"Ein ehrendes Andenken" verstörte Marga Henseler. Die einstige Mitarbeiterin des Auswärtigen Amtes hakte nach: Die Couragierte

Geschichte geht manchmal verschlungene Wege, und wer die Wahrheit sucht, muss vor allem eines sein: hartnäckig. Das ist eine Eigenschaft, die Marga Henseler ihr Leben lang ausgezeichnet hat, die sie aber im hohen Alter noch einmal ganz besonders bewiesen hat. Allein der einstigen Sekretärin und Übersetzerin im Auswärtigen Amt ist es zu verdanken, dass 65 Jahre nach Kriegsende eine umfassende, wenn auch immer noch heftig umstrittene historische Aufarbeitung der Verwicklung deutscher Diplomaten in die Verbrechen des Dritten Reiches vorgelegt worden ist - "Das Amt", ein Bestseller der politischen Literatur dieses Herbstes.Der Ausgangspunkt dieser Geschichte ist in einer Ausgabe der Postille "Intern AA" aus dem Sommer 2003 zu finden. Das Auswärtige Amt rühmt sich einer besonders großen Identifikation seiner Mitarbeiter mit dem Haus, die oft weit über das Ende der Dienstzeit hinausgeht. Dazu gehört, dass "Intern AA" mit Neuigkeiten aus dem Amt und den Botschaften in aller Welt jeden Monat auch den Ehemaligen zugeschickt wird.Und so schmökert Marga Henseler in ihrer Wohnung in Bad Godesberg in der neuen Depesche und findet unter der Rubrik "Ein ehrendes Andenken" einen verstörenden Nachruf: Geehrt wird der Generalkonsul a.D. Franz Nüßlein, ein Mann, dem sie 1944 in Prag begegnet ist. Er ging dort im Haus ihrer Verwandten ein und aus, bei denen sie wohnte. Nüßlein war als Generalstaatsanwalt ein bedeutender Mann in dem von den Nazis errichteten Reichsprotektorat Böhmen und Mähren. Er galt als Günstling des SS-Obergruppenführers Reinhard Heydrich, dem die "entschlossene Bekämpfung von Rechtsbrechern und Staatsfeinden" durch Nüßlein aufgefallen war. Er wurde bei Kriegsende von US-Militärs festgenommen und der tschechoslowakischen Justiz übergeben. Die verurteilte Nüßlein 1947 als Kriegsverbrecher zu 20 Jahren Zuchthaus. Doch schon 1955 schoben die Tschechen ihn in die Bundesrepublik ab, wo er schnell Karriere im Auswärtigen Amt machte.Seinen offiziellen Lebenslauf aber schönte er: Weder von der Verurteilung als Kriegsverbrecher ist dort zu lesen, noch von der Zuchthausstrafe. Er sei lediglich für einige Jahre "interniert" gewesen. Genau dieses Wort taucht nun auch in seinem Nachruf auf - und ist die Initialzündung für Marga Henselers Empörung. "Das war Geschichtsfälschung. Er war Kriegsverbrecher", sagt sie. Und das schreibt sie sogleich in einem Brief an Außenminister Joschka Fischer. Doch den erreicht diese Nachricht erst einmal gar nicht. Irgendein Referent nimmt sich der Sache an und schickt Henseler einen "Bla-bla-Brief", wie sie es nennt. Möglicherweise wirkt da jenes Korpsdenken, das den Auswärtigen Dienst über die Regimes hinweg begleitet und eint und das dafür sorgt, dass Nestbeschmutzer kei-ne Chance bekommen. Dieser Geist wird sich in hier noch einmal regen.Doch die hartnäckige Marga Henseler gibt nicht auf. Denn: "Ich bin eine geborene Rebellin", sagt sie und führt das nicht zuletzt auf ihr Geburtsdatum zurück: Es ist der 9. November, ein Schicksalstag der Deutschen. Nun schreibt sie an Bundeskanzler Gerhard Schröder, der den Brief tatsächlich liest und ihn an seinen Außenminister weiterleitet. Und die Reflexe des alten Linken funktionieren noch. Kurzentschlossen verfügt Fischer, dass künftig ehemalige Mitglieder der NSDAP grundsätzlich keinen ehrenden Nachruf des AA mehr erhalten sollen. Doch mit dieser Haltung löst der Grüne eine Welle der Empörung im Amt aus.Fischer lässt sich nicht erpressen. Er setzt eine Historikerkommission ein, die die Geschichte des Amtes während der Nazizeit aufarbeiten soll. Fünf Jahre später legen die Wissenschaftler ihre Ergebnisse vor, und einer von ihnen, der Marburger Historiker Eckart Conze, fasst das Ergebnis provokativ in dem Satz zusammen, das ganze Amt sei eine verbrecherische Organisation gewesen. Außenminister Guido Westerwelle präsentiert die Studie in der gediegenen Atmosphäre der Bibliothek des Auswärtigen Amtes und verspricht Konsequenzen.Diejenigen, die im Amt weiter dem alten Korpsgeist verbunden sind, wissen, wem sie das zu verdanken haben: Marga Henseler. Also lancieren sie einen "hübschen Quellenfund", wie die FAZ schreibt, ein scheinbar belastendes Detail aus ihrer Personalakte an die Öffentlichkeit. Danach soll sie ihre Einstellung im AA ausgerechnet der Fürsprache Franz Nüßleins verdanken. Henseler ist empört. Erstens habe sie darum nie gebeten, und zweitens: "Was stöbern da Leute in meiner Personalakte rum?" Sie beschwert sich beim AA und bekommt diesen Satz zu hören: "Ach, das müssen Sie nicht so ernst nehmen."Joschka Fischer könnte nun den Ruhm für seine reinigende Tat beanspruchen. So sieht das auch Marga Henseler: "Der größte Mann in dieser Geschichte ist Joschka Fischer", lautet das Urteil der kleinen, drahtigen und so hartnäckigen Dame von 92 Jahren, deren Körperhaltung noch immer so aufrecht ist wie ihr Geist. Am Abend der Vorstellung der Studie in Berlin aber reicht Fischer die Blumen zurück: "Marga Henseler hat sich um Deutschland verdient gemacht", sagt er, und im Publikum brandet Beifall auf. "Es ist Marga Henseler, die hier Geschichte gemacht hat." Und fast nebenbei empfiehlt er dem Bundespräsidenten, über einen Orden für diese Bürgerin nachzudenken.------------------------------Foto: Marga Henseler erreichte, dass die NS-Vergangenheit des Auswärtigen Amtes untersucht wurde.Foto: Die Schatten der Vergangenheit holten das Auswärtige Amt ein - jedoch langsam. Denn den ersten Schritt zur Aufarbeitung der Geschichte gab es schon 2003.