Helmut Halm hat sich dem Leben gegenüber eine abwartende, sarkastische Haltung angeeignet. Er hat es sich bequem gemacht, mit seiner Frau Sabine, in seinem Beruf als Lehrer, als gebildeter Mittvierziger des oberen Mittelstands. Seit zwölf Jahren fährt das Paar nun schon im Urlaub an den Bodensee, wo Sabine schwimmen geht und Helmut die Vögel beobachtet. Am Abend dann ein schönes Glas Wein und dazu ein gutes Buch. Routiniertes Atemholen, immer hübsch einen Fuß vor den anderen setzen.Ende der SeelenruheSo schnell kann unseren Helmut nichts mehr überraschen, geschweige denn aus der Ruhe bringen. Das denkt er zumindest. Dann aber taucht eines Tages Klaus Buch auf, ein alter Schulfreund mit einer viel zu jungen Frau namens Hel an seiner Seite, schier platzend vor Tatendrang und Geselligkeitsstreben. Mit Unbehagen schaut Helmut auf Klaus, abwartend und nichts Gutes ahnend. Und in der Tat wächst sich die gerade noch zu verschmerzende Störung des Urlaubsfriedens alsbald schon zu einer massiven Störung des Seelenfriedens aus. Der laute, aktive Klaus wirkt wie ein Stachel in Helmuts trägem, welkendem Fleisch, und die schöne Hel trägt so gar nichts dazu bei, diesen Schmerz zu lindern.Rainer Kaufmann hat Martin Walsers Novelle "Ein fliehendes Pferd" verfilmt - das Ergebnis braucht den Vergleich mit der Vorlage nicht zu scheuen. Das ist allein deshalb schon eine gute Nachricht, weil die Möglichkeiten, Walsers subtilen Text in die falschen Bilder zu fassen, unendlich gewesen wären. Natürlich nimmt sich Kaufmann Freiheiten - es bleibt ihm auch gar nichts anderes übrig, denn schließlich ist Walsers Novelle ein Meisterwerk aus indirekter Rede und Konjunktiv, eine beispielhafte Studie der Passivität und des Lebens in der Möglichkeitsform. Als ebenso schonungslose wie präzise Schilderung einer männlichen Krise von innen heraus und als brillante Realisation einer literarischen Form stieg "Ein fliehendes Pferd" umgehend nach der Buchveröffentlichung im Jahr 1978 zum Klassiker auf.Die zum Selbstquälerischen neigende Introspektion des Walser-Helden Helmut Halm wendet Kaufmann nun nach außen, indem er die Handlungselemente der Geschichte betont. Einige neue Szenen verhelfen vor allem den sexuellen Spannungen zwischen den Figuren zu größerer Geltung. Bei Walser sind diese als unterschwellige Strömung gestaltet, die Helmut zunehmend verzweifelt zu verdrängen sucht. Mit der Betonung des Sexuellen einher geht eine aktivere Rolle der Frauenfiguren, womit Kaufmann dem egozentrischen Charakter der Vorlage entgegenarbeitet.Den derart sanft den filmischen Möglichkeiten angepassten Stoff brauchte Rainer Kaufmann dann nur noch in die Hände verlässlicher Schauspieler zu legen. Schauspieler, die in die Charakterisierung der Walserschen Figuren jenes entscheidende Quentchen Melancholie einfließen lassen, in dem das Drama des bürgerlichen Stillstands zum Ausdruck kommt. Und so ist denn "Ein fliehendes Pferd" nicht zuletzt als Schauspieler-Film ein reiner Genuss.Ulrich Tukurs Klaus - ein großspuriger, raumgreifender und verdrängender Kerl - ist allein schon körperlich eine Bedrohung für Ulrich Noethens die Unauffälligkeit suchenden, sensiblen Helmut. Der geht durchs Leben mit einer Miene, die immer einen resignierten Seufzer zu bergen scheint. Dass Helmut nun zusehen muss, wie Klaus sein beschauliches Leben aufmischt, das muss naturgemäß zur Katastrophe führen. Ganz allmählich lässt Noethen die im Inneren seiner Figur aufsteigende Wut zu einem lautlos tobenden Orkan anwachsen - und wird mit seinem nuancenreichen, sorgsamen Spiel zu dessen Auge.Anfang des AbenteuersAngesichts von Katja Riemanns Sabine ist Helmuts Angst umso verständlicher. Riemann gestaltet Helmuts "einzigen Menschen" als souveräne Frau, in deren Freundlichkeit überraschende Ironie aufblitzt. Ihre Eigenständigkeit macht sie in einer vibrierenden Körperlichkeit sichtbar, die nun wiederum Helmut völlig abgeht, die er aber braucht. Mag das Älterwerden Sabine auch verunsichern, sie ist Klaus' junger Freundin Hel letztlich doch haushoch überlegen. Aber es ist schwer, sich Hels verführerischem Sog zu entziehen, den Petra Schmidt-Schaller aus schläfriger Sinnlichkeit und naiver Lebenslust speist.Was da alles geschieht, in diesem Sommer am Bodensee, ist niemandes Schuld. Es ist nur ein unglückseliges Zusammentreffen sehr verschiedener Charaktere. In seiner kongenialen Verfilmung verrät Kaufmann das Geheimnis - und zuckt dabei nicht mit der Wimper.------------------------------Ein fliehendes PferdDtl. 2006.96 Minuten, Farbe.FSK ab 12 Jahre.Regie: Rainer KaufmannDrehbuch: Ralf Hertwig, Kathrin Richter, nach dem gleichnamigen Roman von Martin WalserKamera: Klaus EichhammerMusik: Annette FocksDarsteller: Ulrich Noethen, Katja Riemann, Ulrich Tukur, Petra Schmidt-SchallerAb morgen im Kino.Weitere Filmkritiken unter: www.berliner-zeitung.de/kino------------------------------Foto: Sie hören die Nachtigall trapsen: Klaus (Ulrich Tukur), Helmut (Ulrich Noethen ), Hel (Petra Schmidt-Schaller) und Sabine (Katja Riemann, v. l.).