Liebe BesucherInnen! Ich bitte Sie, den beiliegenden Fragebogen durch Ankreuzen oder bloßes Einreißen zu beantworten und am Ende des Konzerts wieder zurückzugeben. Sie helfen mir bei meiner wissenschaftl. Arbeit. Danke! Katja Nawka/Stud. " Sehr geehrte Frau Nawka, es war uns leider nicht möglich, unser Urteil über das Konzert des Kammerensembles Neue Musik am Sonnabend in der Akademie der Künste nur durch Einreißen oder Ankreuzen wiederzugeben. Deswegen erhalten Sie unsere Antworten erst jetzt."Warum besuchen Sie heute dieses Konzert?" Zwischen dem Charme der u. a. möglichen Antworten "Ich hatte gerade nichts anderes vor" und "Mich interessiert das heutige Programm" hin- und hergerissen, entscheiden wir uns für die letztere."Was erwarten Sie Besonderes von Aufführungen neuer Musikwerke?" Leider alles: "Geistig Anregendes", "Informationen zu Komponisten", "Professionalität" und "Engagierte Musiker"."Interessieren Sie auch andere Bereiche kulturell-künstlerischer Produktivität wie Literatur, Theater, Bildende Kunst, Oper?" "Ja", aber glauben Sie im Ernst, dass hier jemand mit "Nein" antworten wird?"Könnten Sie beschreiben, was Ihr Interesse an zeitgenössischer Konzertmusik befördert hat?" "Studium/Berufliche Tätigkeit", davor, muss ich gestehen, war mir die Existenz lebender Komponisten nur vage bewusst. Und deswegen schien mir auch Ihre vorige Frage zu allgemein formuliert: Interessant wäre es doch zu erfahren, welche "Bereiche kulturell-künstlerischer Produktivität" die regelmäßigen Hörer "zeitgenössischer Konzertmusik" sonst so interessieren. Meine These ist, dass da relativ wenige aus der Hörerschaft nichtzeitgenössischer Konzertmusik herkommen, sondern aus ganz anderen Bereichen, der bildenden Kunst oder dem Avantgarde-Pop. Das empirisch aufzuarbeiten, wäre interessant."Welches Musikstück des heutigen Abends hat Ihnen besonders gefallen (auch mehrere)?" "Hermann, Göritz, Jadlowski"."Können Sie beschreiben warum?" "Ja. " Über Arnulf Herrmanns "Sextett" können Sie schon in der "Berliner Zeitung" vom 19. Juni 2001 nachlesen, warum dieses Stück mir geglückt erscheint; ähnlich wie bei Beat Furrers "Still", das den Höhepunkt des von diesem Komponisten dirigierten KNM-Konzerts vom Freitag bildete, scheint sich hier die Form der Komposition, ihre Richtung, Dichte, ihr jeweiliges Energieniveau direkt aus der sozusagen haptischen Qualität der Klänge selbst zu entwickeln. Der Eindruck von Daniel Göritz "Falle" ist schwerer zu beschreiben, vielleicht am besten mit einer ethischen Kategorie: Uneitelkeit herrschte in diesem ganz ruhigen und unspektakulären Stück für Violine, Cello, Zuspielband und Live-elektronik. Das fiel positiv auf im Vergleich zu Sibylle Pomorins "Hommage" für Kammerensemble und Zuspielband, das mit seinem elektronischen Meeresrauschen und den vor sich hin blubbernden Instrumentalimpulsen wie die Begleitmusik zu einer Unterwasser-Dokumentation wirkte. Auch Frank Gerhardts "Jade-Maiwan" wirkte eher dank der virtuosen Sensurround-Behandlung eingespielter Alltagsgeräusche als durch kompositorischen Umgang mit dem Thema "Vergangene Existenz an einem vergangenen Ort".Wesentlich geglückter - wenn auch verdächtig effektsicher - war "IS IT THIS?" von Pierre Jodlowski, eine Art großer Videoclip über Berlin als imaginierten Ort, der schon durch den Einsatz von Schreibmaschinen-Klängen und -Schriftzeichen bestrickte. Der Klang einer ausdrucksvoll gespielten Schreibmaschine, das ist etwas, was die heranwachsende Generation gar nicht mehr zu ihrem nostalgischen Erfahrungsschatz wird zählen können. Haben wir etwas vergessen? Ach ja, die Studie über spätimpressionistische Akkorde "Loodekaar" von Jüri Reinvere."Verdient Ihrer Meinung nach moderne Konzertmusik auch weiterhin öffentliche Förderung?" "Ja". Das KNM verdient sie für seine unter widrigsten akustischen Umständen in der Ausstellungshalle II der AdK vorzüglich gespielten Konzerte. Insbesondere sollte auch die hoch komische Produktion von Mauricio Kagels "Staatstheater", die gemeinsam mit den "Maulwerkern" nur ein einziges Mal am späten Freitagabend über die Studio-Bühne ging, dem Publikum nochmals zugänglich gemacht werden - allein schon für die Szene, in der Barbara Thun höchst hochnäsig das Verzehren eines Knäckebrots zum akustischen Ereignis macht.Der Abend führte vor, wie sich die reine Cage sche Lehre von der Befreiung der Musik durch die Emanzipation des Geräuschs hinterrücks wieder in Musiktheater verwandeln lässt: Indem die mittels Gummibällen, Rohren, Haushaltsgeräten usw. produzierten Geräusche doch wieder kunstvoll geformt wurden und in kleinen Szenen gewissermaßen zur körperlichen Signatur der Mitwirkenden gerieten. Kagels "Staatstheater", das die öffentlich geförderten Apparate auf die Schippe nimmt, wurde unversehens zum Argument für die freien Gruppen, gerade durch das etwas Ungelenke und den mitunter durchhängenden Großrhythmus der Auf- und Abtritte.Ich weiß, danach war nicht gefragt worden, aber woran sonst soll die Berechtigung öffentlicher Förderung aufgewiesen werden, wenn nicht am gelungenen Beispiel?Was erwarten Sie von Aufführungen neuer Musik?