MOSKAU. Josef Stalin hat 56 Jahre nach seinem Tod bekommen, was er verdient hat - einen Prozess. Und zwar im Moskauer Basmanny-Bezirksgericht, Raum 7.Vergeblich drängeln sich Journalisten und Besucher vor dem Eingang. Der winzige Saal fasst allenfalls 20 Menschen, die Richterin und das gute Dutzend Prozessteilnehmer eingerechnet.Durch die geöffnete Tür sieht man ihre Gesichter. Da sitzen die Historiker aus der Menschenrechtsorganisation Memorial, die seit langem Stalins Untaten dokumentieren, und die Vertreter der liberalen Zeitung Nowaja Gaseta. Einen Gerichtsprozess über Stalins Verbrechen haben die Zeitung und Memorial schon lange gefordert, eine Art zweites Nürnberg stellen sie sich vor. "Prozess gegen Stalin" steht jede Woche über einer gemeinsam produzierten Zeitungs-Beilage, die die Verbrechen des Diktators dokumentiert.Streitfall KatynNun haben sie ihren Stalin-Prozess, aber statt eines zweiten Nürnbergs ist eine Posse daraus geworden. Stalin ist nämlich nicht Angeklagter, Stalin ist Kläger. Genauer gesagt, sein Enkel: Jewgeni Dschugaschwili sieht den guten Ruf seines Großvaters in Gefahr. Die Zeitungsbeilage hat ihn einen Verbrecher genannt, das will der Enkel nicht auf der Familie sitzen lassen. Er fordert zehn Millionen Rubel Entschädigung (etwa 220 000 Euro) und einen öffentlichen Widerruf.Jewgeni Dschugaschwili, Jahrgang 1936, ist selbst nicht zum Prozess erschienen. Der pensionierte Offizier wohnt im fernen Tiflis, in Stalins Heimat Georgien. Er trägt einen grauen Schnurrbart wie sein Großvater und ist dessen glühender Anhänger. Dem russischen Publikum ist er allenfalls aus einem Film der Perestrojka-Jahre bekannt: In "Stalins Sohn" spielte Jewgeni den Diktator. Der Film behandelt das traurige Schicksal von Stalins Sohn Jakow, der 1943 in deutscher Kriegsgefangenschaft starb, nachdem Stalin sich geweigert hatte, ihn freizutauschen. Und Jakow wiederum ist Jewgenis Vater, jedenfalls nach Jewgenis Angaben.In seiner Klage hat es Dschugaschwili auf einen Artikel vom vergangenen April abgesehen, der die Ermordung polnischer Offiziere durch Stalins Geheimdienst 1940 im Wald von Katyn behandelt. Die Formulierung "Stalin und die Tschekisten sind durch großes Blutvergießen miteinander verbunden" möchte er etwa verbieten, und die Bezeichnung Stalins als "blutrünstiger Menschenfresser". Und dass die polnischen Offiziere vom NKWD auf Geheiß des Politbüros ermordet worden seien, sei eine Erfindung des Autors, "es entspricht nicht der Wirklichkeit und ist durch nichts begründet", sagt Stalins Enkel und fragt, wo denn, bitteschön, die entsprechenden Dokumente seien, die dies beweisen?Die Beklagten sind verblüfft, dass es überhaupt zum Prozess gekommen ist. Schließlich ist es unter Historikern unumstritten, dass das Massaker von Katyn vom sowjetischen Geheimdienst NKWD und auf Geheiß der Moskauer Führung durchgeführt wurde. Die Sowjetunion hatte zwar jahrzehntelang behauptet, die Wehrmacht habe die polnischen Offiziere auf dem Gewissen. Aber in der Perestrojka-Zeit wurde das Massaker neu untersucht - und einer der Staatsanwälte war eben jener Anatoli Jablokow, der den Zeitungsartikel verfasst hat. Auch Premier Wladimir Putin hat, als er kürzlich zum Jahrestag des Kriegsbeginns in Polen war, das Verbrechen von Katyn als wunden Punkt in den Beziehungen angesprochen.Es wird auch ein wunder Punkt bleiben, solange die russischen Katyn-Akten unzugänglich bleiben; sie gelten zum großen Teil als Geheimsache. Vergeblich forderte der Beklagte Jablokow die Richterin auf, die Akten doch einfach für den Prozess hinzuzuziehen.Die Verhandlung im Basmanny-Gericht wird nicht zum ersehnten Tribunal über Stalins Verbrechen. Sie bleibt eine Posse. Stalins Enkel lässt sich von einem bekannten Verschwörungstheoretiker vertreten, der auch die Mondlandung der Amerikaner bezweifelt. "Es ist Quatsch, und es sieht auch so aus wie Quatsch", resümiert der Historiker und Memorial-Mitarbeiter Nikita Petrow seinen Eindruck nach einem Verhandlungstag in Saal 7.Vor dem Gerichtssaal haben sich zwei Dutzend Stalin-Anhänger älteren Semesters versammelt, sie halten Porträts hoch oder haben sich Abbilder ihres Idols an die Jacke geheftet wie Swetlana Bondarewa. Natürlich habe es unter Stalin Repressionen gegeben, sagt sie. Aber mit gutem Grund! Überall hätten doch trotzkistische Maulwürfe gesessen. Die Ingenieurin wedelt ausgerechnet mit einem von Memorial herausgegebenen Dokumentenband herum, um ihre stalinistische Geschichtssicht zu entwickeln. "Achtzig Prozent der Bevölkerung lieben heute Stalin", behauptet sie.In Wirklichkeit sind echte Stalinisten wie die im Gerichtsflur eine Minderheit. Und dennoch hat Stalin in Russland eine Renaissance erlebt. Als der Fernsehsender Rossija jüngst nach der größten Persönlichkeit in Russlands Geschichte fragte, führte Stalin lange das Zuschauer-Ranking an. Ein vom Kreml in Auftrag gegebenes Handbuch für Geschichtslehrer findet lobende Worte selbst für den Massenterror: Der habe dafür gesorgt, dass nur die fähigsten Menschen im Staatsapparat geblieben seien. Seit kurzem prangt Stalins Name sogar wieder riesenhaft in einer renovierten U-Bahn-Station.Swetlana Bondarewa hat sich darüber nicht so gefreut. "Ich habe mich gefragt: Wozu brauchen die den wieder?", sagt sie. Ob man der Wirtschaftskrise mit Stalinschen Methoden Herr werden wolle? Nichts gegen Repressionen an sich, sagt Frau Bondarewa, aber im Kapitalismus seien sie natürlich abzulehnen. "Da folge ich streng dem Klassenstandpunkt."Am Dienstag soll im Basmanny-Gericht das Urteil fallen.------------------------------Nun haben sie ihren Stalin-Prozess, aber statt eines zweiten Nürnbergs ist eine Posse daraus geworden.Foto: "Opa war kein Mörder." Jewgeni Dschugaschwili vor dem Bild seines Großvaters Josef Wissarionowitsch, genannt Stalin.