LISSABON. In dem Moment, als ich die drei jungen Männer um die Ecke kommen sah, war mir klar: Sie sind mir gefolgt. Die meisten meiner Freunde hatte es schon erwischt - nachts in kleinen Seitenstraßen von Lissabon oder in Hauseingängen. Jetzt also war ich dran - am helllichten Tag, allein auf dem idyllischen Platz hinter der Altstadtkirche. Ich war der Tourist und sie die Einheimischen aus ärmlichen Verhältnissen. Sie waren gekommen, um mich auszurauben.Es ist seltsam, was in einem vorgeht, an was man sich später erinnern kann. Es ging blitzschnell: Einer hielt mir ein Messer an den Hals und forderte Portemonnaie und Handy, der Zweite griff sich Tasche und Discman, der Dritte passte auf, dass keiner kam. Sie waren vielleicht Mitte 20, dem mit dem Messer fehlten ein paar Zähne. Mehr kann ich zu ihnen nicht sagen. Ich weiß nur, dass ich fürchtete, sie stünden unter Drogen und könnten einfach zustechen. Nichts dergleichen geschah.Stattdessen entspann sich ein kurzes Gespräch. Sie waren erstaunt, dass ich portugiesisch spreche und schon länger in Lissabon lebe. Als sie meine Nationalität erfuhren, sagte der mit meiner Tasche, dass sein Onkel in Deutschland lebe. Das hob unsere Interaktion auf eine neue, vertraulichere Ebene. Hatte er eben noch gedroht, mich aufzuschlitzen, entschuldigte sich der mit dem Messer nun beinah. Er sei arm, sagte er, und auf Raub angewiesen."Ich bin auch nicht reich", kam es über meine Lippen. In der Sekunde wurde mir klar, dass sie mich weder umbringen noch verletzen würden. Zuerst wollte ich nur die Tasche zurück. Da war mein Adressbuch drin, das brauchte ich, ihnen nützte es nichts. Sie gaben sie mir ohne Diskussion. Danach forderte ich mit zittriger Stimme den Discman. Der war alt und würde eh' nicht viel einbringen. Auch den bekam ich wieder. Dass Diebe in Lissabon üblicherweise nur Handys rauben, die Sim-Karten aber zurückgeben, wusste ich aus Erzählungen von Freunden. Aber ich wollte auch mein Handy. Es war ja meins.Ich kann nicht genau sagen, was eigentlich passierte. Da war ohne Frage Angst. Aber viel stärker war ein seltsames Gefühl der Verbundenheit: dass wir trotz aller finanziellen, sozialen, kulturellen Unterschiede gleich sind. Und dass diese Sachen eben mir gehören, nicht ihnen. Ich bin sicher, sie spürten das auch. Von den 30 Euro im Portemonnaie behielten sie 15, das erschien fair. Alles andere gaben sie zurück. Ich kann es nicht beschwören, aber ich glaube, wir haben uns die Hände geschüttelt, bevor sie gingen. Wie nach einem guten Geschäft.