BERLIN/LONDON. Erica Duggans Kampf um Aufklärung nähert sich wohl dem Ende. Anfang November wird das oberste britische Gericht eine Entscheidung fällen, ob der Fall ihres Sohnes Jeremiah in England wieder aufgerollt wird. Jeremiah war unter mysteriösen Umständen im März 2003 auf einer deutschen Autobahn bei Wiesbaden ums Leben gekommen. Der 22-Jährige hatte an einem so- genannten Kaderschulungsseminar der antisemitischen LaRouche-Sekte in Wiesbaden teilgenommen. Im Anschluss daran ist er morgens auf der Autobahn kurz vor der Stadt von einem Auto erfasst und getötet worden. Die Polizei legte sich sofort auf Selbstmord fest. Obwohl Indizien wie ein blutiges Portemonnaie des Studenten auftauchten, das nicht vom Unfallort stammte, hat man keine Obduktion durchgeführt und die Ermittlungen eingestellt. Die Sekte wies ihrerseits jede Verantwortung zurück.Erica Duggan, Lehrerin aus London, Tochter eines dem Holocaust entkommenen Berliner Juden, hat lange gegen die Ignoranz der Ermittler gestritten, in Deutschland und in England. Sie hat Gutachten erstellen lassen, Schriftsätze angefertigt, sie hat sich schwer verschuldet. Sie war oft verzweifelt, und sie hat doch weitergemacht. Sie hat den Tod ihres Sohnes in eine Anklage gegen die Justiz in beiden Ländern verwandelt.Bei den britischen Medien hat sie Gehör gefunden, sie haben über die antisemitische Sekte, in deren Fänge Jeremiah vor seinem Tod geraten war, ausführlich berichtet. Die Mutter hat eine Webseite im Internet gegründet, die alle wichtigen Informationen über die Sekte bündelt. Sie hat die Unterstützung von 99 Abgeordneten des britischen Unterhauses gewonnen, die in einem Brief forderten, die Umstände von Jeremiahs Tod erneut zu prüfen.Jetzt hat Erica Duggan erreicht, dass sich erstmals auch deutsche Politiker mit der Sekte befassen. In Berlin fand das weltweit erste öffentliche Forum statt, auf dem Aussteiger und Experten mit Politikern darüber diskutierten - mit den Bundestagsabgeordneten Hans-Christian Ströbele von den Grünen und Gert Weisskirchen von der SPD. Angereist war auch Simon Hughes, der liberale Oppositionsführer im britischen Unterhaus. Er forderte eine vorbehaltlose Aufklärung: "Wir sind es Jeremiah schuldig, dass nichts unter den Teppich gekehrt wird."Tatsächlich ist die Sekte auch in Berlin berüchtigt, wo ihre Werbetrupps junge Leute auf der Straße rekrutieren. Sie unterhält einen eigenen Geheimdienst und tritt sogar bei Wahlen an, um für sich zu werben. Dann nennt sie sich Bürgerrechtsbewegung Solidarität (BüSo). Oder sie verwendet Tarnnamen wie Europäische Arbeiterpartei und Schiller-Institut. Experten nennen die weltweit etwa 1 500 Mitglieder zählende Gruppe "LaRouche-Bewegung" - nach ihrem Chef, dem rechtsextremen US-Amerikaner Lyndon LaRouche, einem verurteilten Millionenbetrüger, der dafür fünf Jahre in Haft saß.Auf der Konferenz am vergangenen Wochenende in Berlin-Friedrichshain erklärte Ursula Caberta, die Leiterin der Arbeitsgruppe Scientology des Hamburger Senats, dass die LaRouche-Bewegung neben Scientology weltweit zu den gefährlichsten Psycho-Organisationen zähle. Caberta las einen Brief von Berliner Eltern vor, die ihren 22-jährigen Sohn an diese Gruppe verloren haben. Der Sohn hat sein Studium abgebrochen, steht voll im Dienst von BüSo und trifft sich mit seinen Eltern nur unter der Bedingung, dass sie sich nicht an die Öffentlichkeit wenden. Deshalb bleiben die Eltern anonym.Wie ein KriminalromanSie sind nicht die Einzigen, die sich an diesem Tag erstmals zu Wort melden. Ein Franzose, der elf Jahre im Geheimdienst der Sekte war, berichtet von Kontakten zum französischen Inlandsgeheimdienst und von bizarren Verschwörungstheorien. Das klingt lustig.Doch als die US-Amerikanerin Molly Kronberg von Gehirnwäsche erzählt, von ihrem vor 18 Monaten in den Tod getriebenen Mann, sind viele Zuhörer tief berührt. Ein Universitätsdozent aus Nottingham erläutert die antisemitische Ideologie von LaRouche. So habe der Sektenchef erklärt, die Anschläge vom 11. September 2001 gingen auf eine internationale Verschwörung jüdischer Bankiers zurück.Jeremiah Duggan ist offenbar ins Visier dieser Sekte geraten, weil er sich dort offen als Jude bekannte. Das erzählen Erica und Hugo Duggan, seine Eltern. Hugo Duggan hat eine Postkarte von Jeremiah erhalten, wenige Tage vor dem vermeintlichen Suizid: "Bis bald", steht da. Jeremiah starb nur wenige hundert Meter vom Büro des LaRouche-Geheimdienstes entfernt. Doch es wurden keine Sektenmitglieder in Wiesbaden verhört. Was die Eltern an widersprüchlichen Indizien zusammengetragen haben, hört sich an wie eine Kriminalstory. Versuchte der Junge zu fliehen und wurde über die Autobahn getrieben? "Ich halte es für wahrscheinlich, dass er harten psychischen Prozeduren unterworfen wurde", sagt die langjährige LaRouche-Anhängerin Molly Kronberg.Es sind diese Verdachtsmomente, die der Grünen-Politiker Ströbele aufgreift. Seine Anfrage an die Bundesregierung um Wirken und Finanzierung der Gruppe sei "mit Nichtwissen beantwortet" worden, sagt er. Trotz zahlreicher Veröffentlichungen zum Thema LaRouche würde die Bundesregierung ein Verbot der Sekte "nicht einmal in Reichweite ihrer Überlegungen" ziehen. Noch offen ist eine Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe gegen die Einstellung der Ermittlungen im Fall Jeremiah Duggan. "Was sollen wir denn noch tun, um endlich gehört zu werden?" fragt die Mutter des toten Jungen.------------------------------Foto: Erica Duggan lässt der Tod ihres Sohns Jeremiah in Wiesbaden keine Ruhe. Sie kämpft für neue Ermittlungen.