LONDON/WIESBADEN, im Mai. Erica Duggan hat keine Zeit, ihr Haus im Norden Londons aufzuräumen, all diese Stapel von Papieren und Zeitungen. Nur in dem kleinen Büro unter dem Dach, von dem aus sie ihre Ermittlungen führt, hat sie die Dokumente geordnet, die wichtigsten Akten in den Regalen aufgereiht. "Manchmal schlafe ich nur fünf Stunden, so viel ist zu tun", sagt die 58-jährige Frau. Ihr ist ein Unglück widerfahren, das inzwischen ganz Großbritannien bewegt. Es war am 27. März des vergangenen Jahres, als Erica Duggan nicht schlafen konnte. Sie stand auf, ging in die Küche und setzte sich an den Tisch vor das Telefon. Saß einfach da. "So etwas hatte ich noch nie getan", sagt sie. Später hat sie gedacht, dass nichts in dieser Nacht zufällig geschah. 24 Minuten nach vier klingelte das Telefon. Erica Duggan erschrak. Es war Jeremiah, ihr 22 Jahre alter Sohn. "Ich bin in großen Schwierigkeiten, bitte hilf mir", sagte Jeremiah. "Wo bist du denn?" fragte sie. "In Wies..." Dann brach das Gespräch ab. Erica Duggan hat damals getan, was ihr möglich war. Hat die Polizei alarmiert und ihren Ex-Ehemann. Dann rief sie Jeremiahs französische Freundin Maya in Paris an, wo ihr Sohn seit einem Jahr studierte. Auch Maya war besorgt. Sie hatte in der Nacht ebenfalls einen Anruf von Jeremiah erhalten: "Ich weiß nicht mehr, was Wahrheit und was Lüge ist." Dann hatte er gesagt: "Ich liebe dich. Morgen nehme ich den Zug zurück nach Paris." Maya wusste, dass er nach Deutschland gefahren war, zu einer Konferenz über Krieg und Imperialismus. Es war kurz vor dem Irak-Krieg, er wollte sich dagegen engagieren. "Er ist in Wiesbaden", sagte Maya. "Aber ich kann ihn nicht erreichen." Am Nachmittag um halb fünf kamen zwei Polizisten zu Erica Duggans Haus im jüdischen Londoner Stadtteil Golders Green und sagten ihr, dass ihr Sohn tot sei. Er habe auf einer Straße bei Wiesbaden Selbstmord verübt. "Selbstmord?", fragte sie ungläubig. "In Deutschland?" Als sie davon erzählt, gewinnt sie nur mühsam die Fassung zurück. Sie berichtet, wie sie nach Wiesbaden flog. Wie alles, was sie dort erfuhr, rätselhaft blieb. "Ich wusste nicht, was und wem ich glauben sollte." Drei Zeugen, so die Polizei, hatten morgens um sechs Uhr erlebt, wie Jeremiah auf der Schnellstraße beim Vorort Erbenheim vor ihr Auto rannte, sie konnten noch ausweichen. Dann erfasste ein Wagen Jeremiah, ein weiterer überrollte ihn. Auf dem Polizeirevier machte man die Mutter mit einem Mann und einer Frau um die fünfzig bekannt, die behaupteten, sie hätten Jeremiah auf der Konferenz unterrichtet. "Ich hatte radikale Aktivisten erwartet, aber diese Leute wirkten absolut bürgerlich", sagt Erica Duggan.Die beiden Deutschen sagten, Jeremiah habe zusammen mit weiteren jungen Kongressbesuchern bei einem Freund in Wiesbaden übernachtet, aber in dieser Nacht nicht schlafen können. Er habe sich gegen vier Uhr morgens ein Handy geliehen um zu telefonieren. Schließlich sei er aus dem Haus gerannt und nicht zurückgekommen. Was hatte all das zu bedeuten? Warum rannte Jeremiah kurz darauf sechs Kilometer entfernt vor mehrere Autos? Warum war der Freund, der Jeremiah beherbergt hatte, nicht zu sprechen? Warum erklärte die deutsche Polizei den Fall für abgeschlossen. "Ich wusste: Jeremiah hat niemals Selbstmord verübt!" sagt Erica Duggan. Wie sie dachten die meisten der dreihundert Trauernden, die sich in London zum Begräbnis nach jüdischem Brauch versammelten. "Jerry war der lebensfrohste Mensch, den man sich nur vorstellen kann", sagt ein Freund. Auf den Fotos, die Erica Duggan in ihrem Büro aufgestellt hat, lacht er meist. Er habe nie psychische Probleme gehabt oder gar an Selbstmord gedacht, sagt sie.Ein britischer Untersuchungsrichter ließ eine Autopsie durchführen, es wurden weder Alkohol noch Drogen in Jeremiahs Blut nachgewiesen. In ihrer Verzweiflung begann Erica Duggan, auf eigene Faust zu ermitteln. Den entscheidenden Hinweis bekam sie, als sie in Jeremiahs Taschen Schriften eines Schiller-Instituts, einer Gruppe namens Nouvelle Solidarité und einer Bürgerrechtsbewegung Solidarität fand. Als sie im Internet bei einem Sektenexperten anfragte, kam jene Antwort, die Erica Duggan seither nicht mehr ruhen lässt: "Äußerste Vorsicht!" Nun erfuhr sie, dass ihr Sohn mit einer der umstrittensten Psycho-Sekten der Welt in Berührung gekommen war, der antisemitischen Bewegung des 80-jährigen, extrem rechten Amerikaners Lyndon LaRouche, der wegen Verschwörung gegen die Vereinigten Staaten fünf Jahre im Gefängnis saß und gegenwärtig als unabhängiger Präsidentschaftskandidat gegen George W. Bush antritt. LaRouche führt weltweit einige tausend Mitglieder. Er behauptet, jüdische Geheimbünde kontrollierten die Welt, er propagiert Atomkraftwerke und Reisen zum Mars. Je intensiver Erica Duggan recherchierte, desto mehr fühlte sie sich in einen Thriller versetzt. Zuerst fand sie die Namen der angeblichen Freunde Jeremiahs aus Wiesbaden im Internet; sie waren Funktionäre der LaRouche-Bewegung. Dann stellte sie fest, dass Lyndon LaRouche persönlich auf jener Konferenz gesprochen hatte. Er hatte die Schuld am Irak-Krieg den Juden zugeschrieben. "Jeremiah muss entsetzt gewesen sein, als er das feststellte, denn er hatte nie zuvor Antisemitismus selbst erlebt", sagt Erica Duggan. "Ich dachte daran, dass mein Vater 1933 aus Berlin fliehen musste und viele Verwandte ermordet wurden. Und ich fragte mich, warum die deutschen Behörden einen verdächtigen Todesfall nicht untersuchten." Sie wandte sich an die britische Presse. Eine Albtraum-Story: Ein junger Engländer ruft seine Mutter aus Deutschland an, bittet um Hilfe, zwei Stunden später ist er tot, und Rechtsradikale spielen auch eine Rolle. Dutzende von Reportern machten sich auf Spurensuche. Doch niemand konnte bisher klären, was genau Jeremiah widerfahren ist. Erica Duggan aber hat inzwischen so viel Material gesammelt, dass sich die letzten Tage ihres Sohnes immerhin grob rekonstruieren lassen. Es war im Januar 2003, als Jeremiah Duggan vor dem British Institute in Paris, wo er studierte, mit einem gewissen Benoit ins Gespräch kam, der dort wie immer einen Stand mit Schriften der La-Rouche-Gruppe Nouvelle Solidarité unterhielt. Jeremiah freundete sich mit Benoit an, der ihn zu Seminaren einlud und ihm bald häufig E-mails schickte: "Hallo Jeremiah, anbei Informationen über den Irak-Krieg aus unserer Zeitschrift." Es ist offensichtlich, dass sich Jeremiah bereits in Paris tief greifend veränderte. Als Benoit ihm nach sechs Wochen riet, doch mit seiner Freundin Maya Schluss zu machen, folgte Jeremiah dieser Bitte. Er sagte ihr, es sei besser, sich zu trennen. Maya fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen. Nach drei Tagen kehrte Jeremiah zwar zu ihr zurück, weil er die Trennung nicht aushielt. Aber er hing weiter an Benoit. Und war sehr interessiert, als Benoit ihn zu jener Konferenz in Wiesbaden einlud. Gemeinsam mit einigen anderen Franzosen fuhr Jeremiah Duggan nach Deutschland. Doch nach drei Tagen, die Konferenz war längst zu Ende, blieb er dort, versäumte eine Prüfung und vergaß sogar Mayas Geburtstag. Später fand Erica Duggan heraus, dass ihr Sohn mit fünfzig Anderen an den Sitzungen einer "Schule der Militanten" teilgenommen und LaRouche-Flugblätter in Frankfurt verteilt hatte. "Man verliert die Kontrolle über sein Leben", sagt die frühere LaRouche-Anhängerin Aglaja Beyes-Corleis aus Wiesbaden, die die Organisation eine "gefährliche Politsekte" nennt und über ihre Erfahrungen ein Buch geschrieben hat. "Was mit Jeremiah geschah, erinnert mich an das, was ich selbst erlebt habe: Alle Beziehungen werden auseinander gebrochen und dann alle Lebensbereiche im Sinn LaRouches neu definiert." Am Telefon räumt ein LaRouche-Jünger aus Wiesbaden ein, dass es auf der Konferenz darum ging, junge Leute zu rekrutieren. "Duggan wollte sich uns anschließen, sonst wäre er ja nicht zur Konferenz gekommen", sagt Helmut Böttiger, der den LaRouche-Verlag Neue Solidarität führt. "Es war dann eine Entscheidungssituation: Mach mit, oder mach nicht mit." Sicher ist, dass angebliche jüdische Weltverschwörungen in den Wiesbadener Psycho-Sitzungen eine Rolle spielten, ebenso wie Jeremiahs jüdische Herkunft, auf die er stolz war. Einer der Kongressteilnehmer sagte später, dass Jeremiah ihm in dieser Nacht anvertraute, er fühle sich in Wiesbaden wie ein Gefangener: "Können wir LaRouche trauen? Was hat er mit uns vor?" Als habe Jeremiah begriffen, dass er manipuliert wurde und deshalb in Panik geraten sei. Das passt zur Aussage eines Autofahrers, der Jeremiah an jenem Morgen noch ausweichen konnte: "Der junge Mann kam mit erhobenen Armen auf mich zu, er wirkte wie von Sinnen." Wollte Jeremiah Duggan aus Wiesbaden fliehen? Wieso starb er ausgerechnet in Wiesbaden-Erbenheim, wo die LaRouche-Organisation ihr europäisches Hauptquartier hat? Wie ist es möglich, fragt Erica Duggan, dass diese Gruppe in Deutschland ungestört agieren darf? "Die Ermittlungen haben zu dem Ergebnis geführt, dass keine strafrechtlich relevanten Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden vorliegen", sagt der Wiesbadener Oberstaatsanwalt Dieter Arlet. Deshalb sei niemand aus dem LaRouche-Umfeld vernommen worden.Ein britischer Untersuchungsrichter hat dagegen im November entschieden, dass es sich nicht um einen Selbstmord handele, weil kein Motiv dafür erkennbar sei. Im April wurde Erica Duggan von der Ministerin im Londoner Auswärtigen Amt, Baroness Symons, empfangen. Zwei Stunden dauerte das Gespräch. Danach ist sie im Jubilee Room des britischen Parlaments vor die Presse getreten. "Die Ministerin hat uns Hilfe zugesichert", hat Erica Duggan gesagt. Der Fall ist in der Politik angekommen. Jeremiahs Mutter hofft nun, dass die Ermittlungen in Deutschland wieder aufgenommen werden.------------------------------Als sie im Internet bei einem Sektenexperten anfragte, kam jene Antwort, die Erica Duggan seither nicht mehr ruhen lässt: "Äußerste Vorsicht!"------------------------------Jeremiahs Mutter hofft nun, dass die Ermittlungen in Deutschland wieder aufgenommen werden.------------------------------Foto: Jeremiah Duggan starb auf einer Landstraße bei Wiesbaden. Er wurde von einem Auto überrollt. Seine Mutter sagt, er wollte sich nicht umbringen.