat gerade ein Buch von Tolstoi gelesen. Sie sagt, dass es früher auch schon so war mit diesen Gegensätzen zwischen Städtern und Dörflern. Für die Bauern sei die Natur der Feind, den man bezwingen muss, für die Städter ist es ein Ort der Erholung. In Wallmow, sagt Sabine Grünberg, leben die Einheimischen und die Zuzügler nebeneinander her. "Man grüßt sich, aber man kommt sich nicht wirklich nahe." Deshalb kann sie auch nicht viel sagen zu dem Leben der anderen. Sie kennt es nicht.Obwohl Wallmow ein kleines Dorf ist, sind sich Sabine Grünberg und Birgit Lindhorst nur einmal kurz auf der Straße begegnet. Beim Fototermin für diesen Artikel reden sie zum ersten Mal miteinander. Es ist ein vorsichtiges Gespräch, in dem es vor allem darum geht, dem anderen nicht zu nahe zu treten.Sabine Grünberg sagt später, sie sei beeindruckt, was Frau Lindhorst so alles in ihrer Kneipe veranstalte. Birgit Lindhorst sagt, die Frau Grünberg sei sehr nett gewesen. Ob sie sich mal wiedersehen werden? "Kann schon sein", sagt die Frau vom "Dorfkrug". "Mal sehen", sagt die Frau vom "Blauen Licht".------------------------------An den Gartentischen sitzen Mütter in praktischer Kleidung mit ihren Naturlatex-Schnuller-Kindern in der Sonne. Sie könnten auch in Berlin am Kollwitzplatz sitzen.------------------------------Foto: In Sabine Grünbergs (links) Gasthaus "Blaues Licht" gibt es Vollkornnudeln für die Zuzügler. Bei Birgit Lindhorst im "Dorfkrug" essen die Einheimischen Bauernfrühstück und trinken Bier.