Erwin Geschonneck wird in zwölf Tagen hundert Jahre alt, die Spatzen pfeifen es von den Kinodächern, auf dass auch die Filme gezeigt werden mögen. Sogar der "Schwarzwälder Bote" von hinter den Bergen, wo der Schauspieler vielleicht nicht so bekannt ist, vermeldete das nahende Jubiläum. Als Bild wählten die Badener Geschonneck im Smoking aus, und dachten wohl, der muss so eine Art Johannes Heesters des Ostens sein. Die Ähnlichkeiten sind Zufall. In der Zeit als Heesters ein frohes Leben führte, saß Geschonneck im KZ Dachau.Das Buch, das am Mittwoch im Brecht-Haus vorgestellt wurde, bebildert die ganzen hundert Winter, die Geschonneck alt ist. Es heißt "Erwin Geschonneck - eine deutsche Biografie". Viele Fotos sind aus dem frühen Proletarierleben des Geschonneck aus der Ackerstraße 6/7 in Berlin-Mitte nicht und aus den KZ-Jahren natürlich gar keine vorhanden. So behilft sich der Autor Frank Hörnigk mit klugen Ergänzungen: Für das Jahr 1908, in dem der Zweijährige mit der Familie aus Bartenstein/Ostpreußen nach Berlin kam, ein Bild von der Kreuzung Unter den Linden/Friedrichstraße, wo mitten auf der Fahrbahn eine eilige Menschenmasse quirlt, chancenlose Glücksritter wie Geschonnecks Vater. Für die Weimarer Zeit ein Bild der KPD-Zentrale am Bülow-Platz, vor der die SA aufmarschiert. Dann eine Fotomontage von John Heartfield, 1934 in Prag gemacht: Der im Hakenkreuz den gekreuzigten Jesus Christus imaginierende nackte Mann ist Geschonneck. Vom sowjetischen Exil, aus dem der Genosse von seinen Genossen vertrieben wurde, Fotos vom Deutschen Gebietstheater Dnepropetrowsk. Dann Sudetendeutsche, die mit Hitlergruß die Wehrmacht beim Einmarsch in die Tschechoslowakei begrüßen. Geschonneck wird jetzt nach Berlin zum Verhör "überstellt".Von einer Aufführung im KZ-Theater ist ein Programmzettel erhalten, und drei Seiten weiter dann ein Bild von der auf die Seite gekippten Cap Arcona in der Lübecker Bucht - die wohl abgründigste Geschichte aus dem Jahrhundertüberleben: Am 3. Mai 1945 noch trieb die SS Tausende von Häftlingen im Todesmarsch auf das Schiff, das dann von britischen Fliegern in Brand geschossen wurde und sank. Geschonneck überlebte. Hörnigk schreibt: Im Mai 1945 steht Geschonneck "in einer Reihe mit seinen Genossen und Befreiern, die zugleich die Bombardierung des KZ-Schiffes verantworteten - und auch wenn es ein Unglücksfall gewesen sein sollte - nicht frei waren von Schuld, wie alle anderen auch."Eine Entdeckung ist, dass Geschonneck 1947 in Hamburg am Theater der Ida Ehre in der Uraufführung von Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür" in einer Nebenrolle mitwirkte. Die Zeit im Berliner Ensemble und bei der Defa ist reich bebildert. 1993, 87-jährig, sitzt Geschonneck Zigarre paffend in der BE-Kantine mit Ekkehard Schall und Dieter Mann. Die Politiker, die ihm zum 90. gratulieren sind schon vergessen.Und da ist dieses Porträtfoto aus diesem Jahr 2006, auf das man nicht aufhören kann, zu schauen .------------------------------Frank Hörnigk: "Erwin Geschonneck - Eine deutsche Biografie", Verlag Theater der Zeit, 190 Seiten, 18 Euro.------------------------------Foto: Erwin Geschonneck - am 27. 12. feiert er seinen 100. Geburtstag.